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Demographie Der Süden hat die Zukunft noch vor sich

23.04.2004 ·  Erst allmählich setzt sich hierzulande die Erkenntnis durch, daß Kinder Wachstum und Wohlstand bedeuten. Dabei hängt Deutschlands Zukunft auch von seiner demographischen Entwicklung ab.

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Deutschlands Zukunft hängt auch von seiner demographischen Entwicklung ab. Aber die Erkenntnis, daß Kinder Wachstum und Wohlstand bedeuten, setzt sich erst allmählich durch. Dabei steht Deutschland "am Beginn einer Bevölkerungsimplosion", wie Hans Fleisch, Vorstand des Berlin-Instituts für Demographie, sagt. Es sterben jedes Jahr mehr Menschen als geboren werden, und die Alterspyramide verschiebt sich nach oben. Beides führt zu dramatischen Veränderungen.

Eine neue Studie des Berlin-Instituts zeigt, daß es bei den demographischen Veränderungen in Deutschland schon jetzt große regionale Unterschiede gibt. Im Süden ist die Lage besser als im Norden; dort wiederum ist sie besser als im Osten, wo die Bevölkerungszahl bis Mitte des Jahrhunderts um die Hälfte sinken könnte. Nach Ansicht der Autoren müssen Rückbauprogramme in die Tat umgesetzt werden, sollen im Osten nicht zahlreiche Orte als Geisterstädte zurückbleiben.

Vergleich der Landkreise

Die Ökonomie bestimme weitgehend die Demographie, heißt es in der Untersuchung: Wo es genügend Arbeitsplätze gibt, bekommen die Menschen mehr Kinder als in ökonomisch schwachen Gegenden; wo es Arbeitsplätze gibt, siedeln sich zudem Familien an, die schon Kinder haben. Wo nur wenige Kinder heranwachsen, lahmt später die Wirtschaft, etwa weil Fachkräfte fehlen. Und wo die Wirtschaft lahmt, gibt er wiederum weniger Familien mit Kindern.

Die Autoren haben alle deutschen Landkreise miteinander verglichen und dafür 22 Indikatoren ausgewählt. Da geht es nicht nur um demographische Daten wie Kinderzahl und den Anteil von Frauen zwischen 18 und 30 Jahren, sondern auch um Bruttoinlandsprodukt, Kaufkraft, Wohnungsbau, Ausländeranteil, Zahl der Kindergärten. Alle Indikatoren zusammen ergeben eine Note zwischen eins und sechs; sie gilt als Gesamtindikator für die "Zukunftsfähigkeit".

Viele zukunftsfähige Landkreise gibt es in Deutschland nicht mehr. Daß man die Aussagekraft einzelner Indikatoren in Zweifel ziehen kann, bestreitet der Leiter des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, nicht, aber das methodische Vorgehen sei angemessen. Der Kreis mit den besten Zukunftsaussichten ist Eichstätt; er besticht nicht durch große Kaufkraft, niedrige Arbeitslosenrate, Attraktivität für junge Familien. Am besten schnitt bei den Berechnungen, die sich weitgehend auf öffentlich zugängliche Daten stützen, Baden-Württemberg ab, vor Bayern und Rheinland-Pfalz.

Wettstreit um Junge

Das untere Ende bilden die neuen Bundesländer zusammen mit den Stadtstaaten Bremen und Hamburg. "Baden-Württemberg steht insgesamt am besten da. Hier ist die Bevölkerung jünger als in Bayern, Kaufkraft und Bruttoinlandsprodukt liegen höher, der Bildungsstand ist besser, und die Kreise sind weniger verschuldet." Demgegenüber leide der Osten unter Abwanderung, "Überalterung" und schlechter Wirtschaftslage. "Fatal wird es dabei für Regionen, in denen eine Standortverschlechterung zu weiterer Abwanderung führt und sich die Lage an allen Fronten verschärft."

Auch aus den großen Städten ziehen die Menschen fast überall weg - meist ins Umland. Die jungen Familien entziehen den urbanen Zentren damit zugleich Vitalität und Zukunftsfähigkeit. Die Unterschiede innerhalb Deutschlands zeigen nach Meinung der Autoren, daß Städte und Kommunen künftig noch stärker in einen Wettstreit um die jüngsten und besten Köpfe treten werden. Das Angebot an Kindergartenplätzen spiele dabei ebenso eine Rolle wie die Zahl der offenen Stellen.

Allgemeines Klima

Allerdings seien auch gute Kinderbetreuungsangebote, mit denen sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen, nicht das Allheilmittel. Das zeige sich am Beispiel Westniedersachsens. Dort seien die Fortpflanzungsraten besonders hoch, obwohl die Zahl der Krippen- und Kindergartenplätze unter dem deutschen Durchschnitt liege; weitaus weniger Frauen als andernorts arbeiteten dort. Entscheidend für den ausgeprägten Familiensinn scheint dort die traditionell katholische Prägung der Bevölkerung zu sein.

Die Motive bei der Entscheidung für oder gegen Kinder sind allerdings noch weitgehend unerforscht. Fest steht dagegen: Die meisten Frauen in Deutschland wollen zwei Kinder, auch die Akademikerinnen, von denen am Ende aber vierzig Prozent kinderlos bleiben. Warum das so ist, läßt sich nach Angaben von Hans Fleisch höchstens zum Teil mit dem Mangel an Krippenplätzen erklären. "Der Faktor Kinderbetreuung ist nicht ganz so bedeutsam, wie die öffentliche Diskussion gelegentlich suggeriert." Mindestens ebenso wichtig wie die harten Faktoren - Arbeitsplatzangebot, familiengerechte Arbeitszeit, staatliche Hilfen und Kinderbetreuungsangebote - sei das allgemeine Klima im Land: Kinder müßten wieder als wertvoll gelten.

Quelle: feb. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2004, Nr. 95
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