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Deutsche Bahn Mitten im Winter und ohne Reserven

07.01.2010 ·  „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ - eine fatale Kombination von Winterwetter und Engpässen bei den Zügen im Personenverkehr lässt den Kunden der Deutschen Bahn diesen alten Werbespruch wie Hohn in den Ohren klingen.

Von Kerstin Schwenn
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Wer in diesen eisigen Wintertagen mobil sein will, tut sich schwer. Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer müssen einen Gang herunterschalten, sind langsamer unterwegs als sonst. Im Flugverkehr sind Verspätungen gang und gäbe. Besonders arg trifft es die Fahrgäste der Deutschen Bahn. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ - dieser alte Werbespruch aus Bundesbahn-Zeiten klingt wie Hohn in den Ohren derer, die auf Bahnsteigen frierend vergeblich darauf warten, dass der Zug kommt. Die Bilder im Land gleichen sich: Steckengebliebene, schlecht informierte und deshalb genervte Bahnkunden machen ihrem Ärger Luft im hohen Norden, im tiefen Westen und im inzwischen auch verschneiten Süden.

Dabei lässt das Winterwetter die Bahn eigentlich kalt. Dauerfrost und Schneefall machen in der Regel weder Zügen noch Gleisen zu schaffen. Schwierig wird es aber, wenn die Temperaturen stark schwanken. Schneien, Tauen, Frieren, Schneien: dieses winterliche Auf und Ab hält manche Weichenheizung nicht aus, wie ein Bahnsprecher berichtet. „Problematisch wird es außerdem, wenn starker Wind den Schnee verweht und der dann die Strecken blockiert.“ Die Vorhersagen der Meteorologen für das Wochenende, die Schneefall wie aus Kübeln in Aussicht stellen, bereiten der Bahn deshalb Sorge. Zu Schneeverwehungen könnte es besonders im Norden kommen, in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, wo natürliche Erhebungen fehlen.

Mit den Reserven am Ende

Eingefrorene Weichen, vereiste Oberleitungen, Winter in ganz Deutschland - die Bahn tut sich jetzt schwer damit, ihren Winterdienst - die Schneepflüge und Helfertrupps mit Schaufel und Besen - regional zu konzentrieren. Wenn sich die Lage am Wochenende verschärft, soll zumindest gewährleistet sein, „dass die Knotenpunkte wie Frankfurt und Köln sowie die großen Zulaufstrecken frei bleiben“. Wichtig für die Bahn ist etwa die Stadt Hamm in Westfalen. Dort werden die ICE-Züge „geflügelt“, wie es im Fachjargon heißt. Doppelzüge werden geteilt und neu zusammengefügt. Störungen an dieser Schnittstelle haben einen Domino-Effekt, sie wirken sich auf den Fernverkehr im ganzen Land aus.

Video: Pannenhelfer im Dauereinsatz

Der Eindruck, dass sich die Störungen im Schienenverkehr zurzeit häufen, ist indes keine Täuschung, ist nicht nur eine „gefühlte“ Zuspitzung der Lage. Die Bahn selbst spricht intern von einer fatalen Kombination von Winterwetter und Engpässen bei den Fahrzeugen im Personenverkehr. Anders gesagt: Der Konzern ist mit den Reserven am Ende. Konnten früher eine technische Störung, ein überraschender Zugausfall rasch korrigiert werden, fehlt es heute an Ersatzwagen - besonders im schnellen ICE-Verkehr und bei der Berliner S-Bahn, aber auch bei den Regionalzügen. Nach zwei Unfällen - dem ICE-Achsbruch Mitte 2008 in Köln und dem S-Bahn-Unfall im Mai 2009, die glücklicherweise ohne Verletzte ausgingen - muss die Bahn ihre Fahrzeuge öfter in die Werkstätten schicken, um Achsen und Bremsen mit Ultraschall zu kontrollieren. Dadurch ist immer nur ein Teil der Flotte auf den Gleisen unterwegs. Bei Minustemperaturen muss außerdem vor dem Schallen noch getaut werden, das kostet zusätzlich Zeit.

Verkehr zum Teil nur eingleisig

Die betrieblichen Folgen werden jeden Tag offenbar: Auf den Fernstrecken von Westen nach Hamburg sowie nach Leipzig und Berlin hatten die Züge am Donnerstag bis zu 30 Minuten Verspätung. Eine Weichenstörung in Lüneburg beeinträchtigte zudem den Verkehr zwischen Hamburg und Hannover. Heftig traf es in den vergangenen Tagen schon die Reisenden im Rheinland, nachdem an zwei Tagen Güterzüge entgleist waren. Züge mussten umgeleitet oder durch Busse ersetzt werden. Reisende im Nahverkehr zwischen Hamm und Neubeckum sowie zwischen Löhne und Vennebeck bei Minden sind auf Busse angewiesen.

Die Strecke zwischen Köln und Berlin war zeitweilig ganz gesperrt. Obwohl die Umleitung über Osnabrück wiederaufgehoben ist, kommen die Züge noch mit 30 Minuten Verspätung in Hannover an, denn teilweise verläuft der Verkehr weiter nur eingleisig. Zunächst könnten die Züge nur sehr langsam am Unfallort vorbeifahren, hieß es. Allerdings weist die Bahn die Vermutung zurück, die Güterzug-Unfälle könnten etwas mit dem an vielen Stellen sanierungsbedürftigen Zustand des Schienennetzes zu tun haben.

Berliner S-Bahn nur mit Notfallplan

Bei der Berliner S-Bahn gibt es seit dem Sommer, als die Wartungsintervalle nach dem Unfall auch auf Anweisung des Eisenbahnbundesamtes verkürzt wurden, ein Sonderproblem. Seither fährt die S-Bahn nach Notfahrplan. Ihr Versprechen, im Dezember zum regulären Plan zurückzukehren, konnte sie nicht einhalten. Zum kalten Jahresbeginn standen plötzlich nur noch 287 der 630 Viertelzüge zur Verfügung, noch einmal 23 weniger als im Notfahrplan vorgesehen. Die Kunden mussten auf U-Bahn und Bus ausweichen – oder frieren.

Viele Kunden neigen inzwischen zu der Ansicht, der frühere Bahnchef Hartmut Mehdorn habe die Tochtergesellschaft unter dem Druck des geplanten Bahn-Börsengangs „kaputtgespart“. Die Bahn widerspricht und hebt hervor, man habe in die S-Bahn weit mehr Geld investiert, als man an Gewinn herausziehe. Doch auch dem Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, Hans-Werner Franz, riss jetzt der Geduldsfaden: „Die Situation wird unerträglich. Von witterungsbedingten Einschränkungen als alleinige Ursache für den neuerlichen Einbruch kann keine Rede sein. Die Hauptursache liegt im jahrelangen Missmanagement bei der S-Bahn Berlin und dem Kostendruck der Deutschen Bahn.“

Das Land Berlin will aus der Pannenserie möglichst bald Konsequenzen ziehen. Eine Fortführung des Verkehrsvertrages komme nicht in Frage, kündigte Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Donnerstag an. Schrittweise sollen Teile des Netzes ausgeschrieben werden, um im Wettbewerb neue Anbieter zu finden. Allerdings läuft der S-Bahn-Vertrag noch viele Sommer und Winter – bis 2017.

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Jahrgang 1963, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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