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Deutsche als Geisel Millionen für deutsche Urlauber

04.05.2006 ·  Entführungen deutscher Staatsbürger gibt es nicht erst, seit der Irak instabil ist. In den vergangenen Jahrzehnten sind Deutsche immer wieder Opfer von Entführungen im Ausland geworden. Eine Chronik bekannter Fälle.

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Alaa al Haschimi, der irakische Botschafter in Deutschland, dürfte sich am Mittwoch bei der Bundesregierung unbeliebt gemacht haben. Er vermute, daß eine „Menge Geld“ für die Freilassung der deutschen Ingenieure im Irak gezahlt worden sei, sagte der Diplomat offenherzig im Frühstücksfernsehen. Damit betrieb er genau jene Art von öffentlicher Spekulation, die der deutschen Regierung in Entführungsfällen ein Dorn im Auge ist.

„Das hilft für den Schutz in künftigen Fällen leider nicht“, merkte Gernot Erler an, der Staatsminister im Auswärtigen Amt. Jeder Hinweis auf mögliche Lösegeldzahlungen könne dazu führen, daß es Nachahmungstäter gebe.

Nicht alle kamen mit dem Leben davon

Entführungen deutscher Staatsbürger gibt es nicht erst, seit der Irak instabil ist. In den vergangenen Jahrzehnten sind Deutsche immer wieder Opfer von Entführungen im Ausland geworden. Nicht jedesmal kamen sie mit dem Leben davon. Der Erfurter Pädagogikstudent Dirk Hasert wurde im Juli 1995 von muslimischen Extremisten in Kaschmir verschleppt, gemeinsam mit fünf weiteren Touristen. Einem Amerikaner gelang die Flucht, ein Norweger wurde enthauptet aufgefunden.

Von Hasert fehlt jede Spur. Das Amtsgericht Erfurt erklärte ihn im April 2006 für tot. Andere Entführte mußten eine äußerst lange Geiselhaft ertragen. Der Hoechst-Manager Rudolf Cordes wurde im Januar 1987 in der libanesischen Hauptstadt Beirut entführt, um einen schiitischen Terroristen freizupressen. Cordes kam erst nach 605 Tagen frei.

Schwierige Güterabwägung

Manche Entführungen können von der Familie der Opfer geregelt werden, vor allem wenn es um einfache Lösegelderpressung geht. Die deutsche Touristin Nicola Fleuchaus und eine Schweizer Reiseleiterin wurden 1996 aus einem Hotel in Costa Rica entführt. Ihre Angehörigen sollen 300.000 Mark Lösegeld für die Freilassung bezahlt haben. In anderen Fällen gelang den Opfern die Flucht oder sie wurden von der einheimischen Polizei befreit.

Den Staat stellen Entführungen aber immer vor eine schwierige Güterabwägung: Kommt die Regierung den Forderungen von Entführern nach, dann zeigt sie Schwäche und lädt zu neuen Geiselnahmen ein - unabhängig davon, ob die Täter Geld verlangen oder politische Forderungen erheben. Bleibt der Staat dagegen unbeugsam, dann gefährdet er das Leben der Geiseln. In der Bundesrepublik haben sich die verantwortlichen Politiker in der Vergangenheit mal für den einen, und mal für den anderen Weg entschieden. Im März 1975 ließ die Bundesregierung fünf verurteilte Linksterroristen frei, um die Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz zu beenden. Zwei Jahre später, im „deutschen Herbst“ von 1977, weigerte sie sich aber, gefangene RAF-Mitglieder im Austausch gegen den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer laufen zu lassen - er wurde ermordet. Der Staat sei unter allen Umständen vor künftiger Erpreßbarkeit zu schützen, lautete das Argument des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt.

Bekannt gewordene Millionenzahlungen

Wahrscheinlich sah sich der Staat vom Linksterrorismus im eigenen Land damals stärker herausgefordert als von den heutigen Geiselnahmen im Ausland. Denn es fällt auf, daß die Bundesregierung in jüngster Zeit stillschweigend immer wieder Lösegeld in Millionenhöhe gezahlt hat, um Deutsche in fernen Ländern freizubekommen. Ein Beispiel war die spektakuläre Entführung der Familie Wallert, die islamistische Terroristen im Jahr 2000 auf die südphilippinische Insel Jolo verschleppten. Diese Zeitung brachte im Oktober 2000 in Erfahrung, daß die deutsche Regierung für die Freilassung einer Geisel, der psychisch stark angeschlagenen Renate Wallert, eine Million Dollar bezahlt hatte. Für die übrigen zwanzig Geiseln, die aus fünf anderen Ländern stammten, zahlte Libyen ebenfalls je eine Million Dollar.

Ein anderer bekannter Fall ist die Verschleppung von 32 europäischen Touristen durch eine islamistische Terrorgruppe im Frühjahr 2003 in der algerischen Sahara. Unter ihnen waren 16 Deutsche. Monatelang bemühte sich die Bundesregierung um ihre Freilassung; eine Deutsche überlebte die Strapazen in der Wüste nicht. Nachdem die Europäer schließlich frei waren, erzählte der Anführer der Geiselnehmer mehreren Zeitungen, man habe insgesamt knapp fünf Millionen Euro Lösegeld erhalten. „Nur noch die Deutschen glauben, daß nicht gezahlt wurde“, machte sich ein westlicher Diplomat in Algier über die Bundesregierung lustig, die - wie in solchen Fällen üblich - Zahlungen dementierte. Nach algerischen Medienberichten kaufte sich die Terrorgruppe mit dem Geld Maschinenpistolen und Raketenwerfer.

Am häufigsten werden Ausländer im Irak entführt

In keinem Land wurden seit Anfang der neunziger Jahre so viele Deutsche entführt wie im Jemen. Allein in diesem Zeitraum zählte man dort rund 200 Geiselnahmen westlicher Ausländer. Zu den Opfern gehörte sogar ein hoher deutscher Diplomat. Kurz nach seiner Pensionierung wurde Jürgen Chrobog, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, im Jemen mit seiner Frau und seinen drei Söhnen entführt. Hintergrund waren jedoch nicht Lösegeldforderungen, sondern - wie meist im Jemen - Streitigkeiten zwischen Stämmen und der Regierung in Sanaa. Die Familie kam nach drei Tagen wieder frei.

Am häufigsten werden Ausländer im Irak entführt. Nach einer Zusammenstellung der „Brookings Institution“, einem amerikanischen Forschungsinstitut, sind seit Mai 2003 dort 281 Ausländer Opfer von Geiselnahmen geworden. Zugleich scheint das Interesse an deutschen und europäischen Geiseln gewachsen zu sein. Dazu haben wohl die Berichte über großen Summen beigetragen, die jüngst mit europäischen Geiseln zu erpressen waren. So sprach die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ davon, daß 15 Millionen Dollar für die französische Journalistin Florence Aubenas gezahlt worden seien, die am im Juni 2005 nach fünf Monaten Geiselhaft freikam. Auch die kurz darauf verschleppten französischen Journalisten Chesnot und Malbrunot bestritten nie, daß für ihre Freilassung bezahlt wurde.

Undurchsichtig bleibt der Fall Osthoff

Die Italiener gerieten deswegen sogar in Streit mit ihren amerikanischen Partnern. Washington hielt der italienischen Regierung vor, mit der Zahlung von Lösegeld letztlich die sunnitischen Aufständischen im Irak zu unterstützen. Offiziell wurde in Rom zwar dementiert, daß für die Freilassung der beiden Helferinnen Simona Pari und Simona Terretta und der Journalistin Guliana Sgrena Geld gezahlt wurde. In italienischen Medien war jedoch von bis zu acht Millionen Euro die Rede, die ein Geheimdienstmitarbeiter in einem Drittland deponiert haben soll, bevor Sgrena freikam. Außerdem wurden verletzte Terroristen offenbar im italienischen Rot-Kreuz-Krankenhaus in Bagdad behandelt.

Undurchsichtig erscheint bis heute der Fall der deutschen Archäologin Susanne Osthoff, die Ende 2005 im Irak verschleppt wurde. Die Bundesregierung machte keine Angaben über ein etwaiges Lösegeld. Später wurde jedoch bekannt, daß Frau Osthoff bei ihrer Freilassung einige tausend Dollar in zuvor registrierten Scheinen bei sich gehabt hatte - angeblich ein Ersatz für den Betrag, den ihr die Entführer zuvor abgenommen hatten. Stammten die Scheine aus einem Lösegeld? Im Februar war Frau Osthoff wieder im Nordirak.

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