09.10.2009 · In der DDR gab es keine öffentliche Meinung - dafür aber viele politische Witze. Und die wurden immer bösartiger. Allen war klar: Wir stehen immer auf der Verliererseite und halten das nur aus, wenn wir darüber lachen. Also: „Was ist ein Eichhörnchen?“
Von Frank Pergande„Was ist der Unterschied zwischen 40 Jahren BRD und 40 Jahren DDR? Die Antwort: 40 Jahre.“ In der DDR, überhaupt in den Ländern des sogenannten Ostblocks, blühte nichts so sehr wie der politische Witz. Seit dem Ende der DDR sind Hunderte solcher Ost-Witze aufgeschrieben worden. Als das Schweriner Studio des Norddeutschen Rundfunks vor einigen Monaten seine Hörer aufforderte, DDR-Witze einzuschicken, sah das die Studioleiterin Elke Haferburg skeptisch. Sie hat die DDR erlebt und gehört zu denen, deren berufliches Leben erst richtig begann, als es mit der DDR vorbei war. Für sie ist die DDR nichts zum Lachen. Aber dann wurde sie doch überzeugt, die meisten Hörer erzählten ihre Witze mit erkennbarer Freude daran, dass deren Grundlage, eben die DDR, entfallen ist. Der Titel der Witze-CD: „Weggelacht“.
DDR- oder überhaupt Ost-Witze sind heute ein authentisches Material, um mit wenigen Worten die Zustände von damals wieder heraufzubeschwören. Manchmal ging das ganz schlicht: „Was gab es vor dem Sozialismus? Antwort: Alles.“ Die Witze waren Ersatz für die öffentliche Meinung. Wo es das freie Wort nicht gab, musste der Witz herhalten, um Öffentlichkeit herzustellen. Das Bizarre an den Ost-Witzen war, dass man über sie schallend lachen konnte, obgleich sie abgrundtief pessimistisch waren. Der frühere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Berndt Seite, schreibt in seinen Lebenserinnerungen: „Ein scharfes Florett in solchen Zeiten ist der politische Witz, sind die spitzen Miszellen, die selten ihr Ziel verfehlen. Ein Volk erzählte sich politische Witze, obwohl es insgesamt nichts zu lachen gab.“
Immer auf der Verliererseite
Der ungarische Publizist György Dalos hat es in seinem Buch über das Ende des Ostblockwitzes unter dem Titel „Proletarier aller Länder, entschuldigt mich!“ so formuliert: „Die Philosophie, die dem Ostblockwitz zugrunde liegt, ist in der tiefsten Überzeugung verwurzelt, dass es im realen Sozialismus weder Gleichheit noch Freiheit gibt.“ Wer im Osten politische Witze erzählte, glaubte nicht mehr an gesellschaftliche Veränderung.
Allen war klar: Wir stehen immer auf der Verliererseite und halten das nur aus, wenn wir darüber lachen. Es machte Trabant-Fahrern nichts aus, folgenden Witz zu hören: „Wer sind die größten Denker? Die Trabant-Fahrer. Sie denken, sie fahren ein Auto.“ Sogar Parteifunktionäre konnten über sich lachen: „Was ist ein Eichhörnchen? Ein von der Parteileitung zusammengestauchter Fuchs.“
„Genosse Erich, mit Sicherheit!“
Weil nur der Witz blieb, um Kritik zu üben, wurde dieser immer bösartiger. Witze über die Staatssicherheit etwa beschworen Situationen herauf, in denen es nun wirklich nichts zu lachen gab - und doch wurde gelacht. „Honecker sagt zu Mielke: ,Meinst du, wir kriegen den Saal bei meiner Rede voll?' Mielke antwortet: ,Mit Sicherheit, Genosse Erich, mit Sicherheit!'“ Oder: „,Woran hast du gemerkt, dass du überwacht wirst?' - ,In meiner Wohnung stand auf einmal ein Schrank mehr, und im Blumengarten war plötzlich ein Trafohaus.'“ Bösartig war der Ost-Witz nicht zuletzt deshalb, weil die Menschen, wie Dalos es schrieb, „mehr Angst vor der Antikriegspropaganda haben als vor dem Krieg selbst“.
Über grundsätzliche Fragen wie Krieg und Frieden oder die Bewahrung der Schöpfung, die im Westen ganze Generationen auf die Straße trieben, ging der Ost-Witz kurzerhand hinweg. „Zwei Agitatoren fragen Herrn Meier, wie er zur Neutronenbombe stehe. Er antwortet: ,Höchstens zwei können wir nehmen.'“ Die DDR-Bürger hatten derart mit sich und der Bewältigung des Alltags zu tun, dass sie die Katastrophe von Tschernobyl als nicht so schlimm empfanden. Sie hatten nichts anderes von der Sowjetunion erwartet. Der zynische Witz dazu: „Eine Katastrophe wurde es erst, als die Schweden darüber berichteten.“ Der Ost-Witz war nicht nur dort drastisch, wo es unmittelbar um Politisches ging. Er liebte auch die sexuelle Freizügigkeit. Hier eine harmlose Variante: „Ein Trabant überfährt ein Huhn. Das springt auf und ruft: ,Wo ist der Hahn jetzt hin?'“
Persönliche Angriffe auf Funktionäre
Eine Form des politischen Witzes aus dem Osten hat praktisch die ganze Welt überschwemmt: die Sender-Eriwan-Witze. Eriwan ist die Hauptstadt Armeniens. Tatsächlich gab es dort einen Sender mit Radioprogrammen für das Ausland. Eriwan-Witze wurden in der Sowjetunion sogar offiziell verbreitet, etwa über die ebenfalls nur für das Ausland gedachte Zeitschrift „Sputnik“. Eigentlich war der „Sputnik“ Propaganda, aber das Blatt kam zu Ruhm, als es in der DDR 1988 wegen seiner Berichte über Glasnost und Perestrojka verboten wurde. Plötzlich wollten alle den „Sputnik“ lesen. Die Eriwan-Witze haben stets denselben Aufbau: „Anfrage an Sender Eriwan: Kann Paris sozialistisch werden? Antwort: Im Prinzip ja, aber es wäre doch schade drum.“ Oder: „Frage an Sender Eriwan: Stimmt es, dass ein sozialistischer Betriebsleiter einen sozialistischen Betrieb leiten kann? Antwort: Im Prinzip ja, aber haben Sie schon mal einen Zitronenfalter gesehen, der Zitronen falten kann?“
Im Eriwan-Witz wurde sogar mit der Gefährlichkeit des Witzeerzählens kokettiert, schließlich kam mancher nur für einen Witz jahrelang ins Gefängnis: „Frage: Können Sie uns sagen, wo der Erfinder der Radio-Eriwan-Witze sitzt? Antwort: Wir wissen nicht, wo er sitzt, aber er sitzt bestimmt.“ Folgender Eriwan-Witz zeigt ein weiteres Grundmuster des Ost-Witzes: den persönlichen Angriff auf die Funktionäre. „Anfrage an Sender Eriwan: Hätte anstelle von Kennedy auch Chruschtschow erschossen werden können? Antwort: Im Prinzip ja, aber ob Onassis dann die Witwe genommen hätte . . .“
Witze hatten Meinungsführerschaft
Der politische Witz im Osten betrifft nicht nur Politiker und Politik. Auch die Versorgungslage brachte ein Feuerwerk an Witzen hervor, die letztlich natürlich ebenfalls politisch waren: „Ein altes Mütterchen steht vor der Kaufhalle, ein leeres Einkaufsnetz in der Hand. Sie grübelt: War ich nun schon drin oder nicht.“ Dass es viele Witze darüber gab, wie die Sowjetunion ihren westlichen Vorposten regelrecht ausnahm, dürfte den SED-Staat nicht getröstet haben, selbst wenn darin so etwas wie DDR-Identität erkennbar war. „Anfrage an Sender Eriwan: Kann Amerika sozialistisch werden? Im Prinzip schon, aber die DDR kann nicht noch eine zweite Großmacht ernähren.“
Die Staatsmacht wurde am liebsten dort getroffen, wo sie am sichtbarsten war, bei der Polizei, genauer den Volkspolizisten. „Ein Volkspolizist sagt bei einer Verkehrskontrolle zu einem Autofahrer: ,Bitte weisen Sie sich aus.' Darauf der Autofahrer: ,Wieso, kann man das jetzt schon selbst?'“ Witze hatten im Osten eine derartige Meinungsführerschaft, dass ihr Schwung noch ein wenig in die Zeit nach dem Ende der DDR reichte. Ein typischer Nach-Wende-Witz lautet: „Mein Mann war auch bei der Stasi. Gestern fand ich einen Zettel auf dem Küchentisch: ,Bin im Keller.'“
Frank Pergande Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.
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