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Foto-App Instagram Nicht ungefiltert

 ·  Die Smartphone-App Instagram gibt einfachen Bildern historische Tiefe. Kein Wunder, dass sich Facebook für den Fotodienst interessiert.

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© Jessica Weiss / lajessie.de

Mark Zuckerberg muss stolz sein auf den jüngsten Zukauf: ein Haufen vergilbter Fotos, ein Dutzend Leute, die sich um die Fotos kümmern, 30 Millionen Leute, die diese Fotos schießen, und eine App, die das alles so wertvoll macht. Eine Milliarde Dollar hat der Facebook-Chef für die App Instagram gezahlt, die einfache Handyfotos wie alte Analogbilder aussehen lässt. Aus unscharfen und minderwertigen Bildern mache sie Kunst, sagt ihr Erfinder. „Und damit haben wir das größte Problem mobiler Fotos beseitigt“, wird Kevin Systrom, der das Unternehmen im Oktober 2010 mit einem Freund aus der Studienzeit in Stanford gründete, von der „New York Times“ zitiert.

In Zeiten fast perfekter Farbtreue und Rauschfreiheit durch immer mehr Megapixel kommen Handyfotos bei Instagram quadratisch wie Polaroids und oft vergilbt zum Vorschein. Die App ist einfach, und da liegt wohl auch der Schlüssel zu ihrem Erfolg. In wenigen Sekunden werden über die simple Benutzeroberfläche Filter auf die Bilder gelegt, die „Earlybird“, „1977“ oder „Lo-fi“ heißen. Auf Wunsch wird die große Schärfentiefe des Fotos gebrochen und der Fokus händisch auf das gewünschte Objekt gelegt.

Das fertige Bild kann – mit Beschreibung und Geotag versehen – hochgeladen und ohne Umwege auch auf anderen Plattformen geteilt werden: Facebook, Twitter, Tumblr, Foursquare oder E-Mail. Doch auch innerhalb der App können andere Nutzer die Bilder „liken“ oder kommentieren. Das Teilen eines Fotos auf Instagram dauert nicht länger als das Absetzen eines Tweets, ein paar Sekunden. Die App mit dem geschwungenen Retro-Logo will die so entstandenen „Polaroids“ wie per „Telegramm“ verschicken. Im vergangenen Jahr wurde sie von Apple zur „App des Jahres“ gewählt.

Ob Instagram-Bilder wirklich Kunst sind? Schon in den Siebzigern kam Susan Sontag zum Schluss, dass Fotografie den Menschen nicht länger als Kunst diene, sondern primär sozialer Ritus und Machtwerkzeug sei. Jessica Weiss, Gründerin des Blogs „LesMads“ und heute für Digitales bei der deutschen Ausgabe des Magazins „Interview“ zuständig, nutzt Instagram seit mehr als einem Jahr: „Für mich ist das eine Art Tagebuch, und es hübscht die Bilder auf.“ Für starke Kontraste nehme sie den Filter „X-Pro II“, für etwas mehr Frische „Amaro“, „und bei ,Nashville‘ gefällt mir der Rahmen am besten“. Die Filter von Instagram sind nicht aus der Luft gegriffen: „X-Pro II“ entspricht etwa einem crossentwickelten Bild aus der Linse einer Lomo LC-A auf Fujichrome-Velvia-50-Film.

„Ein bisschen traurig“ findet es die Schweizer Kolumnistin Michèle Roten im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, „wenn Hipster mit Achtziger-Haarschnitt im Wohnzimmer mit Siebziger-Möbeln sitzen und fotografiert wurden, als wäre es 1960.“ Für Kritiker sind Instagram und die vielen Nachahmer verklärender Retrokitsch, Foto-Apps, die ein idealisiertes Bild der Vergangenheit zeichnen. In die subjektive Reprise des Erlebten werde der eigene Blick sorgsam hineingearbeitet, bis die Wirklichkeit so geformt sei, wie sie wahrgenommen werden solle. Offenbar wirkt das ungefilterte Bild nicht spektakulär genug, ihm fehlt eine historische Dimension. Erst der Filter verleiht der Fotografie etwas Beständiges und somit eine Existenzberechtigung. Instagram bleibt für viele dennoch die Spielwiese der Unkreativen.

„Mir geht es bei Instagram nicht um Retro-Chic“, sagt Jessica Weiss, „sondern vielmehr um den Gemeinschaftsgedanken. Ich kann die Bilder sofort teilen. Alle User, denen ich folge, kenne ich auch persönlich – vielleicht mit Ausnahme von Justin Bieber.“ Dessen erstes Bild entstand wohlgemerkt im Stau, „LA traffic sucks“ schrieb Bieber dazu. Instagram ist kostenlos. Auch etwa 200 große Unternehmen nutzen bislang die Plattform, um intimer mit dem Volk zu kommunizieren, anfangs ausschließlich im zunächst elitären Kreis der iPhone-Nutzer. Ganz vorn dabei sind Mode-Unternehmen wie Burberry, Gucci, Dolce & Gabbana oder Oscar de la Renta – sie haben Zehntausende, manchmal Hunderttausende Follower.

Mit mehr als 250000 Followern ist Burberry die zurzeit avancierteste Marke auf der Plattform. Ein Team kümmert sich um den Kanal, der live aus der Zentrale im Horseferry House und von verschiedenen Ereignissen berichtet. Im September 2011 wurde der hauseigene Instagram-Account von Mike Kus übernommen, der als Privatperson die größte Follower-Zahl auf der Plattform in Großbritannien vereinigt. Er bestimmte während der Londoner Modewoche die Bildsprache der Burberry-Schau, und Tausende folgten ihm auf ihren Geräten.

Auch Fast-Fashion-Händler wie Urban Outfitters, Topshop, Asos und H&M sind dabei. Der Jeans-Hersteller Levi’s castet über die App die Gesichter für seine kommende Kampagne, ein Kolumnist der „New York Times“ berichtet aus Davos, ein Kriegsfotograf aus Afghanistan, Fernsehkoch Jamie Oliver vom Frühstückstisch und die Café-Kette Starbucks aus ihren Filialen. Und die Korrespondenten von Reuters und CNN schicken Bilder aus den Pressezentren.

Anfang 2012 gesellte sich auch „barackobama“ hinzu, dem mittlerweile fast 420000 Nutzer folgen, obwohl er erst 38 Bilder hochgeladen hat – eine stattliche Zahl als frisches Mitglied der Instagram-Familie, in der jeder Nutzer eine andere Vorstellung von Ästhetik hat und seine Fotos durch den Filter der eigenen Wahrnehmung schickt, damit sie am Ende doch alle gleich aussehen.

Doch um die Erinnerung geht es, nicht um die Filter. „Ich habe nun in einem Jahr fast 1000 Bilder geknipst“, sagt Bloggerin Weiss, „und es haben sich noch keine Ermüdungserscheinungen eingestellt.“ Täglich nutzt sie Instagram, und sie wirft gern einen Blick in die Vergangenheit. „In 30 Jahren werde ich mich vermutlich freuen, auch die kleinen Dinge meines Alltags dokumentiert zu haben.“ Dieser Teil des Alltags wird bald auch Teil des Facebook-Imperiums sein. Bislang werden die Instagram-Bilder auf gemieteten Servern bei Amazon gehostet – dem Start-up-Unternehmen fehlt ein Ertragsmodell.

Mark Zuckerberg teilte die Nachricht vom Kauf des Unternehmens auf seinem Facebook-Profil mit, sprach aber davon, keine großen Änderungen am Service vornehmen zu wollen. Alles bleibt erst einmal, wie es ist. „Das ist das erste Mal, dass wir ein Produkt und ein Unternehmen mit so vielen Nutzern akquiriert haben“, schreibt Zuckerberg. „Wir planen nicht, noch viele Zukäufe von dieser Sorte zu machen, wenn überhaupt welche. Aber das war es uns wert, um diese zwei Unternehmen zusammenzuführen.“ Das Ende der Popularität von Instagram ist nicht in Sicht: Fast jede Sekunde kommt ein neuer Nutzer hinzu.

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