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David Blaine Verschrumpelte Heilsfigur

 ·  Nach einer Woche in einem überdimensionalen Goldfischglas hat der Stuntman David Blaine sein Aquarium in New York verlassen. Sein abschließender Versuch, länger als je ein Mensch zuvor unter Wasser die Luft anzuhalten, mißlang jedoch.

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Als sie ihn aus dem Wasser ziehen, ist er nicht mehr von dieser Welt. Sie massieren seine Wangen. Sie reden auf ihn ein. Er spuckt Wasser! Er ist erwacht! Dann hebt er schwach die Hand, und die „David-David“-Rufe der Massen vor der Metropolitan Opera münden in einen einzigen spitzen Schrei. Seine drei Helfer richten ihn auf und werfen ihm ein weißes Handtuch über den Kopf, so daß er kurz an einen Mann des Glaubens aus dem Nahen Osten gemahnt. Er spricht zum Volk, dankt für den Zuspruch „in einer schwierigen Woche“. Dann wird er herabgelassen von seiner kleinen Weltkugel. Erst auf dem Boden spricht er leise davon, versagt zu haben. Aber da haben die Helfer die Mikrofone schon abgeschaltet.

David Blaine, dem Zauberer, Illusionisten, Aktionskünstler, ist es nicht genug, einfach nur überlebt zu haben. Nach sieben Tagen mit Luftzufuhr sowie sieben Minuten und acht Sekunden ohne jede Atemhilfe unter Wasser ließ er am späten Montag abend in seiner Acrylkugel Luftblasen aufsteigen. So ahnten die Helfer, daß er die Kontrolle über sich verloren hatte. Und so hatte Blaine doch noch in eine Opferrolle gefunden: für seine Fans, die zu Tausenden den Verkehr an der Upper Westside von Manhattan lahmlegten, wie für sich selbst - denn den Weltrekord im Apnoetauchen brach er nicht. Den Rekord hält also weiter der Hamburger Tom Sietas, der vor anderthalb Jahren erst nach acht Minuten und 58 Sekunden an die Wasseroberfläche kam.

Gewichte gestemmt und Gewicht verloren

Dabei hatte sich David Blaine, Sohn eines sizilianisch-puertoricanischen Vaters und einer russisch-jüdischen Mutter, geboren 1973 in Brooklyn, so gut vorbereitet. Monatelang hatte er mit den besten Tauchlehrern der Welt trainiert. Unter Kirk Krack von „Performance Freediving International“ erreichte Blaine im Training Tauchzeiten von acht Minuten. Er hatte Gewichte gestemmt und Gewicht verloren. Er hatte seine Lungenkapazität durch gezielte Übungen verbessert, hatte gelernt, seine Herzfrequenz zu verringern und die Konzentration hinaufzuschrauben. Und er hatte schon eine Woche vor seinem Tauchgang nichts mehr gegessen, so daß er durch den Kondom-Katheter nur die Reste der mehrmals täglich reichlich aufgenommenen Flüssignahrung ins ständig zirkulierende Wasser abgab.

David Blaine: Rekordversuch im Wasserglas gescheitert

Der Geist muß den Körper besiegen, da sind sich die Taucher mit den Teufelskerlen einig. Niemand wüßte das besser als David Blaine, der den Wagemut des „daredevil“ mit dem Charme des Illusionskünstlers verbindet, der spektakuläre Stunts so gut beherrscht wie die zuschauernahe Close-up-Zauberei, der also den Kämpfer und den Spieler gibt, den, der die Rocky Mountains überquert und das Land erobert, und den, der am anderen Ende Hollywood gründet und dem platten Land die unbegrenzten Möglichkeiten vorspielt. Ernst und Spiel, Wahrheit und Illusion, Mythos und Murks: seine Aktionen sind so sinnlos wie phantastisch, so introspektiv wie öffentlichkeitswirksam, so selbstquälerisch wie spektakulär. Nach der Erde und der Luft fand er nun sein drittes Element: Aus dem Wasser stammt alles Leben, und übers große Wasser muß alles menschliche Leben kommen, bevor es zum Amerikaner werden kann.

„God bless you!“

Einen Tanklastwagen voller Quellwasser also hatten sie aus Upstate New York herbeigebracht. Man gab etwas Salz hinzu und brachte es fast auf Körpertemperatur. In seinem Zweieinhalb-Meter-Globus saß David Blaine in den ersten Tagen wie ein glücklicher kleiner Junge, dem Osmose und Dehydrierung noch Fremdwörter sind. Sogar Tenor und Bariton vom „Parsifal“ aus dem Haus gegenüber spendeten Applaus. Blaines nackten Oberkörper allerdings überdehnte die Acrylglas-Lichtbrechung ins Elefantöse. Die leichte Tauchermaske auf dem Gesicht oder, im Wechsel, den schweren Taucherhelm auf dem Kopf, lächelte und winkte er den Hunderttausenden Pilgern frohgemut zu. Das Model Petra Nemcova war da, der Schauspieler Colin Farrell, der Musiker Lenny Kravitz. Und Dustin Hoffman sagte: „God bless you! Gib nicht auf!“

Blaine ließ Blasen blubbern. In seiner kleinen Welt suchten die Menschen ihr Schicksal zu lesen wie in der Glaskugel einer Wahrsagerin. Oder erkannten sie in dem ungeschlachten Riesenbaby, das durch eine Nabelschnur aus Plastik Sauerstoff und Flüssignahrung bekam, den Menschen in seinem Urzustand, das Ungeborene in der Fruchtwasserblase? In den letzten Tagen seines Lebens unter Wasser grüßte Blaine nur noch in Zeitlupe. Schwächer war er geworden. Die Familien aus Brooklyn und der Bronx defilierten am Globus entlang, als sei ein toter Papst oder wenigstens ein toter Kommunistenführer zu bestaunen. Sie berührten und küßten das Glas, bis es milchig wurde. Immer wieder reinigte man es mit Lappen, damit die Kameras einen klaren Blick hatten. Fast jeden Tag kamen auch Schüler der jüdischen Blindenschule zu Besuch. Mindestens das erkannten sie: wie ein Mensch aus den Beschwernissen des Physischen ins Metaphysische flüchten kann.

Die Lust am Leiden

Denn sein Wille ist sein Himmelreich. Aber warum nur? Vor Jahren hat Blaine von seiner Mutter berichtet, die an Krebs starb, als er Jugendlicher war. Zu leiden, aber zu überleben - so könnte er seitdem das Trauma zu überwinden versuchen. Wer ihn nicht kennt, nennt seinen Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, wer ihn kennt, sein Bedürfnis, Menschen zu unterhalten. Das Geld allein kann es nicht sein. Die „New York Times“ merkt zwar an, Blaine habe sich im April ein Apartment im Trendbezirk Tribeca für 1,67 Millionen Dollar gekauft. Der Fernsehsender ABC verlangte für eine Werbeminute während der zweistündigen Show am Montag abend 240.000 Dollar; viel von seinem Anteil daran wird für Tauchkurse, Presseabteilung, Medizin und Technik abzurechnen sein. Aber kommt es einem Menschen auf so etwas an, der Jesus Christus, Orson Welles und Uri Geller seine großen Vorbilder nennt?

Es ging ihm wohl ums Leiden und die Lust daran. Der Mangel an Nahrung und an Bewegung nach hartem Training schwächten ihn. Das Wasser hielt ihn eine Woche lang in einem astronautengleichen Schwebezustand, der den Gleichgewichtssinn störte. Gleichzeitig drückte es auf ihn, wenn er sich zur Ruhe auf den Boden legte. Die Muskelmasse schwand langsam. Der Körper verlor 20 Prozent an Flüssigkeit. Das Blut wurde dicker, die Gefahr von Thrombosen wuchs. Angeblich versagte am letzten Tag die Leber. Zwar trug er eine Taucherhose und Schuhe. Aber das Wasser setzte der Haut zu. Mehrmals am Tag hielt er die Hände oben aus der Luke. Seine Helfer trockneten sie ab und cremten sie ein, denn die Handflächen pellten sich. Die Haut wurde „pruny“, faltig wie eine Dörrpflaume. Streckte er seine Hand hinaus, sah man die weißgeschrumpelte Extremität eines Gespenstes. Seine Haut, so ließ Blaine aus der Kugel verlauten, fühle sich an „wie dauernd von Nadeln durchbohrt“.

Verschrumpelte Heilsfigur

Von Pfeilen durchbohrt - so wird der heilige Sebastian dargestellt. Im Kreise von Märtyrern, die für höhere Zwecke ihr Leben opfern, scheint sich Blaine wohl zu fühlen. Sollte die Gruppe „Jews for Jesus“ die religiöse Macht des Magiers erkannt haben, als sie vor seinem Globus Zettel mit dem Hinweis verteilte, Jesus habe viel mehr Taten als Blaine vollbracht, die dem Tod hohnsprechen? Das klang nach Erklärungsnot. Außerdem hatten sie mindestens ein Wunder übersehen. Von der „New York Post“ befragt, wer das Kentucky Derby gewinnen werde, hatte Blaine per Handzeichen auf das Pferd mit der Nummer acht gesetzt. Ein Redakteur setzte fünf Dollar auf Barbaro und gewann. Wundersame Geldvermehrung! Auf Blaines Wunsch gingen die 33,50 Dollar an die „Brooklyn Public Library“, wo der kleine David erstmals von seinem vierten großen Vorbild gelesen hatte, dem Magier Harry Houdini, der es unter Wasser bei bescheidenen drei Minuten beließ.

Auch heilige Zahlen rechnen sich für die verschrumpelte Heilsfigur: In sieben Tagen schuf Gott die Welt, und in sieben Tagen versuchte Blaine sich neu zu erschaffen. Vor vier Jahren stand er 35 Stunden lang auf einer hohen Säule - nicht ganz so lange wie der Stylit Simeon, der als „aerios martyr“ gar nicht mehr von seiner Säule herunterkam. Im September 2003 hungerte Blaine 44 Tage lang als Märtyrer der Lüfte in einer Glaskiste - länger als Jesus, der es in der Wüste von Jericho auf 40 Tage brachte. Blaine ist 33 Jahre alt - so alt wie Jesus, als er den Opfertod starb.

Zum Märtyrer fehlt Bleine nur noch der Tod

Zum Märtyrer fehlte Blaine nur noch der Tod. Es wollte nicht klappen, obwohl er sich mit kaputten Händen aus schweren Ketten befreien mußte, obwohl die Adern an seiner Stirn immer stärker hervortraten, obwohl er in den letzten Minuten zuerst kraftlos und schließlich spastisch zitternd in der Kugel lag. Das Team aus Tauchern, Ärzten, Pflegern, Polizisten, Feuerwehrleuten, Sicherheitsfachkräften, Ambulanzfahrern und Pressearbeitern war am Ende noch ein bißchen größer als die Macht des Opfertods.

Aber immerhin: „Er schiebt die Grenzen dessen, was ein Mensch ertragen kann, immer weiter hinaus.“ Das sagt sein Hausarzt, Ronald Ruden, nachdem Blaine mit der Ambulanz und begleitet vom Jubel ins Krankenhaus gebracht worden ist. Ruden zittert noch immer am ganzen Körper vor Erregung und Erschöpfung über die Eskapaden seines schwierigsten Patienten. Seit zehn Jahren behandelt er ihn nun schon, weitgehend erfolglos: „Ich kann immer nur hoffen. Er hat einfach keine Angst.“ Aber warum macht er das alles? „Schauen Sie sich das Kreuzigungs-Tattoo auf seinem Rücken an: Er will auf die andere Seite hinübergehen, aber wieder zurückkommen. Es geht immer um Tod und Wiederauferstehung.“ Und was macht er jetzt, wenn er sich ein paar Tage erholt hat? Vielleicht sollte er es nach Luft, Erde und Wasser nun mit Feuer versuchen? „Um Gottes willen!“ Der Anzug hält Doktor Ruden nur noch notdürftig zusammen. „Niemand sollte ihn auf diese Idee bringen! Schweigen wir einfach alle!“

Die wundersamen Spektakel des David Blaine

5. April 1999: David Blaine legt sich sechs Tage lang in einem Plexiglassarg in eine offene Grube vor einem Bürogebäude des New Yorker Investors Donald Trump. Eine Sondersendung bei ABC verfolgen 13 Millionen Zuschauer.

27. November 2000: David Blaine läßt sich am Times Square in New York in den Hohlraum eines Eisblocks einschweißen. Er schläft nicht, weil er Angst hat, seine Haut könnte am Eis festfrieren. Über einen Schlauch werden ihm Luft und Wasser zugeführt. Zuvor nimmt er blutverdünnende Mittel ein. Die 61 Stunden, 40 Minuten und fünfzehn Sekunden zahlen sich aus: Angeblich erhält er eine Million Dollar vom Fernsehsender ABC. Nach drei Tagen wird er abends zur besten Sendezeit mit Motorsägen befreit. Er zittert und scheint orientierungslos. Noch einen Monat danach kann er kaum laufen.

20. Mai 2002: David Blaine steht knapp 35 Stunden lang auf dem 55 Zentimeter breiten Kapitell einer 30 Meter hohen Säule im Bryant Park in New York. Dann springt er hinunter und landet auf dem Rücken in einem Berg von Pappkartons. Wieder ist der Fernsehsender ABC dabei. Unverletzt kriecht der Stylit aus den zerdrückten Kartons hervor.

5. September 2003: David Blaine beginnt einen Fastenmarathon in einer Plexiglaskiste, die in der Nähe der Londoner Tower Bridge an einem Kran baumelt. Nicht alle Engländer sind amüsiert: Eier, Würstchen und Bierdosen klatschen an die Wand. Nach 44 Tagen beendet er am 19. Oktober seinen Aufenthalt. Er hat etwa 30 Kilogramm an Gewicht verloren. Im Krankenhaus wird er mit Flüssignahrung aufgepäppelt. Vom 20. März 2004 an wird sein Rekord um fünf Tage überboten: Der Chinese Chen Jianmin verbringt 49 Tage in einer in der Luft baumelnden Glaskiste im Südwesten Chinas. Er nimmt nur Wasser zu sich und verliert 15 Kilogramm an Gewicht. Chen meint, die alte chinesische Kunst „Pigushengong“ - „Magie des Fastens“ - habe ihm geholfen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Mai 2006
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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