27.04.2009 · Auf der Mailänder Möbelmesse, die an diesem Montag endet, besinnen sich Designer und Hersteller wieder auf alte Handwerkstechniken. Es wird gedrechselt, gesteckt und gefräst. Die Materialien sind meist so innovativ, dass Möbel drinnen und draußen stehen können.
Von Peter-Philipp SchmittAuf dem Tisch stehen zwei Leuchten mit geflügelten Glühbirnen. Der Entwurf von Ingo Maurer ist schon bald 20 Jahre alt. Nun dient er ihm zum Protest. Geschützt vor den Besuchern, stehen die gefiederten Leuchten mit dem Namen „Lucellino“ in einer großen, mit Silber ausgeschlagenen Box. An den Innenwänden sind von Hand geschriebene Sätze zu lesen: „What a sick idea to kill a light icon“ (Was für eine kranke Idee, eine Lichtikone zu töten) und „Wir empfehlen zivilen Ungehorsam“. Durch Fenster schaut man hinein und auf die Kritik Maurers an dem europäischen Versuch, Glühlampen durch sparsamere und angeblich umweltfreundlichere Leuchtmittel zu ersetzen.
Der Lichtdesigner Maurer hat dafür kein Verständnis. Immer wieder hat er die Glühbirne zum Designobjekt erhoben - schon mit seiner „Bulb“ aus dem Jahr 1966. Sie war damals eine seiner ersten Arbeiten. Mit der überdimensionalen Lampe aus mundgeblasenem Kristallglas, die, auf ihrem Schraubsockel stehend, als Tischleuchte dient, erlangte er Weltruhm. Dass sich seine Kollegen schon vielfach abgefunden zu haben scheinen und längst anderen Leuchtmitteln zugewandt haben, auch das ist auf dem diesjährigen „Salone Internazionale del Mobile“ in Mailand nur zu gut zu sehen: Denn wie stets alle zwei Jahre findet zugleich auf dem Messegelände Fiera Milano in Rho-Pero die „Euroluce“ statt - die mit 525 Ausstellern wohl bedeutendste Lichtmesse der Welt.
Eher langfristige Entwicklungen statt Trends
Von Trends ist auf Möbelmessen nur bedingt die Rede, eher von langfristigen Entwicklungen. Trotzdem lassen sich Tendenzen ausmachen: Barhocker zum Beispiel sind zum festen Programmbestandteil von fast jedem Hersteller geworden. Man sitzt offenbar gerne schon beim Frühstück an der Theke - in der eigenen Küche. Auch Holz ist so präsent wie selten. Stühle selbst von kunststofferprobten Designern stehen dabei oft auf schlichten Beinen, die an Besenstiele erinnern, deren Sitze aber technisch raffiniert gearbeitet sind. Überhaupt wird die Verbindung zwischen altem Handwerk und serieller Industrieproduktion geschätzt: Es wird von Hand gedrechselt, gesteckt und gefräst, Textiles ist von Hand gestrickt, gestickt und genäht. Die Materialien indes sind meist so innovativ, dass viele Möbel mitsamt Kissen und Bezügen drinnen und draußen stehen können, weil sie wetterfest sind. Dass trotz des Maurerschen Protests auch der Naturschutz den Produzenten wichtig ist, zeigen Entwürfe aus Papier, Hanf oder Filz - solche Tische und Stühle sind kompostierbar.
Ganz so krisenfest indes, wie die Vielfalt der neuen Arbeiten und die mehr als 2700 Aussteller zu beweisen scheinen, ist auch die Möbelbranche in diesen Zeiten nicht. Leerstände sind zwar nicht zu verbuchen, dafür sind die Aussteller-Wartelisten für den „Salone“ viel zu lang. Überraschungen aber gibt es doch: Die Poltrona-Frau-Gruppe von Matteo di Montezemolo, dem Sohn von Luca Cordero di Montezemolo (Ferrari), ist in diesem Jahr nicht wie sonst mit gut 3000 Quadratmetern auf dem Messegelände vertreten. Stattdessen zeigen die von Montezemolo zusammengekauften Unternehmen wie Cassina, Cappellini und Alias ihre neuen Kollektionen im sogenannten „Milano Design Village“ an der Via Savona im Süden Mailands. Geldnöte hätten bei der Entscheidung keine Rolle gespielt, heißt es. Doch dürften die 2700 Quadratmeter in der alten Werkshalle preiswerter zu haben gewesen sein als der übliche Messeauftritt in den von Massimiliano Fuksas entworfenen Glas- und Stahlpalästen vor den Toren der Stadt.
Montezemolos Messerückzug
Nutznießer von Montezemolos Messerückzug waren auch gut zehn deutsche Hersteller (statt wie sonst um die 20 zeigen dieses Jahr genau 31 ihre Neuheiten auf dem Ausstellungsgelände in Rho-Pero). Sie standen zum Teil seit Jahren auf den Wartelisten. „Der Brief mit der Zusage kam im Januar“, erzählt Birgit Gämmerler von Zeitraum aus Wolfratshausen. „Wir fanden ihn vor, als wir von der Kölner Möbelmesse zurückkamen.“ Vier Jahre habe man auf diesen Moment gewartet. Noch bis Ende März musste sich das Unternehmen gedulden, bis endlich feststand, wie viele Quadratmeter sie in welcher Halle bekommen würden: 40 in Halle 7 - gewünscht hätten sie sich 80 in Halle 8 oder 12. „Aber überhaupt endlich hier zu sein ist für uns das Entscheidende“, sagt die Geschäftsführerin von Zeitraum. Der Aufwand hat sich gelohnt: Das Interesse an dem eleganten Holzstuhl „Morph“ und dem dazugehörenden Tisch vom Münchner Büro Formstelle (Claudia Wiedemann und Jörg Kürschner) ist groß.
Auch die Thonets haben es kurzfristig wieder in Halle 7 geschafft. Im vergangenen Jahr war das Traditionsunternehmen aus Frankenberg nicht mit einem Stand in Mailand vertreten gewesen. Normalerweise wird solch eine „Untreue“ mit einem unteren Platz auf der Warteliste bestraft. „Wir haben klar davon profitiert, dass plötzlich 3000 Quadratmeter gefüllt werden mussten“, sagt Peter Thonet. Gleich zwei neue Barhocker sind auf dem Stand zu sehen: der dreibeinige „404 H“ aus gebogenem Holz von Stefan Diez, dessen Sitz mit der Assoziation an einen Reitsattel spielt und eine Ergänzung zu Diez' Stuhl „S 404“ ist, und der „S 123 H“ des Briten James Irvine. Das Stahlrohrmöbel lässt sich mittels Feder fast auf die Höhe eines Esszimmerstuhls bringen.
Nils Holger Moormann in Halle 12
Nils Holger Moormann, der Möbelproduzent aus Aschau im Chiemgau, hat es wie schon in den vergangenen Jahren in die Halle 12 geschafft, die zusammen mit der Halle 8 gleich nebenan der guten Form besonders verpflichtet und bei den hochwertigen Herstellern besonders beliebt ist. Moormann zeigt den „Strammen Max“ von Max Frommeld: Der junge Designer aus London hat für seinen Hocker drei Multiplex-Scheiben und eine Querverstrebung zusammengesteckt, die durch eine Schnur gehalten werden. Die Schnur wird dabei so lange verdreht - zum Beispiel mit einer Zeitung oder einem Kochlöffel -, bis aus der lockeren Verbindung der überaus stabile „Stramme Max“ wird. Hand angelegt hat auch Jesper K. Thomsen für Normann Copenhagen. Seine „Camping“-Serie besteht aus geformtem Buchenholz und Kernleder. Der Holzrahmen wird nur zusammengesteckt, das Leder in ihn hineingearbeitet. Diese hohe handwerkliche Kunst - es wird ausschließlich in Dänemark produziert - hat ihren Preis: Ein Stuhl kostet 2700, eine Liege 4700 Euro.
In Halle 8 ist die Schau von Moroso wieder einer der Höhepunkte: Tokujin Yoshioka stellt einen Sessel mit dem vielsagenden Namen „Paper Cloud“ vor, Patricia Urquiola, Edward van Vliet und Philippe Bestenheider schwelgen bei ihren Sofas und Fauteuils in Farben und Formen. Ihre aufwendig gearbeiteten Dekorstoffe überlagern sich, die weichen Sitze sind zum Teil mit einem Patchwork aus verschiedensten Stoffen bezogen und noch zusätzlich bestickt. Und der Niederländer Tord Boontje hat in der Platte seines „Flower Table“ tatsächlich echte Blumen verarbeitet.
Treffpunkt Zona Tortona
Neben dem Messegelände bildet die sogenannte Zona Tortona im Süden Mailands stets einen zweiten großen Treffpunkt für Designer und Hersteller. An der Via Tortona befinden sich eine Vielzahl kleiner Showrooms (neuerdings etwa auch von E 15), große Werkshallen und das Superstudio Piú. E 15 aus Oberursel hat sich von dem Münchner Stefan Diez zwei Stühle entwerfen lassen, die zu den herausragendsten Neuheiten dieses Jahr gehören. Seine „Houdini“-Familie zeugt von seinem großen handwerklichen Können im Umgang mit Holz: Wie bei einer Hutkrempe hat er eine dünne, zweidimensionale Schichtholzplatte um einen kompliziert gefrästen Massivholzring gebogen. Das Ganze wird nur verleimt, auf Schrauben und Nägel verzichtet der Designer völlig.
Nur wenige Meter entfernt, im Superstudio Piú, ist erstmals der niederländische Elektronikkonzern Philips vertreten, um eines der Leuchtmittel vorzustellen, die irgendwann vielleicht die Glühbirne ersetzen können: OLEDs - also organische Leuchtdioden, die etwa bei Handy-Displays schon eingesetzt werden. Sie sind hauchdünn, biegsam, leuchten nach einem Stromimpuls von sich aus, verbrauchen also weniger Strom als herkömmliche Dioden. Seit Jahren schon wird mit OLEDs experimentiert: Philips präsentiert und verkauft nun erstmals die Plättchen, die es in allerlei Formen und in Mailand auch als interaktive OLED-Videowand gibt. Sie reagiert mittels Kamera auf jeden, der sich vor ihr bewegt, und spiegelt die Bewegungen dann umgehend wider. Das sieht lustig aus, doch solange Lichtstärke und Lebensdauer nicht noch stark verbessert werden, können sie auch künftig wohl kaum mit den Glühbirnen konkurrieren.
Saisonware von Diesel
Modemarken begegnet man während der Mailänder Möbelmesse überall: Fendi, Kenzo und Missoni zeigen ihre Einrichtungsgegenstände auf dem Ausstellungsgelände Fiera Milano in Rho-Pero, Armani lädt in sein „Casa“ an der Via Manzoni in der Innenstadt ein, Versace ins Teatro Versace, Ralph Lauren in seinen Flagship-Store an der Via Montenapoleone. Was früher vor allem Taschen und Parfüm für die Textilproduzenten waren, sind mittlerweile (auch) Stühle, Tische und Leuchten geworden - egal ob sie von Pariser Couturiers oder nur von H&M oder S. Oliver stammen. Nun will auch Diesel-Gründer Renzo Rosso den „Home Collection“-Markt mit eigenen entworfenen Möbeln erobern.
Rosso aber, der sich so gerne als Mode-Rebell gibt und mit seinen Jeans doch längst im Luxussegment angekommen ist, tritt mit seinen Möbeln nicht alleine an. Zwar ist er, wie schon bei seinen Duftwässern, ein weiteres Mal Lizenzgeber, die Lizenznehmer werden aber ebenfalls namentlich genannt - wenn auch in etwas kleineren Buchstaben. So heißt es zum Beispiel: „Successful Living from Diesel with Foscarini“. An dem Projekt „Erfolgreiches Wohnen“ ist der namhafte Leuchtenhersteller aus Venedig also fast gleichrangig beteiligt, von L'Oreal hingegen ist in der Parfümwerbung von Diesel nie die Rede.
Riskante Zusammenarbeit
Für Unternehmen wie Foscarini und Moroso, die zu den bedeutendsten italienischen Möbelproduzenten zählen, ist die Zusammenarbeit mit der Modefirma durchaus riskant. „Wir machen Design“, sagt einer der beiden Eigentümer von Foscarini, Carlo Urbinati. „Diesel hingegen macht Styling.“ Der Leuchtenhersteller, der Anfang der achtziger Jahre auf der Insel Murano gegründet wurde, ist einer der wenigen Spezialisten, wenn es um mundgeblasene Leuchten geht. Zudem arbeiten für Foscarini einige der weltbesten Designer: Tom Dixon, Marc Sadler, Patricia Urquiola oder das Schweizer Atelier Oï. Beim Möbelhersteller Moroso ist es nicht anders. Man legt Wert auf Qualität, Massenware für die ganze Welt können sie sich eigentlich nicht leisten. Er habe sich bewusst für diese beiden Unternehmen entschieden, sagt Rosso. „Wir haben die für uns besten Partner ausgewählt.“ Die Aufgabenteilung ist einfach: Das Design kommt von Diesel, Foscarini und Moroso produzieren. Als Inspiration dienten unter anderem Röntgenbilder (etwa von einem Fisch, der auf eine gläserne Tischplatte übertragen wurde) und Rockmusik (eine Stehleuchte in Form eines Mikrofons).
Küchenmöbel, sagt Rosso, seien nicht von ihm zu erwarten. Das unterscheide ihn zum Beispiel von Armani Casa. „Ich will ja keine kompletten Wohnungen einrichten.“ Vielmehr soll seine überwiegend junge Zielgruppe ihre vier Wände öfter mal umgestalten: warum nicht jedes Jahr eine neue Leuchte, jede Saison einen neuen Tisch? Das ist zwar modisch gedacht, doch auch eine Frage des Geldbeutels. Preiswert sind weder die Diesel-Moroso-Möbel (zwischen 290 und 4000 Euro) noch die Diesel-Foscarini-Leuchten (250 bis 750 Euro). Dafür aber von einer Qualität, dass sie ein Leben lang halten. (pps.)
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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