27.10.2005 · Eberhard Burger, der Baudirektor der Frauenkirche, hat mit Beharrlichkeit auch die letzten Zweifler überzeugt, daß der Wiederaufbau möglich sein würde. Nun bleibt nach jahrelanger Arbeit die Frage: Was kommt nun?
Von Reiner BurgerDa steht sie vor ihm, reckt sich in den blauen Dresdner Himmel, als hätte sie nie gefehlt. Ringsum drehen sich die Kräne. Schon stehen auf dem Neumarkt die ersten Häuser im Rohbau. Aus weiteren Baugruben sind dröhnend Bagger zu hören. Inmitten der Geschäftigkeit steht sie wie eine feste Burg. Gerade räumen auf dem Platz rund um das Luther-Standbild die Pflasterleger ihr Werkzeug zusammen. Im Inneren unter der grandiosen Kuppel sind die Fensterputzer mit ihrer Arbeit fertig, die Vergolder haben noch einmal die barocken Verzierungen an den Emporen und Balustraden inspiziert, damit zum großen Tag alles erstrahle: Soli Deo Gloria.
So steht sie vor ihm. Eberhard Burger hat von seinem Büro im fünften Stock des Cosel-Palais aus einen guten Blick auf sein Werk. Doch Zeit zu schauen bleibt dem Baudirektor der Frauenkirche so kurz vor der Weihe am Sonntag nicht. "Manchmal habe ich den Eindruck, es war leichter, die Kirche wieder aufzubauen, als das ,Fest der ersten drei Tage' zu organisieren", sagt der fast zwei Meter große Mann mit der grauen Löwenmähne. Wie jeden Morgen hat er sich durch einen Berg von Briefen kämpfen müssen. Je näher der Weihetermin rückte, desto mehr Leute wendeten sich an die Stiftung Frauenkirche. "Das ist nett und doch eine enorme Belastung", sagt Burger. Vor allem aber hält ihn das Antworten von seinem Hauptgeschäft ab: der Organisation der Weihe, zu der 100.000 Gäste erwartet werden. Dabei gebe es unendlich viele Protokoll- und Sicherheitsfragen, sagt Burger leise seufzend.
Keiner ist so lange dabei wie Burger
Eberhard Burger ist der Mann der ersten Stunde. Keiner ist so lange in einer so verantwortungsvollen Position am Wiederaufbau der Frauenkirche beteiligt wie der 62 Jahre alte Bauingenieur. Schon 1992, als längst noch nicht alle davon überzeugt waren, daß der kühne Plan je gelingen könnte, ist er Baudirektor geworden. Er organisierte die archäologische Enttrümmerung des 22.000-Kubikmeter-Schutt-Bergs, der von dem Gotteshaus nach den alliierten Luftangriffen im Februar 1945 geblieben war. Er suchte nach der besten Mörtelmischung, erforschte alte Handwerkskunst, damit die Maurer die Technik ihrer Vorgänger erlernen konnten. Er rang mit um die beste technische Lösung für die Wiedererrichtung der gewagten steinernen Glocke. Er focht so manche Kämpfe aus, unter denen der heftigste jener um die Orgel war. Er hatte mit zu entscheiden, wie die Innenkuppel nach barockem Vorbild auszumalen sei.
Gelegentlich wird Burger deshalb mit George Bähr, dem Dresdner Ratszimmermeister, verglichen. Das weist er dann bestimmt zurück. Bähr sei ein genialer Mann gewesen. Alles habe er selbst verantwortet: Statik, Architektur, Lichtführung, Akustik. Er dagegen habe eine Völkerschar von Projektanten und Prüfenden um sich gehabt. Zahllose Vorschriften seien zu beachten gewesen, gegen vieles sei man versichert. "Uns ist während des Bauens erst klar geworden, daß die alten Baumeister die ganzen Randgebiete mit beherrscht haben, für die wir heute Fachleute haben. Die haben abgesteckt und gebaut und gewußt, wie das wird." Das Ergebnis sei ein Wunder: die kühn konstruierte und gebaute "steinerne Glocke". Für dieses Unikat von Weltrang bewundert er Bähr. Der Ratszimmermeister sei ein enormes Risiko eingegangen und habe mit dem eleganten Außenschwung der Kuppel eine Lastenverteilung um acht Meter nach außen gewagt. "Das Wunder von Dresden geschah vor mehr als 260 Jahren. Was wir Bauleute gemacht haben, ist kein Wunder." Das neue Wunder von Dresden hätten die beinahe 600 000 Spender in aller Welt vollbracht.
Mehr private Spenden als je erhofft
Als Burger sein Amt antrat, hoffte er, ein Drittel der Bausumme aus privaten Spenden decken zu können - und mußte sich dafür einen "Phantasten" nennen lassen. Nun sind es drei Viertel der reinen Bausumme in Höhe von 132 Millionen Euro. Die Frauenkirche ist damit abermals zum Symbol für bürgerschaftliches Engagement geworden. Denn daß Bähr seinerzeit das Vorhaben als monumentalste Äußerung des protestantischen Kirchenbaus anlegte, war auch deshalb bemerkenswert, weil die Kirche ausgerechnet in der Residenz des vom Luthertum abtrünnigen August des Starken in unmittelbarer Nähe der katholischen Hofkirche errichtet werden sollte. Die Kosten der Bährschen Frauenkirche in Höhe von etwa 290.000 Talern war ebenfalls zu großen Teilen aus Spenden der Bürger finanziert - auch wenn das Geld ursprünglich für Salzburger Protestanten gesammelt worden war, die ihre Heimat verlassen mußten.
George Bähr war ein genialer Baumeister, mit der Konstruktion der steinernen Kuppel seiner Zeit weit voraus. Für seine revolutionäre Idee des gezielten Kräftelenkens gab es damals aber keine ausreichende technische Lösung. So traten schon beim Bau der Kirche und mehr noch in den Jahren danach gravierende Schäden auf, denn die Last von Kuppel, Tambour und Innenkuppel floß nicht wie geplant auch über das Außenmauerwerk in die Fundamente. An den acht Innenpfeilern entstanden Risse. Eisenringe verhinderten, daß die Pfeiler platzten. Burger und seine Leute wollten diese Schäden vermeiden. Deshalb haben Statiker den Lastenfluß mit Hilfe eines gewaltigen Ringankers im Hauptgesims umgelenkt. "Ein Abweichen vom Prinzip des archäologischen Wiederaufbaus ist das nicht, denn die Grundidee dazu stammt von Bähr."
Nicht die Bomben, das Feuer zerstörte die Kirche
Trotz ihrer Baumängel war auch die alte Frauenkirche so stabil, daß sie preußischen Kanonenkugeln im Jahr 1760 standhielt und den alliierten Bombardements vom 13. und 14. Februar 1945. Erst durch den Brand nach den Bombardements, der vom Cosel-Palais auf das Innere der Kirche übergriff, wurde der Sandstein so spröde, daß das Gotteshaus am Morgen des 15. Februar unter der zusammenstürzenden Kuppel zerbarst. Noch 1945 gab es unter engagierten Denkmalschützern erste konkrete Pläne für einen Wiederaufbau. Wegen der verheerenden Zerstörung beinahe der gesamten Stadt und später unter den ideologischen und wirtschaftlichen Bedingungen der DDR blieb das Vorhaben chancenlos. Auch deutete das SED-Regime den Trümmerberg aus propagandistischen Gründen zum Mahnmal gegen die "anglo-amerikanischen Kriegstreiber" um.
"Das war mir immer besonders zuwider", erzählt Burger. "Ich war seit je für den Wiederaufbau, weil ich miterlebt habe, daß dieser Eindruck von Zerstörung und Chaos nicht an sich zur Versöhnung führt, ein archäologischer Wiederaufbau dagegen notwendigerweise." Das Wort von der geheilten Wunde, das der damalige Landesbischof fand, bewege ihn noch heute. Spuren der Vergangenheit werden dennoch lange zu sehen sein, denn die Frauenkirche besteht zu rund 43 Prozent aus historischem Material. Deutlich zeichnen sich die durch Oxydation schwarz gewordenen alten Steine vom neuen Material ab, das ebenfalls aus der Sächsischen Schweiz stammt. Die schwarzen Steine werden wie Narben an die Wunden des Krieges erinnern. Und daran kann, da ist sich Burger sicher, auch die Oxydation der neu eingefügten Sandsteine in den kommenden Jahrzehnten nichts ändern. "Wenn man genau hinsieht, wird man immer erkennen, welcher Stein aus der Vorgängerkirche stammt und welcher neu ist." Als eine Gruppe prominenter Dresdner um den Pfarrer Karl-Ludwig Hoch und den Trompeter Ludwig Güttler am 13. Februar 1990 mit ihrem "Ruf aus Dresden" zum Wiederaufbau der Frauenkirche aufriefen, stießen sie vor allem in Dresden auf viel Skepsis. Manche hielten den Wohnungsbau für wichtiger. Auch in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche gab es Gegner. Manchem galt die mit Rosen bewachsene Ruine der Frauenkirche als würdiges Mahnmal. Zu ihnen zählte auch Burgers Vorgesetzter im Baureferat der Landeskirche. Doch im März 1991 entschied sich die Kirchensynode mit großer Mehrheit für den Wiederaufbau. Bauherrin aber wollte die Landeskirche nicht sein, weshalb sie schließlich 1994 gemeinsam mit der Stadt Dresden und dem Freistaat Sachsen die Stiftung Frauenkirche gründete.
Zweifel zerstreuten sich erst allmählich
Die Zweifel der Dresdner zerstreuten sich erst mit dem Voranschreiten des Jahrhundertwerks. Ende 1992 begann die archäologische Enttrümmerung. Tausende Steine der Außen- und Innenmauern der Kirche wurden geborgen, erfaßt und in einem Freiluftlager gleich neben der Baustelle deponiert. Völlig unerwartet stießen die Bauarbeiter auch auf das schwer demolierte Kuppelkreuz, das heute im Innern der Kirche plaziert ist. Das Auffinden des Hochaltars im Jahr 1993 war dann das erste Ereignis, das die Stiftung inszenierte, um die letzten Skeptiker zu überzeugen. Drei Jahre später war das Kellergewölbe fertig, das feierlich zur "Unterkirche" geweiht wurde. Im Jahr 2000 übergab der Herzog von Kent das neue Kuppelkreuz an die Stiftung. Es wurde vom Londoner Goldschmied Alan Smith gefertigt, dem Sohn eines jener Bomberpiloten, die 1945 an der Zerstörung Dresdens beteiligt waren. "Mein schönstes Erlebnis war, daß dann zur Einholung und Weihe der Glocken im Jahr 2003 der Funke auch zur Dresdner Bevölkerung übersprang." Als die Frauenkirche ihre Stimme zurückerhielt, sah Burger unter den Zehntausenden Schaulustigen viele mit Tränen in den Augen.
Manchmal kommt es dem Baudirektor vor, als sei alles, was er vor 1992 gemacht hat, nur Vorbereitung gewesen. Seit 1980 war er im Baureferat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche für Kirchenneubauten in Plattenbauvierteln zuständig und für den Wiederaufbau der Dresdner Dreikönigskirche. Daß die Projekte mit Valuta-Mark finanziert wurden und Burger deshalb auch mit Maschinen und Material aus dem Westen arbeiten konnte, sollte sich für den anspruchsvollen Wiederaufbau als Segen erweisen. "Die Frauenkirche ist beruflich der wichtigste Teil meines Lebens", sagt Burger. "Und mein Menschenbild hat die Aufgabe auch verändert: Gemeinsam kann man unglaubliche Ziele erreichen."
„Vorrang hat die Verkündigung“
Nach der Weihe will der Baudirektor noch bis Ende 2007 Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche bleiben. Schließlich sei der Bau einer Kirche eng mit deren Nutzung verbunden. Also muß Burger moderieren, denn in der Frauenkirche treffen viele Erwartungen aufeinander: Sie ist ein Ort der Gottesdienste und Konzerte, der Gläubigen und der Touristen, der Versöhnung und der Erinnerung. "Vorrang hat die christliche Aussage, die Verkündigung. Die Menschen kommen mit unterschiedlichen Vorkenntnissen. Und genau das ist eine einmalige missionarische Chance." Schon viele Dresdner Pfarrer hätten sich bereit gefunden, auch in der Frauenkirche Dienst zu tun. "Vor allem aber wollen wir einfach den Raum wirken lassen. Er vermittelt Glauben durch seine Form und Gestaltung, er hat so eine Leichtigkeit, daß man in ihm nicht schwermütig werden kann. Wenn jeder diesen Raum fröhlicher und friedlicher verläßt, als er ihn betreten hat, haben wir viel erreicht." So steht sie vor ihm. Soli Deo Gloria. An einem seiner Bürofenster versinkt Burger nun doch für ein paar Momente in Gedanken. Dann deutet er auf ein pechschwarzes Mauerstück an der Ostseite der Kirche. "Das ist der Altarvorbau, der 1945 erhalten blieb. Er steht mir am nächsten, denn er ist das erste Ruinenteil, das ich am 1. Juli 1992 durch Einrüstung gesichert habe. Damit fing alles an."