20.09.2006 · Jeder zweite Deutsche glaubt an Wunder. Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kommt das Allensbacher Institut, das im Auftrag der F.A.Z. eine Repräsentativumfrage zum Thema „Wunder“ gemacht hat. Die meisten Befragten begreifen dabei Wunder nicht als „reine Zufälle“.
Von Professor Elisabeth Noelle und Dr. Thomas PetersenAm 19. September 2006, zwei Tage bevor er an der Regensburger Universität den Vortrag hielt, der seitdem den Blick auf alle anderen Aspekte seines Besuches in Deutschland verdeckt, erzählte Papst Benedikt XVI. vor 250.000 Gläubigen in München die Geschichte eines Wunders, die im Markus-Evangelium beschriebene Heilung eines Taubstummen durch Jesus. Diese Heilung, so der Papst, sei zum einen eine Zuwendung zu denen gewesen, die am Rand der Gesellschaft stünden, doch sie habe auch eine tiefere Dimension. Es gebe „nicht nur die physische Gehörlosigkeit“, sondern auch eine „Schwerhörigkeit Gott gegenüber“. Das von Markus beschriebene Wunder sei auch im übertragenen Sinne zu verstehen. Jesus habe es dem Taubstummen ermöglicht, Gott zu hören und mit ihm zu sprechen. Doch die Heilung der „physischen Gehörlosigkeit“ zog der Papst nicht in Zweifel, nahm das Wunder, das nicht mit dem Verstand oder mit Naturgesetzen erklärbare Ereignis als selbstverständlich an.
Was sind eigentlich Wunder? Kann es Dinge geben, die mit Rationalität und den Naturwissenschaften nicht erklärt werden können, oder handelt es sich nur um Täuschungen, Zufall oder Phantasien? Wer glaubt an Wunder, und mit welcher Lebenseinstellung ist der Wunderglaube verbunden? Dies sind Fragen, denen das Allensbacher Institut im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit einer Repräsentativumfrage im September 2006 nachgegangen ist. Die Ergebnisse sind in mancherlei Hinsicht erstaunlich: Sie zeigen, daß die Deutschen dem Gedanken an Wunder mit großer und sogar wachsender Offenheit gegenüberstehen.
„Wunder von Bern“ kein echtes Wunder
In den Antworten der Befragten ist kaum Widerwille zu spüren, sich mit dem Thema zu beschäftigen, sondern sie zeichnen sich im Gegenteil durch eine bemerkenswerte Lebendigkeit und Vielfalt aus. Dies wird zum Beispiel erkennbar an den Reaktionen auf eine Frage, bei der die Befragten gebeten wurden anzugeben, welche Dinge oder Lebenssituationen als Wunder bezeichnet werden könnten. 67 Prozent meinten, die Heilung von einer schweren, scheinbar hoffnungslosen Krankheit könne als Wunder bezeichnet werden, 65 Prozent nannten es ein Wunder, wenn jemand einen schweren Unfall unbeschadet übersteht.
Fast die Hälfte der Befragten, jeweils 47 Prozent, bezeichnetet die Geburt eines Menschen und die Rettung aus scheinbar aussichtslosen Notlagen als Wunder, 42 Prozent nannten die Schönheit der Natur. Die Befragten unterschieden dabei durchaus zwischen dem Sprachgebrauch im Alltag und der grundlegenderen Bedeutung des Begriffs. Außergewöhnliche politische, sportliche oder gesellschaftliche Vorgänge wie das „Wunder von Bern“ oder das „Wirtschaftswunder“ akzeptierten nur wenige Befragte als „echte“ Wunder.
Esoterische Aussagen werden kaum akzeptiert
Die Frage „Glauben Sie an Wunder?“ beantworten heute 56 Prozent der Deutschen mit „Ja“, erheblich mehr als noch vor sechs Jahren, als in einer Allensbacher Repräsentativumfrage nur 29 Prozent diese Antwort gaben. Fragt man etwas genauer nach, dann erkennt man auch hier wieder eine erstaunliche Vielfalt der Vorstellungen. 54 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, daß es Fälle gibt, in denen jemand eine drohende Gefahr im voraus spürt, 51 Prozent glauben an Schutzengel, 45 Prozent meinen, daß es möglich sei, mit einem weit entfernten Menschen in innerer Verbindung zu stehen. Lediglich 30 Prozent der Deutschen meinen, das, was viele „Wunder“ nennen, seien in Wahrheit reine Zufälle.
Der bemerkenswert großen Akzeptanz von Wundern haftet wenig von Naivität an. So liegt der Anteil derer, die an Wunder glauben, unter Befragten mit einfacherer und höherer Schulbildung nahezu gleichauf (58 beziehungsweise 55 Prozent). In der Gruppe der Selbständigen ist der Glaube an Wunder mit 64 Prozent sogar weiter verbreitet als beispielsweise unter Facharbeitern (52 Prozent), auch zwischen den Generationen gibt es keine nennenswerten Unterschiede. Rein esoterische Aussagen werden nur von wenigen Befragten akzeptiert. Mit simpler Leichtgläubigkeit einer vermeintlich unaufgeklärten Gesellschaft ist die Akzeptanz von Wundern also kaum zu erklären.
Wundererlebnisse sind weit verbreitet
Bei einem nicht geringen Teil der Bevölkerung scheint die Einstellung zu Wundern auch auf eigenen Erfahrungen zu beruhen. Das zeigen die Reaktionen auf die Vorlage einer Liste, bei der zehn verschiedene Situationen beschrieben wurden, die im weitesten Sinne als Wunder bezeichnet werden könnten. Dazu wurde die Frage gestellt: „Haben Sie selbst schon mal etwas auf dieser Liste hier erlebt, von dem Sie sagen würden: ,Das ist ein echtes Wunder?'“ 26 Prozent berichteten, sie seien schon einmal einem Menschen begegnet, mit dem sie sich tief verbunden gefühlt hätten, 20 Prozent sagten, ihnen sei schon einmal in einer sehr schwierigen Lage ganz unerwartet geholfen worden, 15 Prozent berichteten, sie hätten einmal einen schweren Unfall unbeschadet überstanden. Nur 32 Prozent meinten bei dieser Frage, sie hätten noch keine der aufgelisteten Situationen erlebt. Bei einer ähnlichen Frage antworteten 23 Prozent, daß sie schon einmal erlebt hätten, daß man eine drohende Gefahr im voraus sieht, ebenfalls 23 Prozent berichteten über Erlebnisse mit Schutzengeln, mit einer höheren Macht, die sie beschützte. Dabei berichten Frauen tendenziell häufiger als Männer über solche Erlebnisse.
Daß auch das öffentliche Bekenntnis zu Wundern auf starke Akzeptanz stößt, liegt vielleicht daran, daß Wundererlebnisse weiter verbreitet sind, als oft angenommen wird. Dies zeigen die Reaktionen auf die Frage „Einmal angenommen, ein Bekannter erzählt Ihnen, daß ihm im Traum ein naher Angehöriger erschienen war, um sich von ihm zu verabschieden. Am nächsten Morgen habe er erfahren, daß dieser Angehörige, der in einer ganz anderen Stadt lebte, in der Nacht gestorben war. Wenn Sie das hören: Was würde Ihnen da durch den Kopf gehen?“ Dabei wurden keine Antwortkategorien vorgegeben. Die Interviewer schrieben die Antworten der Befragten wörtlich mit. 37 Prozent der Befragten, 29 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen, sagten spontan, ein solches Erlebnis könne es durchaus geben. Vier Prozent sagten sogar, sie selbst hätten eine solche Situation schon einmal erlebt. Nur 21 Prozent meinten, so etwas könne es nicht geben; Äußerungen, der Bekannte lüge oder sei verrückt geworden, kamen nur vereinzelt vor.
Glaube führt nicht zu Isolation
Man riskiert nicht, gesellschaftlich isoliert zu werden, wenn man sich in der Öffentlichkeit zum Glauben an Wunder bekennt. Es hat den Anschein, als seien es umgekehrt eher diejenigen, die nicht an Wunder glauben, die für ihre Position wenig Verständnis finden. In den sechziger und siebziger Jahren war entdeckt worden, daß Menschen, die sich mit ihrer politischen Überzeugung isoliert fühlten, dazu neigten, in der Öffentlichkeit zu verstummen, während sich diejenigen, die sich in der Mehrheit wähnten, laut zu ihrer Überzeugung bekannten. Nun wurde den Befragten die folgende Situation beschrieben: „Einmal angenommen, Sie haben eine mehrstündige Zugfahrt vor sich. Jemand neben Ihnen fängt an, über Wunder zu reden, und sagt, daß es echte Wunder gibt und daß er selbst schon welche erlebt hat. Würden Sie sich gerne mit diesem Menschen unterhalten, oder würden Sie keinen großen Wert darauf legen?“ 69 Prozent der Befragten, die vorher bekundeten, daß sie selbst an Wunder glaubten, sagten, daß sie sich gerne mit diesem Mitreisenden unterhalten würden. Unter denen, die nicht an Wunder glauben, waren es nur 27 Prozent.
Bei der Hälfte der Interviews kam eine andere Variante der Frage zum Einsatz, in der es hieß, der Mitreisende vertrete die Meinung, daß es Wunder gar nicht gebe. Auch unter diesen Bedingungen erwiesen sich die Befragten, die an Wunder glauben, als redebereit: 51 Prozent meinten, sie würden sich gerne mit dem Mitreisenden unterhalten. Diejenigen, die nicht an Wunder glauben, sagten dagegen auch hier nur zu 25 Prozent, daß sie sich gerne an dem Gespräch beteiligen würden, obwohl doch der Mitreisende ihre Meinung stützte. Zum Teil wird man diese Reaktion auf ein allgemeines Desinteresse an diesem Thema unter denen zurückführen können, die nicht an Wunder glauben. Doch die Redebereitschaft der Gegengruppe bleibt bemerkenswert. Sie ist auch bei Widerspruch kaum eingeschränkt.
Menschen wenden sich verstärkt Glauben zu
Was hat dies alles nun mit der von Benedikt XVI. beklagten „Schwerhörigkeit gegenüber Gott“ zu tun? Die Umfrageergebnisse des Allensbacher Instituts zeigen eindeutig, daß der Glaube an Gott und der Glaube an die Existenz von Wundern eng miteinander zusammenhängen. In den Umfrageergebnissen fällt auf, daß sich die Antworten zwischen Ost- und Westdeutschen erheblich unterscheiden. Westdeutsche sagen zu 59 Prozent, Ostdeutsche zu 45 Prozent, daß sie an Wunder glauben. Ostdeutsche akzeptieren weniger Situationen als Wunder als Westdeutsche, berichten seltener über wundersame Erlebnisse und äußern sich öfter unduldsam gegenüber Menschen, die sich zu Wundern bekennen.
Dahinter steckt der Umstand, daß die Religion in den neuen Bundesländern eine weit geringere Rolle spielt als im Westen. Katholiken sagen zu 64 Prozent, Protestanten zu 66 Prozent, daß sie an Wunder glauben; unter den Konfessionslosen schließen sich nur 43 Prozent dieser Ansicht an. Nach Jahrzehnten, in denen die Religion in Deutschland auf dem Rückzug war, mehren sich seit einigen Jahren die Hinweise darauf, daß sich die Menschen wieder etwas mehr dem Glauben zuwenden. Auf die Frage „Glauben Sie an die Kraft des Gebetes, oder glauben Sie nicht daran?“ antworten heute 46 Prozent: „Ich glaube daran“, 1993 waren es nur 39 Prozent.