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Sonntag, 19. Februar 2012
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Designer Richard Lampert Gestaltung als Haltung

10.02.2010 ·  Richard Lampert zählt zu den Besten unter den kleinen Herstellern in Deutschland. Dabei überrascht er mit unbekannten Klassikern von Herbert Hirche und Egon Eiermann im neuen Gewand, entdeckt aber auch immer wieder vielversprechende Jungdesigner.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Ein Schüler von Kandinsky und Mies van der Rohe richtet in den fünfziger und sechziger Jahren zweimal ein Ristorante in Stuttgart ein. Die ungewöhnliche Tat des nach dem Krieg selbst zu einem der namhaftesten deutschen Architekten Aufgestiegenen war selbstverständlich keine Auftragsarbeit im üblichen Sinne, sondern ein Freundschaftsdienst: Herbert Hirche war Stammgast in der Pizzeria „Santa Lucia", die zu den ersten „Italienern" in Deutschland überhaupt zählte. Durch Hirche wurde sie zum Kulturgut, die Inneneinrichtung wurde eigens und ausschließlich für das Lokal hergestellt. Viele Jahre später zechte Richard Lampert mit Freunden im „Santa Lucia". „Am nächsten Morgen erinnerte ich mich vor allem daran, wie unheimlich bequem die Stühle waren, auf denen ich die Nacht über gesessen hatte."

Herbert Hirche, der 2002 im Alter von 91 Jahren in Heidelberg starb, und Richard Lampert wurden Freunde. Der Rattanstuhl, den der so viel ältere Designer in den Fünfzigern entworfen und für den zweiten Umbau des Restaurants im Jahr 1969 umgesetzt hatte, wird heute in Serie produziert - unter dem Namen „Santa Lucia". Minimalistisch, ja geradezu streng wirkt der Stuhl, dessen leicht gebogene Rückenlehne zugleich als Stütze für die Arme dient. Das Rattan für den in der Tradition des Bauhauses stehenden Stahlrohrstuhl lässt Lampert ausnahmsweise in Indonesien flechten, damit er bezahlbar bleibt (Preis: 220 Euro). Zugleich gibt es von dem - natürlich - stapelbaren Möbel auch eine Variante für Balkon oder Garten: mit außenbeständiger und pflegeleichter Kunstfaser aus Polyethylen.

Richard Lampert ist ein geborener „Möbler“

Richard Lampert ist ein geborener „Möbler" - und das in der vierten Generation. Sein Urgroßvater Karl gründete in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts zunächst eine Schreinerei, die sich im Laufe der Jahrzehnte unter Sohn und Enkel zur Möbelfabrik mit zeitweise 150 Mitarbeitern entwickelte. Urenkel Richard Lampert stieg dann in den siebziger Jahren gleich nach seinem Wirtschaftsstudium in den schon kränkelnden Familienbetrieb ein. „Zwei Monate später hatte mein Vater einen Herzinfarkt, kurz danach konnten die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden."

Der gerade mal 25 Jahre alte neue Geschäftsführer musste die Verantwortung für die mehr als 120 Mitarbeiter schultern. Ihm gelang die Sanierung, fünf Jahre hielt er das Unternehmen in Bruchsal, das nunmehr den Namen „Wohnideen Lampert" trug, am Leben. Kurz vor dem 100. Betriebsjubiläum aber musste das Haus, das einst „die qualitativ besten Schlafzimmer Deutschlands" hergestellt hatte, endgültig schließen.

Mit vierzig wagte Lampert den Neuanfang und machte sich nach gut zehn Jahren als leitender Angestellter in verschiedenen Möbelunternehmen 1993 selbständig. Sein Ziel: anspruchsvolles Design herzustellen, das international bestehen kann. Ideen hatte er genug, für ein Küchenprogramm zum Beispiel, ein Büromöbelsystem, er kontaktierte sogar den amerikanischen Architekten Donald Judd, der damals tatsächlich einen Produzenten für seine Möbelentwürfe suchte - und nur ein Jahr später starb. Heute ist Lampert froh, keines dieser Projekte umgesetzt zu haben. „Ich wäre damit wohl gescheitert."

„Ich sagte zu ihm: ,Maarten, du bist verrückt'“

Auch erste Kontakte mit jungen Designern waren nicht immer einfach. Den Belgier Maarten Van Severen zum Beispiel lernte er bei den „Passagen", dem Begleitprogramm der Kölner Möbelmesse, kennen. Van Severens Entwurfsidee: ein Sideboard aus massivem Aluminium. „Ich sagte zu ihm: ,Maarten, du bist verrückt.'" So was könne man nicht in Masse produzieren, nur als kostspieliges Einzelstück. „Und ich wollte keine Möbel für Reiche machen."

Den jungen Eric Degenhardt traf Lampert ebenfalls das erste Mal bei den Passagen, und auch er hatte kaum zu realisierende Vorstellungen. Doch sie rauften sich zusammen, und nach vielen Jahren entstand eine von Lamperts aufregendsten Arbeiten: „Cup". Das wie gefaltete Sitzmöbel ist höchstes Polsterhandwerk und kann sich mit den italienischen Meistern des Fachs messen. Der Kölner Degenhardt ist wie ein Architekt an seinen Entwurf gegangen, hat „Cup" in Einzelflächen aufgelöst und dadurch seine kompakte Leichtigkeit erzielt. Dass so hohe Qualität einen Preis hat, ist unvermeidlich: Der Einsitzer kostet rund 2000 Euro, der Zweisitzer 2500 Euro.

Auf dem Speicher entdeckte er einen unbekannten Schalensessel

Richard Lampert will klassisches und zeitgenössisches Design unter einem Dach anbieten. Der in Paris lebende Israeli Arik Levy, die Hannoveraner Patrick Frey und Markus Boge oder auch der Wiener Marco Dessi stehen für sein junges Design. Dessi, 1976 im italienischen Meran geboren, hat für Lampert den „Prater Chair" in der Tradition Wiener Kaffeehausstühle entworfen. Als Material wählte Dessi ein mit schwarzem Phenolharzleim verpresstes Birkensperrholz - natur, gelb oder schwarz lasiert. Die Teile werden mit CNC-Frästechnologie herausgearbeitet, so dass die Leimung zwischen den einzelnen Holzschichten zum Vorschein kommt.

Lamperts Klassiker sind Herbert Hirche und Egon Eiermann. Von der Familie Eiermann besitzt Lampert seit 1995 die ausschließlichen Herstellrechte für die beiden Eiermann-Tischgestelle, und auch bei Hirches geht er noch immer ein und aus. So gelang ihm gerade erst ein abermaliger Coup: Auf dem Speicher entdeckte er einen unbekannten Schalensessel aus dem Jahr 1957, den er im Januar auf der Kölner Möbelmesse neu vorstellte - und zwar fast original in grünem Velours, so wie er bei Hirche auf dem Dachboden stand.

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