05.06.2007 · Der Vater: Manche beneiden mich
Ich habe die letzten Jahre bei einem Programm vom Arbeitsamt mitgemacht, um die zehnte Hauptschulklasse zu schaffen, das heißt: „Arbeiten und Lernen“. Tja, da haben sie mich jetzt rausgeschmissen, weil ich zu viel Mist gebaut habe. Ich bin immer rumgerannt in der Klasse und war nicht kooperativ, und als wir eine Stadt-Rallye gemacht haben, bin ich einfach zu McDonald's gegangen. Es gab immer Abmahnungen, und das hat sich so gehäuft, daß sie meinten, ich würde zu viel Unfrieden stiften. Da hatten sie wohl auch recht. Schule ist auf jeden Fall nichts für mich, da ständig ruhig an so einem Ding zu sitzen . . . Ich glaube, ich bin hyperaktiv, ich kann von Natur aus nicht ruhig sitzen, ich bin immer am rumkippeln, kann die Füße nicht stillhalten . . . Genau weiß ich nicht, was mit mir los ist. Auf jeden Fall habe ich keinen Bock auf diese Lernscheiße. Meine Eltern und Jenny haben natürlich gesagt, ich sei schön doof, daß ich keinen Schulabschluß mache, so dieses Übliche halt, aber das geht bei mir hier rein und da raus. Das ist mir egal. Ich mache, was ich will. Ich wollte auch Geld verdienen, weiter habe ich nicht gedacht.
Also war ich nach meinem Rausschmiß im Oktober erst mal arbeitslos. Seit Anfang Mai arbeite ich jetzt bei einer Zeitarbeitsfirma. Da werde ich wie ein Knecht behandelt, und zahlen tun sie auch schlecht, nur 6,65 Euro in der Stunde. Letzten Monat habe ich 88 Stunden gearbeitet, im Schichtdienst, und nicht einmal 600 Euro brutto bekommen. Und jetzt stehe ich da auch schon wieder auf der Abschußliste - weil ich eben so bin, wie ich bin.
Ich muß da durch, immer runterschlucken . . .
Im Moment werde ich bei einer Tageszeitung eingesetzt, als Einleger: Da stehe ich am Band und muß Prospekte in eine Maschine legen. Die Maschine legt dann die Prospekte in die Zeitungen. Eigentlich ist das ja noch eine ganz angenehme, saubere Arbeit, man kann sich sogar dabei unterhalten. Aber man wird so schlecht behandelt. Wenn die zum Beispiel hier anrufen, um zu fragen, ob ich schon früher kommen kann, dann sagen sie nicht: „Guten Tag, könnten Sie heute wohl bitte früher kommen?“, sondern einfach nur, ohne Begrüßung: „Sie möchten um 8 Uhr abends schon kommen!“ Das ist einfach nur Scheiße, das ist 'ne blanke Scheißfirma, und ich bin dann wütend und hilflos. Aber ich mache das jetzt vorübergehend erst mal, ich muß da durch, immer runterschlucken . . .
Ich denke ja auch an Jenny und David, und für den Führerschein brauche ich auch Geld. Wenn ich den erst mal habe, habe ich jobmäßig ganz andere Möglichkeiten. Der Onkel von einem Kumpel von mir macht Kurierdienste. Da will ich dann anfangen. Zwischendurch waren Jenny und ich auch mal getrennt, weil ich eine andere Einstellung gehabt habe zum Leben. Ich war faul, habe nicht gearbeitet und hatte kein Interesse an ihr. Ich habe gefrühstückt, mich angezogen, und dann habe ich den ganzen Tag rumgelungert. Ich habe nie was mit ihr unternommen, und wir haben kaum noch miteinander geredet. Ich bin immer nur mit Freunden rumgezogen. Ich wollte einfach nur meinen Fun haben, hatte keinen Bock mehr, hier abzugammeln. Und, ich bin ja auch nicht immer so der Liebste, ich bin direkt, und manchmal ein bißchen fies, manchmal sage ich ihr nicht so schöne Dinge, da will ich sie eigentlich nur ärgern, aber ich übertreibe ein bißchen. Aber irgendwann hat sie dann doch gemerkt, was sie an mir hat. Weil, wenn wir auseinander sind, reden wir ganz anders miteinander, da sehen wir wieder, was wir aneinander haben. Im Alltag kommen wir oft nicht so klar, wenn wir nur so aufeinanderhängen.
Sie darf inzwischen anziehen, was sie will
Jetzt bin ich mehr so ein Familienvater, wir gehen zusammen einkaufen, in die Stadt, ich spüle, und gestern habe ich zum ersten Mal Essen fertiggemacht. Das heißt, ich habe was in den Backofen reingehauen, Fisch mit Kroketten. Und was das Ausgehen angeht, bin ich ganz locker geworden. Sie darf inzwischen anziehen, was sie will. Wenn ich dabei war, durfte sie das schon immer, aber jetzt darf sie das auch, wenn sie alleine losgeht. Ich tu jetzt so, als interessiere mich das nicht, was sie anzieht. Es interessiert mich natürlich doch, aber ich zeige es nicht. Ich zieh' mich da einfach nicht mehr so dran hoch, an solchen Geschichten.
Manchmal vermisse ich mein altes Leben echt. Dann wünsche ich mir, ich wär einfach solo und könnte jeden Tag mit meinen Freunden was erleben. Aber dann bin ich auch wieder stolz, daß ich David und Jenny habe. Manche von meinen Freunden, die den ganzen Tag nur rumhängen mit Junk und Bier, beneiden mich auch um meine Familie und meine Arbeit. Darum, ich darf mir das nicht verscherzen.
„Ich bin der Mann und du die Frau“
Das Problem ist: Jenny und ich sind so unterschiedlich erzogen. Sie kennt das so von ihren Eltern: Der Vater hilft im Haushalt mit und kocht auch ab und zu. Und ich kenne das so: Der Mann geht arbeiten, dann liegt er auf der Couch, und sie kocht für ihn. Eine Zeitlang hat sie mir das nach der Arbeit nicht gegönnt. Ich habe es aber auch übertrieben mit dem „Ich bin der Mann und du die Frau“.
So richtig zufrieden bin ich nicht mit meinem Leben. Manchmal gucke ich mir im Fernsehen diese fetten amerikanischen Filme an und denke: Warum bin ich nicht in ein anderes Leben hineingeboren? In so eins, wie man das im Fernsehen sieht. Aber, ach, Geld macht auch nicht glücklich. Und immerhin bin ich jetzt zufriedener als als Arbeitsloser. Ich brauche Arbeit, dann gehen die Tage auch viel schneller vorbei.
Heiraten werde ich nie
Heiraten werde ich nie. Ich will mich nicht so binden, und das dauert nachher alles zu lange mit scheiden und so. Vielleicht will ich aber doch heiraten, aber das ist alles nur mit Geld verbunden. Man kann auch ganz locker noch mit 25, 26 heiraten. Wenn ich jetzt einen Ring anhätte, würde ich ihn Jenny so oft vor den Kopf werfen im Streit, daß ich irgendwann keine Lust mehr hätte, ihn aufzuheben.