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Das Turmkreuz Versöhnungskrone

16.06.2004 ·  Sein Vater war britischer Bomberpilot, der im Zweiten Weltkrieg deutsche Städte zerstörte. Der Schmied Alan Smith hat nun das goldene Kreuz, ein Symbol der Hoffnung und des Friedens, für die Frauenkirche fertiggestellt.

Von Reiner Burger
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Der Vater von Alan Smith gehörte nie zu jenen ehemaligen Soldaten, die gern vom Krieg erzählen. Hin und wieder erwähnte er die Kameradschaft in der Royal Air Force. Aber vom Krieg berichtete er nur einmal. Alan Smith war zwölf Jahre alt, als er in wenigen Worten von der Zerstörung Dresdens hörte. Sein Vater erzählte vom unglaublichen Feuerball, den er auf dem Rückflug noch meilenweit sehen konnte. "Vom einen auf den anderen Moment war er sich des Horrors, des Leids bewußt. Er wollte, daß Dresden nicht in Vergessenheit gerät." Der kurze Bericht seines Vaters grub sich tief ins Gedächtnis von Alan Smith. Als Smith Jahrzehnte später bei seinem Arbeitgeber, der Londoner Gold- und Silberschmiede Grant MacDonald, davon hörte, daß der "Dresden Trust" als Zeichen der Versöhnung das Kreuz für die wiedererstehende Frauenkirche nachbilden lassen wollte, fühlte er sich dazu bestimmt, das Werk auszuführen.

Acht Monate lang arbeitete der Sohn des Bomberpiloten zehn Stunden am Tag anhand von Originalentwürfen seines Namensvetters Johann Georg Schmidt und Fotos an dem monumentalen vergoldeten Kreuz. Die Kugel, auf der das Kreuz steht, trieb er aus zwei Kupferblechen mit einem Durchmesser von 1,50 Metern. Um die beiden Hälften miteinander zu vernieten und von innen mit einer stabilen Struktur zu verstärken, mußte Smith in das Innere der Kugel kriechen. Smith hat schon für viele Könige und Königinnen gearbeitet. Sein bis dato größter Auftrag war eine zwölf Fuß hohe Palme aus Silber. Das Dresdner Kuppelkreuz aber ist sein wichtigstes Werk. Auch wegen seiner Familiengeschichte - Smith ist sich sicher, daß dieses Zeichen der Versöhnung auch im Sinne seines Vaters gewesen wäre.

Spenden aus Großbritannien

Am 13. Februar 1995, dem 50. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, sagte der Herzog von Kent als Vertreter der britischen Krone Dresden ein neues Turmkreuz zu. Rund 550.000 Euro sammelte der "Dresden Trust" von vielen Spendern - auch der Königin - für das Werk nach historischem Vorbild. Als der Herzog von Kent am 13. Februar 2000 das britische Geschenk in Anwesenheit von 18.000 Zuschauern vor der Frauenkirche übergab, nannte er es ein "Symbol des Leidens und der Versöhnung".

Gesten der Versöhnung freilich hatte es schon früher gegeben. Ende der vierziger Jahre nahm die Städtepartnerschaft zwischen Dresden und Coventry ihren Anfang. Der deutsche Nachtangriff auf Coventry Ende 1940 war das Modell für die Zerstörung Dresdens gewesen. In nur drei Stunden hatten deutsche Bomber die englische Industriestadt zerstört. Möglich wurde das durch die Kombination aus Brand- und Sprengbomben, die zu Feuerstürmen führte. Das von den Deutschen zynisch "coventrieren" genannte Vorgehen kopierten die Alliierten und paßten es der technischen Entwicklung an.

Eine Gemeinschaft des Erlittenen

Dresden und Coventry verbindet eine Gemeinschaft des Erlittenen. Ähnlich wie kaum vier Jahre später in Dresden wurde in Coventry der historische Kern mitsamt einer bedeutenden Kirche - der gotischen Kathedrale - zerstört. Hier wie dort blieben Stätten der Industrieproduktion in den Außenbezirken weitgehend unversehrt. Nur sechs Wochen nach dem Angriff auf Coventry sagte Domprobst Howard in der Ruine seiner Kathedrale: "Sei es noch so schwer, wir Christen sagen nein zur Vergeltung und ja zur Vergebung. Wenn dieser Krieg zu Ende ist, wollen wir gemeinsam eine freundlichere, christlichere Welt aufbauen."

Nur kurze Zeit nach Kriegsende war Coventry in zweifacher Hinsicht mutig: überhaupt mit einer deutschen Stadt eine Partnerschaft zu erwägen und dann auch noch mit einem kommunistischen Stadtrat zu verhandeln. Erleichtert wurden die Kontakte durch den kirchlichen, also ideologisch weniger beschränkten Rahmen. Als besonders wichtiges Zeichen der Versöhnung gilt bis heute, daß Anfang der sechziger Jahre zwanzig junge Briten nach Dresden kamen, um beim Wiederaufbau des im Februar 1945 zerstörten Diakonissenkrankenhauses mitzuhelfen. Seit sich Dresden dank der Wende wieder zur Welt hin geöffnet hat, haben sich die Kontakte amtlich, menschlich, kirchlich und musikalisch weiterentwickelt. Und von Beginn an haben die Menschen in Coventry, die sich seinerzeit entschieden hatten, die Ruine ihrer Kathedrale als Mahnmal stehen zu lassen, am Wiederaufbau der Frauenkirche teilgenommen.

Das Kuppelkreuz als Hoffnungssymbol

1998 wurde das Kuppelkreuz zum ersten Mal für das britische Publikum in der Kathedrale zu Coventry gezeigt, bevor es dann in Schloß Windsor, Liverpool, Edinburgh und in der St. Paul's Cathedral ausgestellt war. Bei der Übergabe des Kreuzes im Februar 2000 äußerte der frühere Bomberpilot Frank Barber, daß das Kuppelkreuz "ein Hoffnungssymbol sein sollte und eine Mahnung, daß die deutsche und die britische Nation wesentlich mehr miteinander gemein haben, als die Geschichte des 20. Jahrhunderts anzudeuten vermag".

Und tatsächlich sind diese gemeinsamen Anknüpfungspunkte gerade in der sächsischen Geschichte augenfällig. Das Volk der Sachsen griff einst gemeinsam mit den Angeln auf die Britischen Inseln über; seine auf dem Festland verbleibenden Teile verbreiteten sich an der unteren Elbe. Als Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung Deutschlands zuerst in Sachsen begann, geschah dies ganz im Zeichen Großbritanniens: Der erste deutsche Fernzug auf der von einer britischen Firma ausgelegten Strecke Dresden-Leipzig wurde am 8. April 1839 von einer englischen Lokomotive gezogen. Nicht von ungefähr wurde Chemnitz zeitweilig als "Klein-Manchester" bezeichnet.

Krönung am kommenden Dienstag

Von besonderer Bedeutung für die industrielle Entwicklung Sachsens waren auch britische Wahlsachsen, die ihr technisches Wissen und ihre Erfindergabe in sächsische Betriebe einbrachten. "Global betrachtet ist die Geschichte der industriellen Revolution in Großbritannien und Sachsen ein Spiegelbild der deutsch-englischen Verhältnisse überhaupt. Aus einer entwicklungsgeschichtlichen Disparität entstand eine Emulation, die allmählich zur Rivalität und letztlich zur Feindseligkeit wurde, von welcher der Zustand der bombardierten Industrie- und Kulturstädte in beiden Ländern noch heute zeugt", schreibt Richard Humphrey, Direktor des "Great Britain Centre" an der Hochschule Zittau/Görlitz.

Im Mai war Alan Smith gemeinsam mit anderen Goldschmieden seines Arbeitgebers noch einmal in Dresden, um das Kuppelkreuz für den 22. Juni, den Tag der Bekrönung der Frauenkirche vorzubereiten. Zwei Schraubverbindungen, die Rost angesetzt hatten, mußten ausgetauscht, Kreuz und Kugel überarbeitet und noch zweimal vergoldet werden. Ende Mai hievte der große Baustellenkran das Kreuz auf die mit Kupfer beschlagene Holzhaube, die zur Zeit, von einem Gerüst und Planen verhüllt, auf dem Platz vor der Frauenkirche steht. Mit dem Aufsetzen der Turmhaube samt Kreuz am kommenden Dienstag wird die Frauenkirche ihre endgültige Höhe von 91,24 Metern erreicht haben. Neunundfünfzigeinhalb Jahre nach seiner Zerstörung hat das Wahrzeichen der Stadt dann seine äußere Gestalt zurückerhalten.

Zum feierlichen Gottesdienst werden neben dem Herzog von Kent viele weitere Ehrengäste erwartet. Unter ihnen wird auch Alan Smith mit seiner 80 Jahre alten Mutter sein. Der Vater von Alan Smith ist schon seit einigen Jahren tot. "Die Arbeit am Kreuz hat mich meinem Vater nähergebracht. Er starb so plötzlich, daß ich mich nicht mehr von ihm verabschieden konnte. Bei der Arbeit am Kreuz war ich in Gedanken bei ihm."

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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