Home
http://www.faz.net/-gum-rflc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Maler Der Rollenkünstler

03.12.2004 ·  Stundenlang muß er sich über sechs mal fünfeinhalb Meter große Packpapierplanen beugen: Christoph Wetzel malt die Innenkuppel der Dresdner Frauenkirche originalgetreu aus.

Von Reiner Burger, Dresden
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Was hoch hinaus soll, braucht ein gutes Fundament. Bevor Christoph Wetzel ein Bildnis in der Kuppel der Dresdner Frauenkirche malt, muß er sich stundenlang über sechs mal fünfeinhalb Meter große Packpapierplanen beugen, um mit Kohlekreide, die er an ein Stöckchen gebunden hat, die Umrisse des Evangelisten Johannes auf das Papier zu übertragen.

Immer wieder blickt er auf seinen auf Leinwand gemalten Entwurf, den er am Kopfende der Papierbahn aufgerichtet hat. Zur besseren Orientierung bei der Vergrößerung hat Wetzel den Johannes-Entwurf und das Papier mit einem Quadratnetz überzogen. Nach Stunden des Zeichnens, Schauens, Zögerns, Verbesserns hat Wetzel den Karton fertiggestellt. Dann geht seine Frau Elke für ihn auf die Knie. Im Abstand von etwa einem Zentimeter sticht sie die Umrißlinie des Johannes auf dem Karton mit einer Ahle durch. Durch die Löcher wird später Kohlestaub auf die Innenseite der Kuppel durchgepinselt.

Malen nach Zahlen

„Malen nach Zahlen“, sagt Wetzel, der sich zum Steinmetz und Restaurator ausbilden ließ und Malerei studierte, der sich als passionierten Porträtmaler bezeichnet und der sich vor dem größten Auftrag seines Lebens nie mit Kirchenmalerei beschäftigte. Doch der seit Jahrhunderten bewährte aufwendige Weg vom Entwurf über den zur Anpassung an die Wölbung teilweise zerschnittenen Karton zum überlebensgroßen Kuppelbild ist die einzige Möglichkeit, mit den Tücken der Perspektive fertigzuwerden. „Wegen der Doppelwölbung der Kuppel würde ich selbst mit jeder Art von High-Tech-Projektion hilflos einbrechen“, sagt Wetzel, während er mit der Arbeit am Karton für das Motiv „Glaube“ beginnt. „Es ist wie beim Hausbau: Wenn man am Fundament schlampt, kann nichts werden.“

Die Mühen der Vorbereitung begannen für Wetzel vor vielen Monaten mit dem Betrachten von Farbdias. Es ist ein Glück, daß die von Giovanni Battista Groni gemalten Kuppelbilder dank der 1943 angefertigten Dias nicht im Februar 1945 verlorengingen, als die Frauenkirche anderthalb Tage nach der Bombardierung Dresdens in sich zusammenstürzte. Doch schon auf den ersten Blick war Wetzel klar: Nicht einmal über die genaue Farbigkeit gaben die Dias Aufschluß. Vor sechs Jahrzehnten steckte die Farbfotografie noch in ihren Anfängen. Ganz deutlich machen die Fotos dagegen, daß die Gemälde durch mehrfache Übermalungen und Ausbesserungen stark verfälscht worden waren.

Dem Zeitgeist angeglichen

Auf dem Dia mit dem Wandbild des Evangelisten Lukas sah Wetzel ein Mann mit Kartoffelgesicht an: „Das ist nicht die Leichtigkeit des Barock.“ Aus verschiedenen Quellen geht hervor, daß die Kuppelgemälde schon Mitte des 19. Jahrhunderts in so schlechtem Zustand gewesen sein müssen, daß man sie ausbesserte. Schließlich entfernten Restauratoren in den vierziger Jahren an einigen Stellen den übermalten Putz, weil das Kuppelmauerwerk mit Eisenklammern stabilisiert werden mußte. Die danach nötigen Übermalungsarbeiten leitete der Dresdner Paul Rößler. Doch er konnte oder wollte sich nicht in die barocke Malweise einfühlen: Die Physiognomien glich er dem damaligen Zeitgeist an.

Wie also sollte Wetzel die Kuppel der wiedererrichteten Frauenkirche möglichst originalgetreu ausmalen? Er entschied sich, die Dias einfach zur Seite zu legen, mehr über seinen Vorgänger Groni zu erfahren, dessen Form- und Farbensprache, dessen Blick auf die Welt zu studieren. Doch auch das war nicht leicht. Über Groni ist kaum mehr bekannt als daß er Theatermaler war und 1725 aus Venedig nach Dresden berufen wurde. Im nicht weit entfernten Schloß Moritzburg fertigte er illusionistische Malereien an. Über die Frage, weshalb nicht berühmte Kirchenmaler den verantwortungsvollen wie prestigeträchtigen Auftrag bekamen, die acht Kuppelbilder in der Frauenkirche zu malen (neben den vier Evangelisten die vier christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit), läßt sich nur spekulieren. Wahrscheinlich entschied man sich für Groni, weil er als Theatermaler dran gewohnt war, schnell zu arbeiten. Nur ein einziges Deckengemälde aus seiner Hand ist erhalten.

Wo ist das rechte Bein?

Im sächsischen Wermsdorf malte Groni die Decke der katholischen Kapelle aus. Also versuchte der gebürtige Berliner Wetzel dort, mit den Augen des Italieners sehen zu lernen und dessen Ausdrucksweise zu erfassen. Schritt für Schritt kam er mit unzähligen Farbentwürfen und Detailstudien der Malweise Gronis auf die Spur. So gelang es Wetzel schließlich, aus den Dia-Vorlagen immer mehr jene Elemente zu identifizieren, die nicht zu Gronis Stilistik und Handschrift passen. Dann zeichnete er die Evangelisten in Vorstudien zunächst als Akt. Nur so gelang es ihm, die anatomischen Rätsel der Darstellungen auf den Dias zu lösen. Beim Bildfeld des Johannes blieb beispielsweise im Dunkeln, wo sich das rechte Bein des Evangelisten befindet. Ein gut Teil des Johannes ist von einer barocken Gewandwolke verborgen. Nur ein Fuß ist zu sehen, von dem man noch nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, ob es der linke ist. Und wenn er es ist: Wo ist dann der rechte? Mehr noch: Wie modelliert sich sein Körper unter dem Gewand? Dank der Aktzeichnung kam Wetzel auf die Spur des rechten Beins des Johannes. So kam er auch seinem Ziel der künstlerischen „Anverwandlung“ an die Eigenheiten seines Vorgängers näher.

Dank der ausführlichen Studien überzeugte Wetzel schließlich die Jury im April 2003 mit acht mannshohen Entwürfen. Nun durfte Wetzel ein erstes Probebild in eines der Kuppelfelder malen. Das war eine enorme Herausforderung, denn im Sommer 2003 war die Kuppel noch von unten mit einem Bretterboden abgedichtet. Dem Künstler war es also nicht möglich, seine Arbeit öfters vom Kirchenraum aus zu kontrollieren. Auf die kurze Distanz konnte Wetzel das gesamte Bild aber nicht überblicken. Über ihm der Kopf des entstehenden Evangelisten Lukas, malte Wetzel also in ständiger Sorge, daß auf der doppelt gewölbten Fläche doch alles verzerrt sein könnte. Genau vor einem Jahr dann die Erlösung. Der hölzerne Zwischenboden fiel - und die Jury konnte sich endgültig von Wetzels Bewerbungs-Lukas überzeugen.

Michelangelo hätte seine Freude

Seit Ende Juni arbeitet Wetzel an den anderen sieben Kuppelfeldern. Diesmal kann er seine Arbeit jeweils eingehend aus der Distanz in Augenschein nehmen, denn nun steht ihm ein drehbares Gerüst zur Verfügung: „Michelangelo hätte seine helle Freude. Er erlebte die Stunde der Wahrheit, ohne daß er noch etwas hätte ändern können, denn das Gerüst in der Sixtinischen Kapelle wurde erst zum Schluß abgebaut.“ Wetzel dagegen kann seine Arbeit flexibel anpassen. Dabei steht ihm der erfahrene Restaurator Peter Taubert zur Seite.

Taubert war schon an der Innenausstattung der wieder aufgebauten Semperoper wesentlich beteiligt und ist nun sozusagen der Farbchef der Frauenkirche. Gemeinsam rühren die beiden die Farben für die Kuppelbilder nach alter Überlieferung aus Pigmentpulver, Hühnereiern, Leinölfirnis, Kasein und Nelkenöl an. Zudem steht Taubert häufig gemeinsam mit Wetzel auf dem Drehgerüst und malt an den illusionistischen Barockrahmen der Bildfelder. Denn der Betrachter soll künftig merken, wie in der Kuppel die einzelnen Farben und Akzente miteinander korrespondieren. Und damit alles, was an Rose-, Blaugrau- und Schilfgrüntönen harmonisch hineinspielt, stimmt, greift Taubert dann und wann in die Farbigkeit der Wetzelschen Bilder ein. So zeigte sich, daß am Gewand des Lukas und am Himmel Korrekturen notwendig waren.

Wetzel fühlt sich durch die Entscheidung Tauberts nicht in seiner Ehre verletzt. „Im Gegenteil, über die gemeinsame Arbeit auf dem Gerüst sind wir Freunde geworden.“ Der „Glaube“ sei Gott sei Dank sein letztes Bildfeld. „Ich bin jetzt 57. Mit 37 hätte ich diese Arbeit natürlich lieber gemacht“, sagt Wetzel. Auch daß er sich für den Auftrag gleich mindestens dreimal mit einem Motiv beschäftigen mußte, fällt ihm schwer: Erst der Entwurf, dann die maßstabgetreue Übertragung auf Papier und schließlich die Ausführung in der Kuppel. Und schließlich sei es unendlich anstrengend, fortwährend eine fremde Rolle zu spielen und Groni nachzuempfinden. Natürlich sei es für ihn eine Ehre, am Wiederaufbau der Frauenkirche mitarbeiten zu dürfen. Und doch freue er sich schon jetzt auf den Tag, an dem er in sein Atelier zurückkehren dürfe. Wenn er nach dem Jahrhundertauftrag sein erstes Porträt malen dürfe, sei er erleichtert: „Mein Herzblut hängt an den Porträts, am warmen atmenden Leben, das mir gegenübersitzt. Dann werde ich endlich nicht mehr ein Rollenspieler sein.“

Quelle: F.A.Z. vom 4. Dezember 2004
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

Jüngste Beiträge