22.04.2010 · Der Mann, der kurz vorm Ruhm rausflog: Pete Best war Schlagzeuger der Beatles und wurde durch Ringo Starr ersetzt. Warum, weiß er bis heute nicht. Ein Treffen mit dem einstigen Beatle in der Uckermark.
Von Jörg ThomannAm Tag, als ein waschechter Beatle in Schwedt auftreten soll, ist es in der Stadt fast gespenstisch ruhig. Ein, zwei radelnde Rentner, ein paar Fußgänger verlieren sich an diesem Nachmittag auf dem Platz zwischen Stadtkirche und Amtsgericht. Die Hotels sind ausgebucht, aber nicht wegen des Beatle-Besuchs, sondern weil das Schwedter Erdölverarbeitungswerk gewartet wird und dazu zweieinhalbtausend Monteure an die Oder reisten. Wo auch immer die sich aufhalten, auf den Straßen findet man sie nicht. Beatlemania sieht anders aus.
Das Theater der Stadt, Ende der Siebziger als sozialistisches Kulturhaus errichtet, wirkt von weitem so, als wäre jemand beim Versuch gescheitert, einen gigantischen Batman-Kopf aus Beton zu modellieren, und hätte das missglückte Werk am Ende einer Landebahn abgestellt. Es ist aber nur die Lindenallee, die als breite Schneise durch die Innenstadt aufs Theater zuläuft und direkt davor abbiegt. Zum polnischen Krajnik Dolny sind es laut Wegweiser vier Kilometer, ein zweites Schild zeigt stadteinwärts zur Agentur für Arbeit.
Früher stand hier, wo nun der Theaterbau emporragt, das Markgrafenschloss, dessen Ruine nach dem Krieg gesprengt wurde. Noch vieles andere hat Schwedt verloren, Arbeitsplätze, auch etliche Einwohner. Zart sind die Pflänzchen der Hoffnung. Vom Schloss wird jetzt, immerhin, der Gartenzaun wieder aufgebaut, und das Theater gilt als Publikumsmagnet. Und noch etwas gibt es in Schwedt, seit vier Jahren bereits, alljährlich organisiert vom tapferen Theater: ein Beatles-Festival. Deshalb ist nun ein Beatle in der Stadt. Natürlich nicht John oder George, die beide längst tot sind, aber auch nicht Paul oder Ringo. Sondern Pete. Pete Best.
Er lebt noch
Wer die Beatles kennt, der weiß nicht unbedingt, dass Pete Best einst bei ihnen das Schlagzeug spielte. Wer es weiß, der weiß meist nicht, ob Best überhaupt noch lebt. Und wer das weiß, der ahnt kaum, dass Best eine Website mit einem Link für alle hat, die ihn und seine Band buchen oder mit ihm sprechen möchten. Keine Stunde nach unserer Anfrage meldet sich Petes Bruder Roag und schickt seine Telefonnummer. Bei Paul McCartney, vermuten wir, würde sich die Kontaktanbahnung komplizierter gestalten. Allerdings ist für die Beatles Paul und Pete die Geschichte auch sehr unterschiedlich verlaufen.
Jungen Menschen, die nicht wissen, wie früher das Popgeschäft funktionierte, könnte man Petes Geschichte so erklären: Er war der, der in der allerletzten Runde rausgewählt wurde. Und der aus der Ferne verfolgen musste, wie seine Bandkollegen Superstars wurden - keine „Superstars“, sondern Superstars, die größten überhaupt. Die Sache noch übler machte, dass Pete den Grund für den Rauswurf nie erfahren hat. Er hörte nur diesen einen Satz: „Die Jungs wollen dich raus haben.“ Ausgesprochen hat ihn der Manager Brian Epstein am 16. August 1962. Die Jungs, John, Paul und George, hatten Epstein vorgeschickt, um die bittere Nachricht zu verkünden. Mit keinem von ihnen hat Pete je wieder gesprochen, keiner hat sich bei ihm gemeldet. Acht Wochen später erschien „Love Me Do“, der erste große Hit der Band. Am Schlagzeug saß Ringo Starr. Randolph Peter Best, sein Vorgänger, musste mit zwanzig Jahren den Schlag verkraften, der sein Leben tragisch wenden sollte: Vom Publikumsliebling der Beatles zum größten Pechvogel der Popmusik.
„Wir“ und „sie“
Allein diese Wendung macht es möglich, heute in der Kantine der Uckermärkischen Bühnen Schwedt Pete Best zu treffen. Einen freundlichen Mann von 68 Jahren, dessen soignierte Erscheinung mit Schnäuzer und silberweißem Haar durch die dunklen Jogginghosen nur geringfügig getrübt wird. Gelassen und geduldig erträgt er den neuerlichen Versuch, eines der ewigen Rätsel der Popgeschichte zu ergründen, das ihm selbst unergründlich scheint, und erzählt, wie es war vor fünfzig Jahren. Mal sagt er „wir“, mal sagt er „sie“. Gemeint sind jeweils die Beatles.
Begonnen hatte alles mit Mo, mit der schönen, faszinierenden, etwas verrückten Mona: Petes Mutter. Ein viktorianisches Haus hatte die Familie gekauft, vom Geld, wie Pete sagt, das Mona gewann, als sie all ihren Schmuck bei einem Pferderennen einsetzte. Liverpool, 8 Hayman's Green, 15 Zimmer und eine allzeit offene Tür: „Es war stets ein Haufen Freunde dort“, sagt Pete. Und wo andere Teenager sich bei ihren Eltern mühsam mehr Freiraum erkämpfen mussten, holte Mo ihren Söhnen das wilde Leben ins Haus: Aus dem Kohlenkeller wurde die Musikbar „Casbah Coffee Club“. Zur Eröffnung im August 1959 sollte eine Band spielen, der George Harrison angehörte, die sich dann aber verkrachte; in der Not holte George zwei Kumpel hinzu. Durch das Konzert der „Quarry Men“ - John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und ein Kerl namens Ken Brown - wurde der Casbah Club zum Stadtgespräch.
Pete hatte derweil seine eigene Band gegründet, die Blackjacks, und machte mit dem himmelblauen Schlagzeug, das ihm Mo gekauft hatte, ziemlichen Eindruck. Auch bei der Band, die sich nun „The Beatles“ nannte und die für ein Engagement in Hamburg einen Drummer suchte. Zu fünft - John, Paul, George, Pete und am Bass Johns Malerfreund Stuart Sutcliffe, der mit 21 an einer Hirnblutung sterben sollte - kamen sie in Hamburg an, wurden einquartiert in einer fürchterlichen Absteige, spielten in einem Strip-Schuppen, sieben Stunden am Tag, sechs, sieben Tage die Woche, angefeuert vom Schlachtruf der deutschen Fans: „Mach Schau!“ 15 Pfund bekam jeder von ihnen, eine Menge Geld, das jedoch dahinschmolz im gleißenden Licht der Reeperbahn: „Wir bekamen das Geld am Donnerstag und waren am Freitag pleite“, erzählt Pete. „Das ist Teil des Erwachsenwerdens.“ Die harte Hamburger Lehrzeit zahlte sich aus. Als sie heimkehrten und alle Kraft, alles Können in Auftritte von einer Stunde packten, erlebte Liverpool, so Best, eine „musikalische Explosion“. Seinen eigenen, rasanten Schlagzeugstil nannte er „Atom Beat“.
Was war das damals für eine Band, Mister Best?
John Lennon: „Ein Spaßvogel. Er besaß beißenden Witz. Weil wir uns in Hamburg sehr nahe kamen, durfte ich aber noch eine andere Seite von John sehen, die die Welt erst Jahre später entdecken sollte.“
Paul McCartney: „Schon damals hatte er großartige stimmliche Fähigkeiten. Und er war ein großer PR-Mann: Wenn jemand die Leute daheim über die Beatles auf dem Laufenden hielt, dann war es Paul.“
George Harrison: „Der Jüngste und wahrscheinlich der Schüchternste und Ruhigste. Eine Sache im Leben wollte er erreichen: ein großer Gitarrist zu werden. Er übte ständig, es war unglaublich.“
Stu Sutcliffe: „Ein brillanter Künstler, der die Leute im Club mit Kreide oder Bleistift porträtierte. Ich verteidige ihn immer, wenn es heißt, er sei kein guter Bassist gewesen. Er spielte, was nötig war.“
Und Pete Best?
Er lacht, als er sich selbst beschreiben soll. Alte Fotos zeigen einen jungen Mann mit Elvis-Tolle und sanften Augen. Die Mädchen liebten ihn, gerade weil er nicht so aufdrehte wie die Jungs vorne, weil er selten lächelte und den Blicken auswich. Düster und geheimnisvoll wirkte das, ein Kritiker verglich ihn mit einem Westerndarsteller. „Es war nur ein Etikett“, sagt Pete, „letztlich war ich Pete Best, der Drummer. Der schwitzende Kerl im Hintergrund, der alles zusammenhielt.“ Eine von vielen Theorien besagt, dass Pete gehen musste, weil er schweigsam war, weil er nicht jeden Exzess in Hamburg mitmachte, weil er keine Pillen nahm wie die anderen und weil er mehr Schlaf brauchte. „Niemand schlief in Hamburg“, sagt er dazu, und statt Drogen habe ihm - er sagt es auf Deutsch - „Schnaps“ gereicht. Er sei fast immer mit dabei gewesen, habe sich nur ab und an neue Trommelstöcke und Besen besorgen müssen. Entfremdung wegen kaputter Stöcke? Es klingt kaum glaubhaft.
Der Liebling der Fans
Eifersucht gilt als weitere mögliche Ursache: Die anderen Beatles, vor allem Paul, hätten neidvoll auf Petes weibliche Fans geblickt, die gern mal in seinem Garten campierten. Die offizielle Version war für Best die schlimmste: Die Band ließ mitteilen, sein Schlagzeugspiel sei zu schlecht gewesen. In einem Fernsehinterview wenig später erzählt Mona, dass sie die Entscheidung akzeptiert hätten, nur habe ihnen die Art und Weise missfallen. Pete sitzt mit gesenktem Kopf daneben und lächelt.
Er spielte dann in Bands, die seinen Namen trugen, und brachte Platten mit irreführenden Titeln heraus wie „Best of the Beatles“. 1965 schloss er sich in einem Zimmer ein und öffnete den Gashahn; Mutter und Bruder retteten ihn. Depression, sagt er heute, sei es nicht gewesen, nur einfach eine „dumme Idee“. Seitdem glaube er an Karma: „Es war noch nicht meine Zeit.“ 1968 merkte er, dass sein Geld nicht ausreichte, um der Familie die Zukunft zu sichern, und hörte mit der Musik auf: „Das war wohl der Moment, in dem ich ein normaler Bursche wurde.“ Er lud Brot auf Lieferwagen, wurde dann Beamter im Liverpooler Arbeitsamt. Einst selbst gefeuert, verhalf er nun anderen zu Jobs. „Ich hatte wieder mit Menschen zu tun, das war eine gute Sache“, sagt Best. Manchmal hätten ihn Leute erkannt und sich gefreut. „Man muss weitermachen“, sagt er, „was du aus deinem Leben machst, liegt vor allem an dir.“ 1988 kehrt er zurück zur Musik, tourt mit der Pete Best Band durch die Lande und wirbt für seine Heimatstadt. Am schönsten aber sei es, nach Hause zu kommen, zu Kathy, die seit 46 Jahren seine Frau ist, zu den zwei Töchtern und vier Enkeln. Der Casbah Club ist heute Kulturerbe und nach wie vor im Familienbesitz.
Das halbleere Theaterfoyer von Schwedt sieht auch mit den Union-Jack-Flaggen oben an der Decke nicht britisch aus. Beatles-T-Shirts spannen sich über Altherrenbäuchen, eine Leinwand zeigt Filmszenen der Beatles, mit Ringo, nicht mit Pete. An einem der Schlagzeuge auf der Bühne sitzt Pete, am anderen sein Bruder Roag; „The Beatles“ steht auf Roags Basstrommel. Vor ihnen geben sich drei Mitmusiker Mühe, wie John, George und Paul zu klingen. Vom eigenen Album „Hayman's Green“ spielen sie keinen Song, dafür zwanzig aus dem Beatles-Repertoire von 1960 bis 1962: Roll Over Beethoven, Money, I Saw You Standing There. Die einzige Beatles-Coverband auf der Welt mit einem Original-Beatle.
Es ist dunkel geworden im Foyer und plötzlich auch voll, und irgendwann will einem die Sache gar nicht mehr so tragisch erscheinen. Pete Best ist kein großer Rockstar geworden, und Schwedt ist nicht Liverpool, doch gemeinsam schaffen sie es, dass man für einen kurzen Augenblick daran glauben kann. Was ist guter Pop anderes als eine große Illusion? Schwedt tanzt den Twist, und Pete Best lässt die Stöcke wirbeln. Er macht Schau.
Best of the Beatles
Pete Best wurde am 24. November 1941 in Indien geboren, wo sein Vater in der britischen Armee diente und seine Mutter fürs Rote Kreuz arbeitete. 1945 kehrte die Familie nach England zurück. 1959 eröffnete Petes Mutter Mona im Keller ihres Liverpooler Hauses den „Casbah Coffee Club“. Im August 1960 wurde Best Schlagzeuger der Beatles und reiste mit der Band nach Hamburg. Fast genau zwei Jahre später, kurz vor dem großen Durchbruch der Gruppe, wurde er hinausgeworfen. Mit anderen Bands hatte Best bescheidene Erfolge, zog sich dann aus dem Musikbusiness zurück, arbeitete bei einer Bäckerei und zwanzig Jahre als Beamter. Seit 1988 macht er wieder Musik. Mit seiner Familie lebt Pete Best in Liverpool. (jöt)
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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