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Morgens in Berlin : Aufstehen, feiern – dann ins Büro

  • -Aktualisiert am

Im Frühtau: Raver tanzen in der „Neuen Heimat“ in Berlin, morgens noch vor acht Uhr. Bild: Matthias Lüdecke

After-Work-Partys sind von gestern. In Berlin kann man jetzt vor der Arbeit feiern. Alkohol und Zigaretten gibt’s nicht, dafür Elektromusik, Yoga und veganes Rührei. Kann das denn Spaß machen?

          Dass um 6.30 Uhr eine Schlange vor einer Party steht – Neon-Leggings, zerknautschte Gesichter voller Glitzer –, ist in Berlin nicht so selten. Das kann auch einmal an einem Mittwochmorgen passieren. Dass aber alle in der Schlange erst vor kurzem aufgewacht sind und nüchtern – das hat man in Berlin wohl noch nicht so häufig gesehen.

          Morning Gloryville ist kein After-Hour-, sondern ein Frühaufsteher-Rave: Hier tanzen keine Druffis, die mal wieder die Nacht durchgemacht haben, sondern frisch geduschte Menschen. In der „Neuen Heimat“ feiern sie unter dem Motto „Rave your way into the day!“ in den Tag hinein. Das Konzept kommt aus London – dort wurde im Mai 2013 die erste Morning Gloryville gefeiert. Inzwischen gibt es die Partyreihe in 15 Städten – darunter New York, Sydney und Bangalore. Immer mittwochs wird zu einer Uhrzeit getanzt, in der man normalerweise noch den Schlummerknopf am Wecker drückt.

          Morgentanz statt Joggingrunde: Die Bewegungseinheit gehört beim Frührave dazu. Bilderstrecke

          Drinnen wummert es schon, Elektroswing von Parov Stelar. Girlanden und eine Discokugel baumeln von der Decke. Vor der DJ-Kanzel hängt ein riesiges Banner: „Guten Morgen!“ Statt erst mal die anderen Gäste zu checken oder sich einen Drink zum Lockerwerden zu holen, strömen die Menschen auf die Tanzfläche. Die Zeit ist zu knapp, um lässig herumzustehen: Die Party geht nur bis zehn Uhr – und viele müssen früher aufbrechen, um es pünktlich ins Büro zu schaffen.

          An der Bar gibt es nur Kaffee und frisch gepressten Saft, Haferbrei oder veganes Rührei aus Tofu. An der Tür hängt ein Schild mit der Bitte, nicht zu rauchen. Und in der Ecke liegen nicht wie sonst um diese Uhrzeit Schnapsleichen, sondern Yoga-Matten.

          „Man sollte öfter vormittags feiern.“

          Ist eine rauschfreie Party am frühen Morgen überhaupt eine Party? War nicht Grenzgang der Sinn des Feierns, das Ausbrechen aus dem Normalzustand, ohne Rücksicht auf den Morgen und die Leberwerte? Und doch scheint die Begeisterung bei Morning Gloryville echt. Um 6.45 Uhr sind zwei Drittel der Besucher auf der Tanzfläche, mehr als vor dem Kaffeestand. Sie tanzen wild, mit vollem Körpereinsatz. Viele haben Festivalklamotten und Party-Accessoires an: batteriebetriebenen Leuchtschmuck, Federn, Gesichtsbemalung, die im Dunkeln leuchtet.

          Eine junge Frau, die einen Blumenkranz trägt, muss gleich zu ihrer Eventagentur, arbeiten. Noch hüpft sie aber auf und ab, in der Hand einen grünen Smoothie mit Sellerie und Spinat. „Viel besser als Bier“, sagt sie und tanzt weiter. „Man sollte öfter vormittags feiern. Sonst ist es morgens immer das Gleiche: Wecker, Badezimmer, Arbeit.“

          Tom Barber, einer der drei Veranstalter der Berliner Morning Gloryville, pflichtet ihr bei: „Warum muss die Morgenroutine immer dieselbe sein? Unsere Abende planen wir sorgfältig, aber unsere Vormittage gleichen sich wie Klone.“ Vor dreieinhalb Monaten hat Tom seinen Job beim Sender BBC in London an den Nagel gehängt und ist nach Berlin gezogen. Jetzt arbeitet er als Yoga-Lehrer.

          Man muss die Nüchternheit ablegen

          Morning Gloryville hat er vor einem Jahr entdeckt. Damals hatte er gerade beschlossen, keinen Alkohol zu trinken, und war auf der Suche nach alternativen Partys. „Ich musste es mir erst beibringen, nüchtern zu tanzen. Aber wenn du es schaffst, die Schüchternheit abzulegen, ist es großartig. Man bewegt sich so frei, als sei man wieder ein Kind.“ Dass er jemals schüchtern war, kann man ihm kaum glauben: Den Großteil der Party verbringt er auf der Bühne vor dem DJ-Pult, den Oberkörper frei und in glitzernden Halbleggings.

          Daneben tanzt eine Frau mit wilden Haaren und bunten Hippieklamotten, Marta Cornellana, 36 Jahre alt, die zweite Veranstalterin und Mitbewohnerin von Tom. „Versteht mich nicht falsch: Wir lieben dunkle Partys. Ich gehe oft ins ,Berghain‘“, sagt Cornellana. „Aber das hier ist etwas anderes.“ Auch sie zog vor drei Monaten nach Berlin und arbeitete vorher als Journalistin – allerdings in Barcelona, nicht in London.

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