02.12.2003 · Betongefüllte Megastützen bilden das Rückgrat des "Taipeh 101" auf Taiwan. Ein tonnenschweres Pendel soll das Schwanken der Spitze in Grenzen halten.
Von Georg KüffnerNur wenige Steinwürfe vom höchsten Gebäude der Welt entfernt, werden ganze Straßenquadrate mit Obst und Gemüse bepflanzt. Daraus den Schluß zu ziehen, der vor allem wegen seiner schieren Größe über die Grenzen Taiwans hinaus bekannte höchste Wolkenkratzer der Welt stehe auf wenig attraktivem Boden, wäre falsch. Das mit seinen 101 Stockwerken einschließlich einer nadelförmigen Dachspitze 508 Meter hohe Gebäude wurzelt vielmehr im Zentrum des neuen, sehr noblen Finanzbezirks Hsinyi. Ringsherum sind bereits prächtige Banken, Einkaufszentren und prunkvolle Appartementblöcke fertiggestellt. Nirgendwo sonst in der Millionenstadt Taipeh liegen die Quadratmeterpreise und die Grundsteuern höher. Diese sind der Grund für den landwirtschaftlichen Eifer: Solange Ackerbau und Viehzucht betrieben werden, sind keine Steuern fällig.
Die hohen Grundstückskosten haben mit Sicherheit die Idee zum Bau eines Hochhauses vorangebracht. Den Ausschlag, den höchsten Turm der Welt zu bauen, lieferten sie nicht. Denn wie Hong-Ming Lin, der Chef der Betreibergesellschaft, erklärt, ist man in den Gigantismus des mittlerweile außen fertiggestellten Gebäudes mehr oder weniger hineingeschlittert. Anfangs lagen Pläne für ein Hochhaus mit lediglich 66 Stockwerken auf dem Tisch. Erst als der damalige Bürgermeister von Taipeh und jetzige Präsident der Inselrepublik, Chen Shui-bian, fragte, ob man nicht noch höher bauen könne, legten die Ingenieure nach - und gleich in mehreren Schritten. Taiwan will mit dem Wolkenkratzer Taipeh 101 ein Zeichen setzen. Es will der Welt zeigen, daß es schon lange nicht mehr das Land ist, aus dem billiges Plastikspielzeug kommt, sondern daß es sich unter anderem zu einem der wichtigsten Elektroniklieferanten gemausert hat. Rund die Hälfte aller Notebooks kommen heute von dieser Insel.
Ort eigentlich ungeeignet
Das höchste Gebäude der Welt steht an einer Stelle, die für den Bau eines Wolkenkratzers eigentlich ungeeignet ist. Denn Taiwan liegt an der Nahtstelle zwischen der eurasischen und der philippinischen Platte und ist damit für Erdbeben prädestiniert. Rund 200 Mal im Jahr wackelt hier die Erde mehr oder weniger stark. Und nur rund 200 Meter vom Turm entfernt liegt die Taipeh-Verwerfung, eine der bekanntesten Bruchlinien, die sich aber nach Aussagen von Geologen seit nunmehr 45.000 Jahren ruhig verhält.
Daß das Gebäude dennoch ständig Erschütterungen ausgesetzt ist, haben die 3.000 zu Spitzenzeiten auf der Baustelle beschäftigten Arbeiter am eigenen Leib erfahren. Tragisch waren die Auswirkungen eines Bebens, das am 31. März des vergangenen Jahres den Turm heftig ins Schwanken brachte. Zwei der vier Kräne auf dem zum damaligen Zeitpunkt bis zum 56. Stock hochgewachsenen Turm knickten ab und stürzten in die Tiefe. Die aufgenommenen Stahlträger rutschten von den Lasthaken und schlugen durch massive Betondecken wie durch Butter. Am Boden richteten die herabstürzenden Kräne ein Chaos an. Fünf Menschen starben, darunter die beiden Kranführer.
Erdbeben und Taifune
Doch trotz der permanenten Erdbebengefährdung und trotz der Taifune, die mitunter mehrmals im Jahr mit Geschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometern in der Stunde über die Insel wüten, glaubt Chefarchitekt Chung Ping Wang an die Standfestigkeit seines Turms. Selbst wenn ganz Taipeh in sich zusammenfallen sollte, davon ist er felsenfest überzeugt, werde dieses Hochhaus stehen bleiben.
Dafür hat man weder Kosten noch Mühen gescheut. Um auf dem im Vergleich zum Granitboden von Manhattan miserablen Untergrund in Taipeh sicher gründen zu können, mußte das Gebäude auf 557 Pfähle gestellt werden, die man zum Teil bis zu 80 Meter tief in den Boden "eingedreht" hat. Erst in dieser Tiefe stieß man auf Fels. Auch mit einem auf das Gebäude stürzenden Flugzeug würde das höchste Haus der Welt nach den Aussagen von Wang deutlich besser fertig als das World Trade Center, das seine Stabilität aus zwei ineinandergestellten und mit vergleichsweise filigranen Trägern verbundenen "Röhren" gezogen hat. Dagegen ist Taipeh 101 eine wahre Festung. Wie bereits bei den beiden kleineren Verwandten des Rekordturms, dem 420 Meter hohen Jin Mao Building in Shanghai und den 452 Meter hohen Zwillingstürmen der Petronas Towers Taipeh 101in Kuala Lumpur, verläßt man sich beim derzeitigen Rekordhalter auf das Tragvermögen und die Flexibilität sogenannter Megastützen. An jeder Außenseite des quadratischen Gebäudes stehen zwei davon, die außen über die stählernen Etagenböden alle acht Stockwerke mit großkalibrigen Querriegeln (sie füllen eine ganze Etage nahezu vollständig aus) mit dem steifen Kern des Turms verbunden sind. Die Megastützen selbst sind in den unteren Etagen dreimal zweieinhalb Meter stark (weiter oben werden sie schlanker) und innen mit einem Stahlblechraster solide ausgesteift. Zudem hat man sie mit Hochleistungsbeton hohlraumlos verpreßt, um ihre Standfestigkeit zusätzlich zu erhöhen.
Nutzfläche gering
Daß durch diesen Starkbau die Nutzfläche auf einen wirtschaftlich wenig rentablen Anteil sinkt, scheint die Turmbauer von Taipeh nicht weiter zu stören. Sie setzen auf Größe und Sicherheit. So hat man nach der Katastrophe vom 11. September für jedes achte Stockwerk das Nutzungskonzept geändert und Fluchträume installiert, in denen sich Menschen bei einem Feuer sammeln und auf Hilfe warten können. Doch daß es dazu kommt, sei eher unwahrscheinlich, meint Wang. Denn außer mit Technik habe man durch das ständige Wiederholen der von Chinesen als Glückszahl betrachteten Zahl Acht (der an einen Bambusstab erinnernde Bau besteht aus acht aufeinandergetürmten Pagoden, die jeweils acht Stockwerke hoch sind) für das Abweisen jeglichen Ungemachs gesorgt. Zudem sorgten Heerscharen symbolisierter Babydrachen an den Ecken des Gebäudes und chinesische Glückssymbole über den Portalen für Schutz.
Den werden die 10.000 Menschen (ohne Besucher) auch brauchen, die einmal in dem Turm arbeiten werden. So viele Personen reibungslos durch den gigantischen Bau zu schleusen ist bereits unter "Normalbetrieb" eine riesige Herausforderung. 63 Aufzüge bringen die Menschen nach oben und unten. Einige davon sind zweigeschossige Doppeldeckerlifte, die vom Turmsockel bis zum Restaurant im 89. Stockwerk durchrasen. Sie schaffen dabei die bisher von Aufzügen bei der Steigfahrt unerreichte Spitzengeschwindigkeit von 1.000 Metern in der Minute. Auch abwärts trödeln die von dem finnischen Hersteller Kone gelieferten Transporter nicht. Runter geht es zwar lediglich halb so schnell, doch wird dieses Tempo nur dadurch erträglich, daß wie in Flugzeugen der Innendruck in den Kabinen während der Reise künstlich auf konstantem Niveau gehalten wird.
Schwankungen tilgen
Ein weiteres technisches Highlight ist der Schwingungsdämpfer zwischen dem 92. und dem 88. Stockwerk, der größte, der je in ein Gebäude eingesetzt wurde. Eine rund 660 Tonnen schwere und an 16 oberarmdicken Stahlseilen aufgehängte Kugel soll das mögliche Schwanken des Turms "tilgen", das vom Winddruck auf die Fassade verursacht wird. Ob das den Erwartungen gemäß funktioniert, bleibt abzuwarten. Momentan ist die Kugel noch starr mit dem Bauwerk verbunden. Später sollen dann hydraulische Stoßdämpfer die Auslenkung des Pendels (auf maximal 1,5 Meter) begrenzen. Ansonsten würde die Kugel die Funktion einer Abrißbirne übernehmen.
Der Turm Taipeh 101 wird Ende des kommenden Jahres bezugsfertig. Die attraktiven obersten Stockwerke sollen bereits - und zwar an das Heer der Geldgeber - vermietet sein. Wie lange der insgesamt 1,8 Milliarden Dollar teure Bau den Weltrekord im Wettbewerb um das höchste Gebäude halten wird, ist offen. Denn an mehreren Stellen wird bereits darüber nachgedacht, dem Turm von Taipeh den Rang abzugraben. So soll das neue World Trade Center in New York gar die 600-Meter-Marke überwinden. Auch zwei ins Auge gefaßte Hochbauten in Seoul (International Business Center) mit geplanten 130 Stockwerken und im indischen Katangi (Centre of India) mit 224 Etagen werden jeweils deutlich über 500 Meter hoch werden. Zum Vergleich: Das Commerzbank-Gebäude in Frankfurt, das höchste Bürogebäude in Europa, bringt es nur auf 259 Meter. Tatsächlich gebraucht werden diese Türme alle nicht. Doch daß es dem auf sein Bauwerk sichtlich stolzen Architekten Wang ob der drohenden Konkurrenz bange sei, davon ist nichts zu spüren, und er legt selbstbewußt nach: "Wir haben den Wettbewerb um den aktuellen Höhenrekord aufgegriffen. Und wir werden noch eins draufsetzen, speziell dann, wenn unser Rekord von Landsleuten auf dem Festland gebrochen werden sollte."
Dämpfer gegen mögliche Schwingungen
In alle "richtig hohen" Gebäude wie Wolkenkratzer und in die Pylone von Brücken werden heute Schwingungsdämpfer eingebaut. Sie sollen das durch Windkräfte oder Erdbeben verursachte Schwanken der Bauten verhindern und damit zu deren Stabilität beitragen - aber auch zu einem brechreizfreien Arbeiten in den obersten Etagen der Gebäude. Meist werden sogenannte aktive Dämpfersysteme eingesetzt. Dabei handelt es sich um schwergewichtige Betonquader, die auf einer Gleitfläche vergleichsweise leicht hin und her bewegt werden können. Im Fall des Citicorp-Centers in New York zum Beispiel wog dieser Dämpfer 400 Tonnen, er wurde allerdings erst nachträglich eingebaut und hat den 279 Meter hohen Turm überhaupt erst nutzbar gemacht. Andernfalls hätte er wahrscheinlich abgerissen werden müssen. Wie die Dämpfer sich zu bewegen haben, bestimmt eine Elektronik, die von Sensoren am Gebäude und um dieses herum mit den notwendigen Informationen gespeist wird. Aktive Systeme sind daher teuer und auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen. Dagegen arbeiten passive Schwingungsdämpfer selbständig. So benötigt das an vier "Ecken" und hier an jeweils vier rund 12 Zentimeter dicken Stahltrossen befestigte und 660 Tonnen schwere Kugelpendel hoch oben im Taipeh 101 keine eigens produzierte Anregungsenergie. Die liefert der Turm gratis, allerdings mit dem Nachteil, daß der Dämpfer erst dann seine Aufgabe übernehmen kann, wenn ihn das schwankende Gebäude zum Pendeln gebracht hat. Damit sich der Dämpfer, mit seiner vergoldeten Hülle sozusagen das Schmuckstück des Gebäudes, bei großen Amplituden nicht zerstörerisch über benachbarte Stahlträger hermacht, wird man ihn mit hydraulischen Stoßdämpfern zügeln. Maximal sollen Pendelschwünge von bis zu 1,5 Meter möglich sein.