14.01.2009 · Österreichs Unfallkliniken haben wieder Hochsaison: 65.000 verletzte Wintersportler werden wohl in der Notaufnahme landen. Mehr als 1500 von ihnen sind Ausländer, die teuer zurück in die Heimat geflogen werden müssen. Und nicht alle zahlen die Krankenhausrechnung.
Von Erna LacknerSeit dem ersten Weihnachtstag fliegen die Tiroler „Gipsbomber“ wieder. Fast täglich bringen Jets und Turboprops der Tyrol Air Ambulance von Innsbruck aus verletzte Wintersportler heim nach Antwerpen oder Rotterdam, aber auch nach England oder Dänemark - in jedem Winter 1500 bis 1800, je nach Skisaison.
Wie hat das neue Jahr 2009 begonnen? „Sehr gut!“, kann Hemma Niederegger von ihrer Warte aus sagen. Die Pisten sind voll und hart. Sie ist Assistentin in der Geschäftsleitung der Tyrol Air Ambulance, deren Geschäft vor allem mit holländischen und belgischen Patienten so gut läuft, dass die TAA sich in drei Jahrzehnten zum größten, bestausgestatteten Flugambulanzanbieter Europas entwickelt hat.
Das Geschäft mit den Verletzten boomt
In Innsbruck spricht man während der Krokusferien gern vom „holländischen Triathlon“: mit dem Lift auf die Pisten, mit dem Krankenwagen ins Spital und mit dem „Gipsbomber“ in die Heimat. Die Sammeltransporte mit begleitenden Ärzten und Pflegern fassen bis zu fünfzehn Verletzte; ein liegender Patient zahlt 1700 Euro, ein „Leg-rest“-Passagier mit einem nur hochgelagerten Bein 690 Euro.
Beträge, die von den Versicherungen, vornehmlich dem holländischen Automobilklub ANWB, einem eingespielten Partner der Tyrol Air Ambulance, anstandslos erstattet werden. Das weltweit tätige Tiroler Ambulanzunternehmen fliegt mittlerweile wintersportverletzte Holländer und Briten auch vom französischen Chambery nach Hause - und Knowhow sowie Beteiligungskapital der TAA stecken längst in einem „Air Ambulance Technology“-Unternehmen, welches auch Regierungsflugzeuge etlicher Staaten wie Intensivstationen auszustatten versteht.
Mehr Unfälle auf der Piste, als auf der Straße
Die dringende Erstversorgung der auf Pisten und Rodelbahnen verunglückten Wintersportler findet dennoch stets in den Spitälern der Alpenländer statt. Deren Unfallabteilungen haben von Weihnachten bis Ostern Hochsaison. „Mittlerweile verunglücken in Österreich mehr Menschen auf der Skipiste als auf der Straße“, meldet die Deutsche Presse-Agentur. Im Jahr 2007 (im Jahr, nicht in der Saison) zählte das Kuratorium für Verkehrssicherheit österreichweit 58.100 Wintersportunfälle: davon 39.400 beim alpinen Skilauf, 12.600 beim Snowboarden und 6100 beim Rodeln oder Langlaufen. Und 59 Menschen starben 2007 auf Pisten und Skitouren, davon 20 an Herzversagen und 15 unter Lawinen. Auf Kollisionen entfällt nur ein kleiner Teil der Toten.
Dieter Althaus ist nur einer von voraussichtlich 65.000 Wintersportlern, die in dieser Saison verletzt in einer österreichischen Klinik landen, wie die Österreichische Gesellschaft für Unfallchirurgie schätzt. Allein in der Klinik im salzburgischen Schwarzach (wo der Thüringer Ministerpräsident mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma lag) waren es im vorigen Winter 5034 Skifahrer, Snowborder und Rodler, die stationär oder ambulant behandelt wurden.
Die Konjunktur der Unfallchirurgen ist gesichert
In die Innsbrucker Universitätsklinik für Unfallchirurgie kommen an manchen Wintertagen doppelt so viele Frischverletzte wie sommers, bis zu 300. In deren fünf OP-Sälen werden im Winter von vornherein entsprechend weniger Wahleingriffe geplant, um die Notfälle zu versorgen. Der Schweregrad der Verletzungen, gemessen nach dem ISS-Index (Injury Severity Score), sei in den letzten fünf Jahren leicht, aber nicht signifikant gestiegen, sagt der Klinikchef Michael Blauth. Ansonsten zeigt er sich aber vorsichtig mit Trends, denn gerade Wintersportunfälle variierten aufgrund der Witterungsverhältnisse von Jahr zu Jahr. Je härter der (Kunst-)Schnee, desto mehr Brüche und Wirbelverletzungen, sagt Karl Söllhammer, PR- und Personalchef der Schwarzacher Klinik. Und je mehr Schnee, desto mehr Bandverletzungen. Aber Verletzungen gibt es immer. Ihre Konjunktur ist gesichert.
Viele Unfallchirurgen weisen aber eindringlich auf die Zunahme schwerer Skisport-Verletzungen hin: Primarius Franklin Genelin, Chef der Unfallchirurgie in Schwarzach und Präsident der österreichischen Unfallchirurgen, verzeichnete nach der vorigen Wintersaison „bei den operationspflichtigen Wirbelsäulenverletzungen eine Steigerung von 90 Prozent“ sowie auch zehn Prozent mehr schwere Beckenverletzungen.
Ein Unterschenkelbruch ist ein Schnäppchen
Gleich geblieben sei nur die Zahl der schweren Schädel-Hirn-Traumen - was wahrscheinlich auf das zunehmende Helmtragen zurückzuführen ist, sagen alle Unfallchirurgen (die den gern riskant fahrenden und Sprünge machenden Skiläufern auch den Rückenprotektor empfehlen). In der Schweiz, wo nach dem Althaus-Unfall wie in Österreich und Deutschland über eine Helmpflicht diskutiert wird, trägt laut Beratungsstelle für Unfallverhütung immerhin schon die Hälfte der erwachsenen Skifahrer einen Helm. In Österreich sind es nur zwanzig Prozent. Eine Schweizer Studie, von Othmar Brügger 2006, listet detailliert Kosten und monetären Nutzen des Helmtragens auf: wie mit einem 135 Franken teuren Helm zehntausend Franken gespart werden können - bei der Annahme, dass ein Unfall mit Frakturen des Schädelknochens laut Schweizerischer Unfallversicherungsanstalt 140.000 Franken kostet, bei weniger schweren Schädelverletzungen immer noch 23.000 (gegenüber dem durchschnittlichen Skiunfall mit 7000 Franken).
Was ein Skiunfall eigentlich kostet, ist bislang eher eine stille Versicherungsangelegenheit. Auch Spitäler halten sich bedeckt, aber die Uniklinik Innsbruck gibt ihre neuen Pauschalen klar und offen bekannt: Für einen einfachen Unterschenkelbruch (Röntgen und Kunststoffgips) werden 220 Euro verrechnet - ein Schnäppchen, wie auch der Pressesprecher sagt. Eine ausgekugelte Schulter mit Operation kostet 2490 Euro. Eine Schädelfraktur aber kommt mit Operation auf 13.400 Euro, plus 3000 Euro für drei Tage Intensivstation.
Wirtschaftsaufschwung dank Pisten-Rowdys
Die Spitalbehandlung wird ohne Ansehensunterschied jedem Verletzten zuteil - für Österreicher wird sie von der Pflichtversicherung beglichen; Ausländer bleiben die Rechnung zuweilen schuldig. Ein heikles Thema, heißt es in der Uniklinik Innsbruck. Und in der Bilanz des Krankenhauses Schwarzach ist zum Saisonende 2007/08 von „Außenständen gegenüber ausländischen Gastpatienten“ von 4,4 Millionen Euro die Rede, wovon der Hauptteil auf Skiunfall-Patienten entfalle. Dann sind da auch noch andere mögliche Folgekosten, vor denen naturgemäß Unfallversicherungen wie die Allianz Österreich warnen: für den Flugrettungseinsatz (2000 bis 4000 Euro), für ausgeschlagene Zähne, für dauerhafte Gesundheitsschäden.
„Skiunfälle sind gut für die Wirtschaft!“ So lautete sogar wörtlich eine Überschrift in der „FachSportWelt“, einer Publikation der österreichischen Sportartikelerzeuger, in der eine Rechnung des renommierten Institutes für Höhere Studien (IHS) über den positiven Ergebnisbeitrag aller Skiunfälle vorgestellt wurde. Der Institutschef und Wirtschaftswissenschaftler Bernhard Felderer errechnete 2005 bei medizinischen Behandlungskosten von 81 Millionen Euro für In- und Ausländer eine Wertschöpfung von 69 Millionen - davon 22 Millionen durch die Behandlung von Ausländern: ein reiner „Dienstleistungsexport“, dem auch keine negativ zu bilanzierenden Krankenstandskosten, Einkommens- und Produktionsausfälle gegenüberstehen.
Aber auch alles in allem ergaben Skiunfälle einen Nettowertschöpfungseffekt von 14,9 bis 43, 3 Millionen Euro für Österreichs Volkswirtschaft. Ein gesundes Rückgrat der Gesamtwirtschaft wird man diesen Part des Wintersports auch größenmäßig nicht nennen können, aber ein Geschäftszweiglein ist er inzwischen doch auch.