Home
http://www.faz.net/-gum-nyo7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsch-italienische Verstimmung "Tove ist der Birréria?"

08.07.2003 ·  Blonde Bestie, tumber Tor: Während die Deutschen schon seit Goethe von Italien träumen, schwankte die Meinung der Italiener über die Krautis und Biertrinker. Wie sieht sie heutzutage aus? Ein kurzer Abriß der deutsch-italienischen Geschichte.

Von Thomas Schmid
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Bevorzugt im Sommer pflegt mancher Politiker ein besonders lockeres Mundwerk, schließlich will das nach der Jahreszeit benannte Loch gefüllt sein. Doch was Stefano Stefani, immerhin Staatssekretär im italienischen Industrieministerium zu bieten hatte, übetraf das Übliche bei weitem. Die Deutschen, schrieb das Mitglied der Lega Nord in der Parteizeitung "La Padania", im Ton der Abrechnung, seien "Herrenmenschen und Biertrinker" sowie von "aufgeblasener Selbstgewißheit", diese "supernationalisten Blonden" fielen zur Sommerzeit "lärmend über unsere Strände her". Inzwischen hat Stefani, der lange mit einer Deutschen aus Frankfurt verheiratet gewesen war, seine Äußerungen zwar abgemildert - aber es steht mal wieder im Raum: das Bild von den Deutschen als ebenso blonden wie tumben Klötzen. Werden die touristischen Einwanderer, die alljährlich über die Alpen kommen, in Italien wirklich so wahrgenommen?

Lange schon, spätestens seit Goethe, ist Italien ein deutsches Sehnsuchtsland, und für viele Bildungsbürger war die Reise ins Land, wo die Zitronen blühen, mehr als eine Pflicht. Das haben die Italiener teils erfreut, teils aber - ob des heiligen Ernstes der Gäste aus dem Norden - etwas belustigt zur Kennntnis genommen. Negative Züge nahm das Deutschen-Bild erst im 20. Jahrhundert an. Im Ersten Weltkrieg stand Italien an der Seite Englands und Frankreichs gegen Deutschland. Viel wichtiger noch wurde aber das deutsch-italienische Bündnis, das Hitler und Mussolini 1936 schmiedeten. Gerade weil beide Staaten in die "Achse Rom-Berlin" gezwungen wurden, traten die Unterschiede um so deutlicher zu Tage: Der deutsche Totalitarismus war um einiges brutaler als der italienische, und seine Führer waren erkennbar zum äußersten entschlossen.

Blonde Bestien

Das brachte, übertrieben formuliert, das faschistische und das antifaschistische Italien wieder näher zusammen - nämlich in der instinktiven Abwehr deutscher Allmachtsphantasien, die - im Gegensatz zu den italienischen - tatsächlich ernst gemeint waren. So entstand noch zu Mussolinis Zeiten das Bild vom Deutschen als einer blonden Bestie, die kämpfen und organisieren, aber nicht leben und genießen kann. Und die deutsche Okkupation des Landes von 1943 an tat einiges, das Bild zu bestätigen.

Es war noch nicht verblaßt, als die Deutschen etwa ein Jahrzehnt später, diesmal als Touristen, wieder nach Italien zu drängen begannen. Durch zahlreiche Comic-Serien geisterten zackige Deutsche, die nur einen halbitalienischen Satz hervorbringen konnten: "Tove ist der Birréria?" Der böse Spott über die sonnenbrannten Strand-Deutschen wirkte identitätsstiftend. Es tat gut, sich von diesen Barbaren absetzen zu können - es half, in der Abgrenzung von den bösen anderen das angenehme Selbstbild zu schärfen, das ganze (nicht nur das halbe) Italien sei im Grunde vom Faschismus nicht tiefgreifend geprägt worden.

Sonne, Strand, Eisbein & Bier

Auch trugen etliche der frühen Touristen nach Kräften zum negativen Deutschenbild bei. Sie suchten Sonne, Strand, Eisbein und Bier - die Neugier war nicht ihre Stärke. Der frühe Massentourismus hatte etwas Rohes, er war kulturell naiv. Darüber ließ sich trefflich spotten. Rimini gab ein großes Theater der Deutschen-Kritik ab.

Kartoffelfresser, Krauti, Biertrinker: Vorurteile von solch erhabener Schlichtheit werden jedoch meist dann geäußert, wenn sie nicht mehr ganz ernst gemeint sind. Längst werden die Deutschen in Italien eher als allzu kulturbeflissene, allzu selbstkritische Erkundungsreisende wahrgenommen. Dennoch pflegt man in liebevoller Nostalgie die alten Vorstellungen von dem Deutschen, in dem sich eigentlich stets ein SS-Mann verberge: weil sie so schön, so schlicht, so einheitsstiftend und so entlastend sind. Und nicht zu vergessen, Italien ist sich der Überlegenheit seiner südländischen Lebenskunst so sicher nicht. In dem Horrorbild von der perfekten deutschen Kampf- und Arbeitsmaschine schwingt auch Angstlust, schwingt auch ein Gefühl von Unterlegenheit mit. Gut, daß das alles auf das Niveau des Comics und des Stammtischs abgesunken ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2003, Nr. 156 / Seite 9
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel