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Deutsche Flutopfer Viele Listen mit Vermißten

04.01.2005 ·  In Berlin fällt es schwer, einen genauen Überblick über deutsche Opfer zu gewinnen: Es kursiert nicht nur eine Vermißtenliste, sondern, wie es im Auswärtigen Amt heißt, „mindestens 300“.

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Als die Flutkatastrophe über Sri Lanka hereinbrach, befanden sich Tausende Deutsche auf der Insel: an erster Stelle Pauschal- und Individualtouristen, die nur für Tage oder Wochen in den Süden fliegen wollten. Viele Deutsche hatten aber auch vor, monatelang auf Sri Lanka zu bleiben - Jahr für Jahr überwintern Hunderte in der Sonne. Wer länger als 30 Tage in das Land einreist, benötigt allerdings ein Visum.

Trotzdem sind sich die srilankischen Behörden nicht hundertprozentig sicher, wie viele Deutsche mit einem solchen Dokument ausgestattet waren: Etwa 300 Deutsche, so wird gesagt, sollen sich am zweiten Weihnachtsfeiertag auf der Insel befunden haben. Permanent in Sri Lanka lebten am 26. Dezember zwischen 300 und 500 Deutschen.

Aber auch das ist nur eine Schätzung, dieses Mal von der deutschen Botschaft in Colombo. Zwar führt jede Botschaft in jedem Land eine Liste der ansässigen Deutschen. Doch auf ihr sind nur diejenigen verzeichnet, die sich irgendwann einmal gemeldet haben - um einen Paß verlängern zu lassen, um regelmäßig Informationen aus der Heimat zu bekommen oder um in einem Krisenfall erreichbar zu sein. Eine Meldepflicht gibt es nicht.

„Mindestens 300 Listen“

Seit dem 26. Dezember ist von einer Vermißtenliste die Rede, die nicht nur die Deutschen in Sri Lanka, sondern in ganz Südostasien verzeichnen soll. In Wirklichkeit gab es bislang nicht nur eine Liste, sondern, wie es im Auswärtigen Amt heißt, „mindestens 300 Listen“.

Nach fast zehn Tagen könne daraus nun eine endgültige Liste werden, und die Vorstellung, daß einige Beamte an ihren Computern sitzen, genaue Personenangaben bekommen, akkurat einfach Namen eintippen und wieder löschen - diese schöne Vorstellung wird vielleicht doch noch Realität.

Schwierige Koordination

Am Beispiel Sri Lankas läßt sich zeigen, wie schwierig die Koordination in den ersten Tagen war. An mindestens drei Stellen versuchte man allein in Colombo, sich Klarheit über die Zahl der Vermißten zu verschaffen: in der Botschaft, im Auffanglager der Stadt, im Messezentrum, und am Flughafen. Flutopfer kamen und meldeten Familienangehörige als vermißt, Familienangehörige aus Deutschland riefen an und meldeten mögliche Flutopfer als vermißt.

Manche meldeten sich mehrfach. Andere meldeten sich oder ihre Angehörigen versehentlich mit falschem Namen. Oder der richtige Name wurde falsch notiert. Einige meldeten sich sogar, um bewußt falsche Angaben zu machen. Aus all den Daten versuchte die Botschaft in Colombo eine Liste zu machen, die dann mit den Listen abgeglichen wurden, die Reiseveranstalter und Fluggesellschaften zur Verfügung stellten, soweit sie zur Verfügung standen.

Verglichen wurden die Angaben auch mit der Liste des Auswärtigen Amtes in Berlin und mit der Liste der LAK Immigration. Die srilankische Einwanderungsbehörde registrierte seit dem 26. Dezember alle Deutschen, die aus dem Land ausreisten. Da aber auch viele vermeintlich Vermißte ausreisten, ohne sich explizit zurückzumelden, wurde die sogenannte Vermißtenliste bis zum Wochenende immer länger und wuchs auf „deutlich über tausend“. Spekulationen, daß von 3200 Deutschen jede Spur fehle, wies die Regierung zurück.

Zahl der Vermißten erstmals leicht verringert

Insgesamt hat sich die Zahl der Vermißten am Dienstag erstmals wieder leicht verringert. Soviel ließ sich der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Klaus Scharioth, am Nachmittag entlocken: Die Zahl der „Rückmeldungen“, also der Rückkehrer, die von den Listen gestrichen werden können, habe binnen 24 Stunden von Montag bis Dienstag mittag in einer „niedrigen dreistelligen Größenordnung“ gelegen. Dennoch sei die Gesamtzahl der Vermißten weiterhin bei „über tausend“ notiert worden, da zur gleichen Zeit auch neue Vermißtenanzeigen eingegangen seien.

Von Anfang an waren alle Informationen im Auswärtigen Amt in Berlin zusammengelaufen. Dort hat die Krisenhotline inzwischen mehr als 40 000 Anrufe registriert - darunter auch zahlreiche Vermißtenmeldungen, die von den Beamten an der Telefonaufnahme elektronisch in Standardformularen erfaßt wurden. Diese Meldungen können mittlerweile von jedem Internetnutzer selbst auf der Netzseite des Auswärtigen Amtes eingegeben werden. Auch elektronische „Rückmeldungen“ sind möglich und werden seit einigen Tagen auch ausgefüllt.

Das Außenministerium hatte zwar stets darauf aufmerksam gemacht, daß Vermißtenanzeigen parallel zu der Meldung beim Auswärtigen Amt auch bei der Polizei abgegeben werden müßten, da sie nur dort, wie es heißt, amtlich bearbeitet werden könnten. Doch diese Übung wurde zu selten beachtet, so daß Bundesinnenminister Otto Schily am Donnerstag einen ausdrücklichen Appell folgen ließ: Vermißtenmeldungen sind bei Polizeidienststellen zu erstatten, damit in der Heimat überprüft werden kann, ob jemand tatsächlich vermißt wird.

Zwei Datenpools

Auf diese Weise sind inzwischen zwei Datenpools entstanden, neben dem des Auswärtigen Amtes auch die gesammelten Meldungen der Kreis- und Landespolizeien, die an das Bundeskriminalamt weitergegeben werden. Auf der Seite der Überlebenden-Meldungen, die mit den Vermißtendateien abgeglichen werden können, stellt sich die Lage aber nach wie vor unübersichtlich dar.

Noch immer liegen Listen der Reiseveranstalter neben Listen, die deutsche Botschaften und Konsulate aus den Regionen geschickt haben. Es gibt Listen des Auswärtigen Amtes über Personen, die mit staatlichen Hilfsflügen zurückgekehrt sind, und jede Menge Personendaten von Zurückgekehrten, die der Bundesgrenzschutz seit dem 27. Dezember bei ihrer Einreise gesammelt hat.

Zeitweilig, so wird berichtet, sei zur eindeutigeren Identifizierung der Rückkehrer erwogen worden, bei jeder Person auch die Personenstandsdaten gesondert zu erfassen, um einen genaueren Überblick über die Identität der Rückkehrer zu erhalten. Doch sei davon aus Rücksicht auf die Verfassung der oftmals traumatisierten und verletzten Urlauber verzichtet worden. Stundenlange Wartezeiten auf deutschen Flughäfen wollten die Behörden den deutschen Flutopfern nicht zusätzlich zumuten.

Recherche längst noch nicht abgeschlossen

Weitere Informationen und Hinweise über Vermißte und Tote liefern seit einigen Tagen Fachleute des Bundeskriminalamts, die versuchen, die Identität von Toten in Thailand und Sri Lanka festzustellen; Hinweise kommen aber nach wie vor auch von anderen Helfern, die Überlebende und Verwundete bei ihren Einsätzen im Katastrophengebiet aufspüren. Im Krisenstab des Auswärtigen Amtes werden weiterhin all diese eingehenden Informationen gesammelt.

Sie werden in jenem Konsular-Referat ausgewertet, das auch zu anderen Zeiten (wenn auch in weitaus bescheidenerem Umfang) mit der Auslandsrecherche nach vermißten Deutschen betraut ist, und sie werden an das Bundeskriminalamt weitergegeben, das umgekehrt seine Vermißtendaten dem Krisenstab zur Verfügung stellt. Es heißt aus der Berliner Behörde, bis Ende der Woche werde das Warten auf gesicherte, nachgeprüfte und vollständig abgeglichene Vermißtendaten sicher noch weitergehen.

Das heißt, die Recherche ist längst noch nicht abgeschlossen. Nun gilt es, hinter den als vermißt gemeldeten Personen herzutelefonieren, um tatsächlich sicherzugehen, daß schon verloren geglaubte Urlauber nicht längst irgendwie durch das unübersichtliche Netz geschlüpft und wohlbehalten nach Deutschland zurückgekehrt sind.

Zwangsläufige Unübersichtlichkeit

So sind die Gründe der vorsichtigen Behördenauskunft vielfältig. Sie haben eine Wurzel in der Sorge, die Katastrophe durch übereilte Detailzahlen womöglich noch größer erscheinen zu lassen, als sie am Ende wirklich war. Sie wurzeln vor allem aber in der zwangsläufigen Unübersichtlichkeit, in der sich die Vermißtensuche und die Personenrecherchen vollziehen.

Auch auf Angehörige soll Rücksicht genommen werden. Die vermeintliche Geheimnistuerei ist zudem Teil des deutschen Persönlichkeitsschutzes. So wurden zwar zum Beispiel in Norwegen bereits offizielle Vermißtenlisten ins Internet gestellt. In Deutschland allerdings befürchten die Behörden unter anderem, sie würden damit möglicherweise Dieben und Einbrechern Vorschub leisten, die genau die Häuser heimsuchen könnten, in denen, wie von der Bundesregierung vermeldet, zur Zeit niemand zu Hause ist.

Nur ein Drittel tatsächlich verschollen?

Die Naturkatastrophe vom 26. Dezember ist einzigartig - nicht nur in ihrer Dimension. Trotzdem könnte für die Zahl der Vermißten gelten, was Fachleute bei vergangenen Katastrophen immer wieder festgestellt haben und was vielleicht auch ein Grund für die bisherige Berliner Zurückhaltung ist: daß nämlich letztlich nur rund ein Drittel der als vermißt gemeldeten Personen tatsächlich verschollen und damit auch tot ist.

Das zweite Drittel taucht wieder auf oder ist mehrfach auf Listen geführt worden, weil etwa Namen falsch geschrieben wurden. Und das letzte Drittel ist sogar nie in der Region gewesen, in der die Katastrophe stattgefunden hat.

Quelle: pps./Lt., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2005, Nr. 3 / Seite 8
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