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Deutsche Schüler und die DDR : Wann war noch mal die Mauer?

Auf den Spuren der DDR: Klassenfahrt nach Berlin Bild: Illustration Jan-Hendrik Holst

Vor 25 Jahren öffneten sich die Grenzen. Bleibt die Frage, was Schüler von heute noch mit der DDR anfangen können. Unterwegs in Berlin mit einer Schulklasse auf den Spuren des Sozialismus.

          Die Jugendlichen wollen schlafen, aber jetzt sitzen sie erst einmal in Honeckers Wohnzimmer. Oder zumindest in seinem Traum von sozialistischer Gemütlichkeit: Braunes Sofa, das Telefon mit Wählscheibe steht auf einem Beistelltisch, Matruschka-Puppen glotzen aus der Schrankwand „Karat“ auf die Schüler. Im Fernsehen läuft „Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande“.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Der Führer im Berliner DDR-Museum erzählt eine Geschichte: Vor kurzem sei eine ältere Dame durch das nachgebaute realsozialistische Wohnzimmer gegangen und habe beim Anblick der Schrankwand zu weinen angefangen. Ein Schüler vermutet: „Weil die so hässlich war.“ Der Führer sagt: „Weil sie die Schrankwand aus ihrer Kindheit kannte.“ Die Schüler kennen „Billy“ von Ikea, aber nicht „Karat“ aus der DDR. Die Schülergruppe zieht weiter in die Küche.

          Als ein Junge das Kunststoffgeschirr entdeckt, ruft er laut „Plaste und Elaste“, den einstigen Werbespruch der Buna-Werke. Das weiß er nicht. Er hat die Begriffe nur irgendwann mal aufgeschnappt, sagt er, im Fernsehen, bei den Eltern, aus dem Geschichtsbuch. Alles ein bisschen Folklore. „Aber wenigstens praktisch“, meint der junge Mann. „So ein Kunststoffteil hält doch ein Leben lang.“

          Ausflug in die deutsche Geschichte

          Die Geschichte der DDR ist auch die Geschichte ihrer Plastikeierbecher. Die gibt es für zwei Euro an der Kasse des Museums zu kaufen, genau wie die Postkarten mit Hammer und Sichel und den Worten „Verdienter Aktivist“. Während in der Ausstellung Informationstafeln über die Bespitzelungstechniken der Stasi informieren, wird nur ein paar Meter entfernt Sozialismus-Kitsch verkauft. „Das ist irgendwie ein etwas seltsames Konzept“, sagt Anouk.

          Auch sie ist müde. Mit ihrer Gruppe ist sie erst vor ein paar Stunden in Berlin angekommen, und weil der Zug Verspätung hatte und die Führung im DDR-Museum fest gebucht war, ging es für sie und ihre Mitschüler vom Hostel gleich weiter in die Innenstadt. Die Gruppe der Dreizehntklässler ist insgesamt neun Tage auf Studienfahrt. Erst in Weimar, dann in Berlin. Gestern waren sie noch im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Heute sind sie schon auf den Spuren der DDR. „Das Programm ist für die Schüler natürlich eine Überforderung“, sagt selbst ihr Lehrer.

          Nils Hilscher unterrichtet erst seit drei Jahren Deutsch und Geschichte. Er trägt eine Brille mit breitem schwarzen Gestell, Jeans und Turnschuhe. Auch er kennt die DDR mehr aus Lehrbüchern als aus eigener Anschauung. Trotzdem hat er sich, als er das Programm für die Studienfahrt zusammengestellt hat, für den Sozialismus als Thema entschieden und nicht etwa für die Nazi-Vergangenheit. Zu der gebe es in Berlin ja auch eine Menge zu sehen. „Das ist fast schon eine Konkurrenz unter den Gedenkstätten“, sagt Hilscher. Stelenfeld oder Mauerreste, Anne-Frank-Museum oder Checkpoint Charlie.

          DDR kommt im Unterricht zu kurz

          Vielleicht hat sich Hilscher auch deswegen für das DDR-Programm entschieden, weil er ahnte, dass manche seiner Schüler noch nicht so viel über die DDR wissen. Woher auch, wenn laut einer aktuellen Umfrage von Infratest Dimap nur jeder zweite Deutsche das Datum des Mauerbaus kennt? Wer die Filme „Good bye, Lenin!“ und „Das Leben der Anderen“ gesehen habe, sei da unter seinen Schülern schon im Vorteil, sagt Hilscher. Denn im Gegensatz zum Nationalsozialismus, der sowohl in der Mittel- als auch in der Oberstufe auf dem Lehrplan steht, schafft es kaum ein Geschichtskurs bis zum Mauerbau, erst recht nicht bis zur Wende - auch nicht bei der langen Gymnasialzeit G9.

          Auch für Hilscher und seine Schüler wird es eng. Sie kommen aus Schleswig im Norden der Republik. Nachdem sie bis zum Ende der Mittelstufe bei Hitler angekommen waren, begann für sie der Geschichtsunterricht in der elften Klasse wieder mit der feudalen Gesellschaft und ging über zum Senat und Volk von Rom. Erst im Abschlussjahr - vorausgesetzt, im Unterricht kam man vorher gut voran - steht die „Konkurrenz der Systeme“ auf dem Lehrplan. Das ist nicht nur in Schleswig-Holstein so. Geschichtslehrer Hilscher ärgert es trotzdem.

          Den Ordner mit den Arbeitsblättern zur DDR hat er erst auf der Zugfahrt nach Berlin verteilt. „Sonst hätten den die meisten zu Hause vergessen.“ Für mehr Vorbereitung im Unterricht blieb keine Zeit. Also hat er sich ein straffes Programm ausgedacht: nach dem DDR-Museum gibt es eine Stadtführung zum Checkpoint Charlie, dort wird ein künstlerisch gestaltetes Mauer-Panorama angeschaut. Am nächsten Tag steht eine Fahrradtour entlang des früheren Mauerverlaufs an, die übrige Woche wollen sie dann noch nach Hohenschönhausen, ins ehemalige Stasi-Gefängnis. Ach ja, und an einem Abend ins Musical, „Hinterm Horizont“, aber auch da geht es um die DDR.

          Eine Zeit, welche die Schüler nie erlebt haben

          Die Schüler wussten, was auf sie zukommt, sie konnten zwischen drei Studienfahrten wählen. Nun stehen sie nach anderthalb Stunden Führung durch das DDR-Museum an der Spree und sind doch ein wenig platt. Manche von ihnen haben sich für die Berlin-Fahrt entschieden, weil sie sich für die Stadt und die DDR interessieren, einige andere, weil sie keine Lust auf die lange Busfahrt nach Irland hatten, wohin eine andere Schülergruppe aufgebrochen ist. Das sagen die Schüler ganz offen, und das weiß auch ihr Lehrer Hilscher. Den kümmert das aber nicht sehr. „Wenn ich nach der Fahrt bei einigen zumindest etwas Interesse wecken konnte, wäre das schon super.“

          Bei Benedikt und Salomo muss er sich da keine sonderliche Mühe geben. Die beiden wissen sowieso schon viel über die DDR. Weil ihre Eltern ihnen einiges erzählt haben. Und weil sie die Biographie von Bundespräsident Joachim Gauck gelesen haben. Die Brüder sind erst 17 und 18 Jahre alt und wirken doch schon sehr erwachsen. Aber selbst Benedikt gibt vor der noch anstehenden Stadtführung zu: „Mir tun die Füße weh“, und setzt sich kurz hin.

          Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe britischer Touristen, nicht mehr ganz nüchtern, aber umso besser gelaunt. Einer trägt das Trikot der DDR-Fußballnationalmannschaft. Benedikt trägt ein T-Shirt von AC/DC. Das Trikot der DDR-Mannschaft würde er nicht anziehen, sagt er. Auch keine Fellmütze der NVA, wie sie in Berlin an jeder zweiten Ecke angeboten wird. „Das ist ja alles ganz lustig, aber die DDR war immerhin eine Diktatur.“ Das klingt sehr richtig und wahr - aber auch ein wenig auswendig gelernt. Als wüsste man genau, wie man die DDR zu bewerten hat, auch wenn man sie nie selbst erlebt hat.

          Besucherzahlen der Gedenkstätten steigen

          Die meisten Bürger sähen die DDR heute entweder mit extremer Ostalgie oder als Unrechtsstaat, sagt Hans-Michael Schulze. Zwischen diesen beiden Polen hingen auch viele Jugendliche in der Luft, das merke er immer wieder. Schulze ist Historiker und Referent im DDR-Museum. Er ist in Sachsen-Anhalt geboren, und mit seinen schulterlangen blonden Haaren und den geöffneten Hemdknöpfen hätte er in der DDR wohl als subversiv gegolten. Er ist ein Mann mit aufklärerischem Feuer in den Augen, aber auch ohne Illusionen: „Die Schüler haben die letzte halbe Stunde wahrscheinlich nichts mehr von dem mitbekommen, was ich ihnen erzählt habe.“

          Er bietet für Klassen auch regelrechte Themenpakete zur DDR an. Erst bringe er den Schülern den im DDR-Museum mitunter bunt-bizarr dargestellten DDR-Alltag näher, danach führe er sie durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Die Reihenfolge sei wichtig, sagt Schulze. „Wenn ich erst das Stasi-Programm mache, denken alle: Die DDR war nur furchtbar. Da reißt es der Besuch im Museum dann auch nicht mehr raus.“

          Ihr Publikum finden die vielen Gedenk- und Ereignisstätten offenbar sowieso, denn all ihre Besucherzahlen steigen. Nach Hohenschönhausen kommen jährlich mehr als 350.000 Menschen, zum Checkpoint Charlie mit angeschlossenem Museum und Shop 850.000.

          Ost und West sind für viele nur noch Himmelsrichtungen

          Wie viele kommen aus echtem Interesse vorbei - und für wen ist das alles nur Pflichtprogramm, genau wie Fernsehturm oder Brandenburger Tor? Dass sie Letztere nicht besuchen werden, finden die meisten Schüler aus Schleswig nicht weiter schlimm. „Ist eben eine Studienfahrt“, sagt Anouk. Etwas anderes stört sie viel mehr, nämlich die nicht ganz gewöhnliche Führung von Schulze durch das DDR-Museum. „Ich versuche, die Schüler zu packen“, sagt Schulze.

          Er hält sich deswegen nicht lange mit den üblichen Trabi-Anekdoten auf, sondern ernennt einen aus der Schülergruppe kurzerhand zum Funktionär der FDJ, der immer laut „Freundschaft“ zu rufen hat, wenn er einen Spitzel, sprich: einen Museumsgast, der nicht zur Gruppe gehört, in der Nähe wähnt. Der Schüler macht es brav mit, etwas irritiert ist aber auch er. Manchen Schülern wäre ein etwas weniger interaktiver Museumsbesuch wohl lieber gewesen, vielleicht sogar mit der einen oder anderen Trabi-Anekdote. Ihrem Lehrer aber gefällt es so besser. „Man hat schon die Sorge, den Schülern etwas zu bieten. An diese Führung erinnern sich die Schüler wenigstens auch noch in ein paar Wochen.“

          Denn die Verführung zu vergessen ist groß, vor allem, wenn die Luft im Museum stickig ist und in manchen Köpfen die Diskokugel des schillernden Berliner Nachtlebens schon verlockend funkelt. Die Hauptstadt ist heute grell, rasant und laut - die DDR ist da für viele Schüler so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg. Ost und West sind nur noch Himmelsrichtungen für sie.

          Oder doch nicht? Benedikt hat sein Handy rausgeholt. Und nun diskutieren er und sein Bruder über das Bespitzeln. Datenmissbrauch könne man nämlich durchaus damit vergleichen, findet Salomo. „Dass man aneinander interessiert ist, finde ich ja okay, aber nicht, wenn die Neugier an anderen ein Teil des eigenen Lebens wird.“ Begriffe der digitalen Welt fliegen durch die Luft - NSA, Facebook, Amazon. Und plötzlich ist die DDR, 24 Jahre nach ihrem Untergang, für die Achtzehnjährigen doch noch einmal ganz nah.

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