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DDR Generation Ost-Golf

11.12.2008 ·  Vor 30 Jahren kamen die ersten West-Autos in die DDR. 10.000 Golfs rollten von Wolfsburg nach drüben. Das SED-Politbüro freute sich über „äußerst günstige kommerzielle Bedingungen“. Seither hält sich das Gerücht, die DDR habe mit Thüringer Bratwürsten bezahlt.

Von Ingolf Kern, Berlin
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Die Ferien in der DDR begannen mit Strichlisten. Kaum war man auf gar nicht so großer Fahrt ins Harzrügenelbsandsteingebirgeland und der graue Trabant hatte die schlaglochübersäte Autobahn erreicht, gab es auf dem Rücksitz kein größeres Vergnügen, als die lässig vorbeipfeifenden West-Wagen zu zählen. Wer den Jungssport besonders ernst nahm, der notierte gleich noch Farbe, Typ und Kennzeichen.

Die Herkunftsstadt ließ sich aus einem Uraltkalender der Commerzbank ermitteln: Kennst du Lehrte? Wo ist denn Gevelsberg? Mit einem Seufzer wurden die Schlitten schließlich zusammengezählt und mit der Vorjahresstatistik verglichen. 1978 geriet die Strichliste durcheinander, denn plötzlich tauchten Golfs mit Ost-Nummernschildern auf. Auf einmal kannte jeder einen, der sich nicht mehr aus Zwickau, sondern aus Wolfsburg beliefern ließ. Jetzt hieß es: Darf ich mal mitfahren?

SED-Politbüro: „Äußerst günstige kommerzielle Bedingungen“

Im Dezember 1977 titelte die Mitarbeiterzeitschrift des Volkswagenwerks in Wolfsburg, die ernsthaft den Namen „Autogramm“ im Kopf führte: „10.000 Golf für die DDR“. Der Konzern war mit dem „VE Außenhandel Transportmaschinen Export und Import“ in Ost-Berlin handelseinig geworden, und am 13. Januar 1978 rollte der erste Zug mit 200 Autos über die innerdeutsche Grenze. Sogar die „Tagesschau“ berichtete vom Bahnsteig!

Das SED-Politbüro freute sich in geheimen Papieren, dass der VW-Konzern „äußerst günstige kommerzielle Bedingungen“ eingeräumt hatte. Umgekehrt hatte die Wolfsburger Unternehmensspitze Dollarzeichen in den Augen. Manfred Grieger, der bei VW die Historische Kommunikation verantwortet, berichtet: „Man sah die Möglichkeit des Marktzutritts zu einem bis dahin unerreichbaren Absatzgebiet. Und das Auftragsvolumen entsprach immerhin drei Produktionstagen des Wolfsburger Werks.“

Thüringer Bratwürste als Bezahlung

Die Autokrise legte eine Pause ein, der Golf wurde fortan zum deutsch-deutschen Gefährt. Bis zum Juli 1979 rollten immer weitere Züge in die DDR. Volkswagen bekam dafür vom chronisch devisenschwachen Honecker-Staat aber keineswegs harte D-Mark, sondern Pressen, Werkzeugmaschinen und sogar ein Planetarium zum vierzigsten Stadtjubiläum von Wolfsburg. Bis heute hält sich das Gerücht, die DDR habe damals auch in Naturalien bezahlt und die VW-Kantine mit Thüringer Bratwürsten versorgt.

Für die DDR hatte das Geschäft mit den West-Autos auch eine politische Note. Während die SED-Oberen nach der Biermann-Krise versuchten, Intellektuelle mit Volvo, Citroën oder Peugeot gefügig zu machen, sollte der Golf den kleinen Mann mit ordentlichem Sparguthaben im Lande halten. Später wurde auch noch der japanische Mazda als Lockmittel eingesetzt. Aber die Golf-Importzahlen blieben unübertroffen.

International klingende Farbpalette für die Eingeschlossenen

Für André Steiner, Professor am Zentrum für Zeithistorische Forschung der Universität Potsdam, ging es der DDR mit dem Golf-Geschäft zuvörderst darum, Kaufkraft abzuschöpfen: „Zugleich wollte die Honecker-Führung wohl auch das Angebot durch Import modernisieren. Schließlich strebte sie eine Art Konsumsozialismus an, der auch im Angebot eine gewisse Attraktivität zeigen sollte und damit dem westlichen Konkurrenten Bundesrepublik auch etwas entgegensetzen konnte.“ Die Entspannung begünstigte solche Geschäfte. Zur gleichen Zeit eröffneten Exquisit- und Delikat-Geschäfte, in denen man sich zu gepfefferten Preisen ordentlich ernähren und anziehen konnte.

Ob ironische Absicht oder nicht: VW wählte für die DDR-Autos eine international klingende Farbpalette und präsentierte den Eingeschlossenen ausgerechnet Wagen in Manilagrün, Miamiblau, Panamabraun, Dakotabeige und Malagarot. Zu wählen war zwischen Benziner und Diesel, 50 oder 75 PS. Was der Ost-Golf kosten sollte, damit wollte man in Wolfsburg nichts zu tun haben. Das war allein Sache der DDR, und die kassierte ordentlich ab: Zwischen 27.000 und 31.500 Ost-Mark verlangte man für die seltene Ware - Schwarzmarktpreise noch darüber. So notiert es die Stasi-Hauptabteilung XVIII, die die Volkswirtschaft im Blick hatte. Aus den Akten geht hervor, dass DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski der Meinung war, „die Bezüge von Volkswagen über die 10.000 Stck. hinaus weiterzuführen. Es müsse ernsthaft geprüft werden, ob die DDR nicht beim Volkswagen-Konzern eine Lizenz für den Bau von Pkw nehmen solle.“

Keiner will mehr Trabant fahren

Schon damals machte man sich Gedanken, wie es mit der Automobilindustrie in der DDR überhaupt weitergehen sollte. Im Herbst 1977 wird über einen neuen Trabant nachgedacht und ein Wartburg erfunden, der mit dem Motor eines rumänischen Dacia den Westen erobern soll. In Eisenach und Zwickau entwickelt man Prototypen modernerer Fahrzeuge, allein: Die Investitionen wollen nicht fließen. Schnell wird klar: Ohne den Westen geht es nicht mehr. Und wenn der Golf erst mal im Lande ist, mag niemand mehr Trabant fahren.

Im Februar 1978 wird aus den Golf-Liebhabern eine kleine Bewegung. Jeder will ihn, die wenigsten bekommen ihn. Der lange Marsch auf die Autohäuser beginnt. Das Westfernsehen berichtet, die DDR gerät in Erklärungsnot. Wer kann denn nun einen Golf kaufen? Nur die „progressiven Bürger“? Die Stasi registriert, dass „Meinungsäußerungen“ zum VW-Geschäft „einen starken Umfang in allen Schichten der Bevölkerung der DDR angenommen haben“.

Stasi sendet ihre Spitzel aus

Immer wieder geht es um den abenteuerlichen Kaufpreis, aber auch darum, wie man in einem Land, in dem man generationübergreifend auf ein Auto warten muss, an einen richtigen Wagen kommt. „Leitungskader und Parteisekretäre“ würden „bestürmt“, müssten sich jedoch „geschickt aus der Affaire ziehen“. In den Autohäusern werden den Verkäufern die Anmeldungen für die sowjetischen Fabrikate „Saporoshez“ und „Moskvich“ um die Ohren gehauen.

Die Stasi sendet ihre Spitzel aus. Einer berichtet aus Ost-Berlin: „Am IFA-Vertrieb Berlin, Rummelsburger Straße, fanden sich gegen 05.30 Uhr die ersten Interessenten ein. Gegen 06.00 Uhr standen ca. 50 Personen, zum überwiegenden Teil aus anderen Bezirken der DDR, an, um einen Kaufvertrag abzuschließen. Gegen 07.00 stieg die Zahl der Interessenten laufend an, so dass der Betrieb bis zu 20 Mitarbeiter zur Abfertigung einsetzte (Schlangenbildung bis zu 500 Personen; vorsprechende Interessenten nutzten in der Rummelsburger Straße ca. 2 Kilometer als Parkfläche für ihre Wagen; Einsatz von VP-Regulierungsposten war erforderlich).

Privilegierte in der halben Hauptstadt

Da sich die Interessenten trotz der Hinweise, dass eine Vormerkung durch die jeweiligen Betriebe, Institutionen u. a. Einrichtungen erfolgt, nicht abweisen ließen, erfolgte eine unverbindliche listenmäßige Eintragung der Interessenten (ca. 1500 am 13. 02. 1978).“ Auch in Dessau, Weißenfels, Rostock, Suhl und Eisleben geben sich die Golf-Enthusiasten zu erkennen und drängen sich zu Hunderten vor den Autohäusern. In Halle kommen sogar „Agitatoren“ der SED zum Einsatz, die erklären sollen, warum zwei Drittel der Golfs nur in Ost-Berlin verkauft werden. Man schimpft kräftig auf die Privilegierten in der halben Hauptstadt. Lange vor der Wiedervereinigung wird das Synonym von den „Menschen zweiter Klasse“ erfunden.

Norman Kramer gehört zur Generation Ost-Golf. „Ich bin mit dem Golf aufgewachsen“, sagt der 31 Jahre alte Berliner, der dem Stadtteil Lichtenberg entstammt. Er war fünf Monate alt, als sein Vater mit dem neuen Auto nach Hause rollte. Im Betrieb hatte er einen ergattert. Ein Traum in Manilagrün! Damit fiel man auf in der grauen DDR und machte sich auch ein wenig verdächtig: „Wer einen Golf, einen Volvo oder einen Citroën fuhr, kam schnell ins Gerede und wurde verdächtigt, entweder ein treuer SED-Genosse oder bei der Stasi zu sein.“ Bis 1991 rollte der kleine Wolfsburger. Wenn er Scherereien machte, gab es ja noch Großmütter oder Tanten, die man mit perfekten Einkaufszetteln und präzisen Zeichnungen nach West-Berlin schicken konnte, um Ersatzteile zu besorgen. Manche ließen sich sogar Dreiklanghupen mitbringen.

Norman Kramer chattet noch heute im Internet mit Liebhabern des Ost-Golfs der allerersten Stunde und betet jeden Tag dafür, dass auch seiner (Baujahr August 1978, aus erster Hand, panamabraun, hohlraumkonserviert!) noch möglichst lange durchhält. Letztlich geht es nicht um ein Auto, es geht um ein Bekenntnis, zumindest privat. Beruflich hat er mit Mercedes-Benz zu tun. Als Verkäufer in Bad Kreuznach. Aber ohne den Golf wäre er nun mal nicht hier.

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