10.04.2005 · „Power Napping“ macht müde Mitarbeiter munter, aber eine Siesta im Großraumbüro verlangt Mut. Studenten an der Universität Stuttgart haben Schlafkapseln und -kokons entworfen, in denen man sich vor neugierigen Blicken verbergen kann.
Von Peter-Philipp SchmittWer schläft, arbeitet nicht. Wer aber geschlafen hat, arbeitet besser. Das wußten nicht nur die alten Chinesen, die sich ihr Recht auf Xeu-Xi - auf einen Mittagsschlaf - in die Verfassung geschrieben haben (Artikel 49), sondern auch schon Napoleon, Goethe und Churchill.
Die konnten sich ein Nickerchen auch leisten, mag der arbeitende Mensch nun einwenden, der gewöhnlich wohl nur ungern seinen Chef um eine zusätzliche und täglich einzuhaltende Ruhepause bitten wird. Das aber kann er guten Gewissens tun.
„Power Napper“ leben gesünder
Die Stadtverwaltung von Vechta hat es vorgemacht und sich - natürlich auf Anweisung - zum regelmäßigen „power napping“ niedergelegt. An Freiwilligen mangelte es nicht: 174 von 180 Mitarbeitern nahmen teil - und mußten sich sogleich vom (allerdings Sächsischen) Beamtenbund vorwerfen lassen, sie bedienten das Klischee von den arbeitsscheuen Beamten. Doch weit gefehlt: Die Frauen und Männer aus Vechta sind gesünder, fehlen im Durchschnitt weniger und leisten seither mehr zum Wohle ihrer Stadt.
Kein Wunder, sagt der Schlafforscher Jürgen Zulley von der Universität Regensburg: „Nur wer die natürlichen Rhythmen von Aktivität und Ruhe nutzt, lebt gesünder, ist leistungsfähiger und erfolgreicher.“ Eine Nasa-Studie von Marc Rosenkind belegt zudem, daß „power napping“ die Reaktionsgeschwindigkeit um bis zu 16Prozent erhöht und gleichzeitig bis zu 34Prozent weniger Aufmerksamkeitsausfälle auftreten.
Die Siesta im Großraumbüro verlangt Mut
So legen sich mittlerweile zwar mehr als 20Prozent der Deutschen mittags aufs Ohr (warum wohl sonst hat der Chef in seinen vier Wänden stets eine bequeme Couch stehen?). Die wenigsten aber haben den Mut, Siesta (lateinisch „hora sexta“, die sechste Stunde nach Sonnenaufgang) auch in einem Großraumbüro zu halten. Dabei haben Unternehmen wie Sedus schon vor einigen Jahren die ersten Büromöbel für das Nickerchen am Arbeitsplatz vorgestellt: „open up“ (Design von Mathias Seiler) ist ein Sitz- und Liegestuhl. Die Lehne läßt sich bis zu 45Grad neigen, der Kopf wird von einer Nackenstütze gehalten. Im Angebot ist auch „ottoman“, eine Beinablage auf Rollen oder Gleitern, und ein „work assistant“, auf dem ein Notebook bedient werden kann. So immerhin läßt sich im Angesicht der Kollegen Arbeit vortäuschen - wenn auch in fast liegender Haltung und mit geschlossenen Augen.
Volker Albus, Designer und Professor für Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, hat vor drei Jahren ein Seminar mit dem Titel „Schlafen im Büro“ abgehalten. Und auch seine Studenten erkannten schnell, worauf es wohl noch immer vor allem ankommt: perfekte Tarnung. Martin Fussenegger entwarf eine Hängematte, die unter der Tischplatte angebracht werden kann, in zusammengerolltem Zustand aber für den unbedarften Sitznachbarn nicht erkennbar ist. Gespannt wird die Matte zwischen zwei Bügeln, die jeweils an zwei Tischbeinen befestigt werden.
Aufblasbare Rückzugsräume
Noch raffinierter ist die Liege von Andreas Böbel: Sein harmlos wirkender Aktenordner läßt sich ausklappen und zu einer dicken Isomatte ausbreiten. Vollkommen ungestört ist man auch in diesen Fällen nicht, die Möglichkeit, sich aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen, ist nicht gegeben - außer, man ist und bleibt in seinem Büro allein oder kann die Tür hinter sich abschließen.
Erstmals versuchten nun Studenten an der Universität Stuttgart, Institut Wohnen und Entwerfen, echte Rückzugsräume zu konzipieren. Entstanden sind Schlafkapseln und -kokons, in denen man sich vor neugierigen oder mißbilligenden Blicken verbergen kann, auch wenn jeder weiß, daß nicht nur die Arbeit für eine Weile ruhen wird. „Nappak“, eine Luftmatratzen-Koje im transportablen Caddie, besitzt im aufgeblasenen Zustand (eine kinderleichte Angelegenheit, die in wenigen Minuten und natürlich elektrisch erledigt werden kann) gleich mehrere Trennwände. Nur nach einer Seite und zum Fußende hin ist der Quader geöffnet. Falls das Produkt jemals auf den Markt käme, würde es nach Schätzungen der beiden Projekt-Initiatoren, Stefanie Eberding und Siegfried Irion, rund 200Euro kosten.
Wie ein italienischer Sportwagen
„Nap Yourself“ erinnert ein wenig an eine überdimensionierte Computermaus: In ihr wird allein oder zu zweit geschlafen, die Luxusvariante ist vollklimatisiert und besitzt - wie ein italienischer Sportwagen - Flügeltüren, die aufschwingen und sogar abgeschlossen werden können. Geschätzter Preis: bis zu 20.000 Euro. Allerdings, und darauf legen die Erfinder wert, sei ihr elegant geschwungenes Objekt nicht nur fürs Büro, sondern auch für Flughafen-Lounges oder Messen geeignet und kann, da vollkommen wetterfest, sogar in den heimischen Garten gestellt werden.
Eine Anwaltskanzlei aus Los Angeles hat bereits Interesse an „Napmosphere“ bekundet: Das „Kugelbad“ mit ergotherapeutischen Bällen, die Licht speichern und wieder abgeben können, ist blickdicht, von innen aber kann der Ermüdete durchaus hinaussehen. Zudem dringe genügend Frischluft durch die atmungsaktive Hülle, versichern die Designer: So sei es ein Vergnügen, sich in den formstabilen Kugeln auszuruhen, selbst für Menschen mit Klaustrophobie.
Ungeschützt den Kollegen ausgesetzt ist der Schläfer nur beim Entwurf „Schlaflandschaft“: Die armdicken roten, weichen Grashalme dienen als Unterlage und umschließen sanft. In jedem Fall sind die 1,30 Meter mal 1,30 Meter großen Module bequemer als eine Isomatte. Und dekorativer. Vielleicht ein weiterer Grund für den Chef, seinen Mitarbeitern doch ein wenig mittägliche Erholung zu gönnen.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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