04.09.2008 · Fast jeder zweite Schüler kommt in der Schule irgendwann nicht mehr mit und braucht Hilfe. Privatlehrer und Nachilfeketten gibt es viele. Aber was kosten sie - und wie findet man die richtigen?
Von Nadine OberhuberVielleicht muss der Begriff „zweiter Bildungsweg“ bald umdefiniert werden. Für viele Eltern jedenfalls hat er schon eine völlig neue Bedeutung bekommen: Eigentlich bezeichnet er den Fall, dass jemand auf dem privaten Weg einen Abschluss nachholt, den er an einer öffentlichen Schule nicht erreicht hat. Aber so etwas ist die Ausnahme. Die Regel ist dagegen längst, dass immer mehr Schüler und Eltern privat die Initiative ergreifen, damit die Kinder in der Schule überhaupt noch hinterherkommen. Sie nehmen Nachhilfeunterricht und bezahlen dafür viel Geld.
Ohne den Einsatz von Privatlehrern oder Instituten schaffen viele das Schulpensum längst nicht mehr. Fast jeder zweite Schüler holt sich irgendwann auf dem Weg zum Abitur, Real- oder Hauptschulabschluss professionelle Unterstützung, ein Drittel der 12- bis 16-Jährigen sogar regelmäßig, schätzt ein Gutachten im Auftrag des Bundesbildungsministeriums. Das sind über eine Million Schüler, deren Eltern geschätzte 1,2 bis 3 Milliarden Euro für Privatunterricht ausgeben, 1750 Euro pro Schüler und Jahr. Und sie geben das Geld längst nicht nur für die aus, die schlechte Noten schreiben. In diesem Punkt nämlich hat sich das System in den vergangenen 15 Jahren stark geändert.
Ein Drittel aller Nachhilfeschüler ist nicht versetzungsgefährdet
Nachhilfe gibt es, solange es staatliche Schulen gibt, seit rund 200 Jahren. Früher besserten die Leistungsschwächsten ihre Noten auf, indem sie nachmittags mit dem Klassenlehrer büffelten und zahlten. Oder sie lernten mit den Eltern zu Hause. Weil aber das Bildungsniveau von Generation zu Generation stieg, kamen die Eltern bald nicht mehr beim Lernstoff der Kinder mit. So bildete sich in den 60er Jahren ein ganzer Wirtschaftszweig: Die ersten Lern-Institute gründeten sich, und arbeitslose Pädagogen verdingten sich als Nachhilfelehrer. Die Branche half Langsamlernern vor Klassenarbeiten auf die Sprünge und hievte Versetzungsgefährdete in die nächste Klasse.
Heute dagegen, sagt Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS), "ist ein Drittel aller Nachhilfeschüler von den Zensuren her nicht unmittelbar gefährdet". Sie sehen die Helfer auch nicht mehr als schnelle Eingreiftruppe vor den Zeugnissen, sondern als ständige Begleiter, um "den normalen schulischen Anforderungen gerecht zu werden", so sagen Schüler und Eltern in Umfragen selbst. "Das zeugt davon, dass der Druck im Bildungssystem wächst", sagt Dohmen.
In dem knirscht es mächtig. Seit der Einführung des achtstufigen Gymnasiums muss der gleiche Stoff in kürzerer Zeit ins Kinderhirn gepaukt werden. Gleichzeitig werden Schulklassen immer größer und Lehrer immer schlechter, kritisieren Bildungsforscher. Die bemängeln, dass die pädagogische Ausbildung vernachlässigt wird.
Kontrolliert werden Nachhilfeanbieter nicht
Die Elternhäuser können die Defizite der Schulen längst nicht mehr ausbügeln. Häufig zerlegen sich Familien durch Scheidung in ihre Bestandteile, oder beide Eltern arbeiten zu viel, um abends noch als ehrenamtliche Lehrer einzuspringen. Die professionellen Anbieter profitieren davon.
Es ist schwer zu beziffern, wie viele es genau gibt, weil sie sich nicht registrieren lassen müssen. Vieles läuft zudem über Nachbarschaftshilfe oder den Graumarkt. Angestellte Lehrer etwa dürfen sich mit Privatstunden 638 Euro monatlich dazuverdienen, ohne das zu melden. Kontrolliert werden Nachhilfeanbieter nicht. Und bislang gibt es nur zaghafte Versuche, Verbandssiegel oder TÜV-Plaketten als Qualitätskontrolle zu etablieren.
Eines dürfte über die Kontrolllücken hinwegtrösten: Vergleiche ermitteln, dass Nachhilfe wirkt. Zwei Drittel aller Schüler verbesserten sich nach neun Monaten um ein bis zwei Noten. Und: Es stärkt das Selbstbewusstsein, wenn der Schüler wieder weiß, worum es im Unterricht geht.
Wie Sie den richtigen Lehrer finden
Mag sein, dass der Nachwuchs das Lernen dringend nötig hat. Aber gegen dessen Willen geht gar nichts. Die oberste Regel lautet daher: Eltern und Kind müssen sich über die Nachhilfe einig sein. Denn wer nicht motiviert ist, der lernt auch nicht.
Welches Problem hat mein Kind?
Sind die Leistungen plötzlich abgefallen - etwa weil der Nachwuchs in der Pubertät ist? Im Alter von 12 bis 16 ist ein Durchhänger in der Schule ganz normal. Auch wenn die Familie frisch umgezogen ist, die Eltern sich getrennt haben, das Kind lange krank oder im Auslandsaustausch war, brechen die Schulnoten häufig ein. Das sind Standardfälle für Nachhilfelehrer. Hat der Nachwuchs dagegen von Anfang an Schwierigkeiten in der Schule, könnte eine Lese- und Rechtschreibschwäche bestehen. Bei fünf Prozent der Kinder ist das der Fall. Bei diesem Verdacht sollten Eltern zuerst Mediziner oder Therapeuten fragen. Das Nachhilfeinstitut des Dudenverlages hat sich auf Lernschwächen spezialisiert.
Wie lernt mein Kind am liebsten?
Ein geselliges Kind in Einzelhaft zu stecken bringt ebenso wenig wie einen Eigenbrötler zur Teilnahme an einer Lerngruppe zu verdonnern. Ihr Kind sollte entscheiden, ob es lieber in Schulatmosphäre, also in der Kleingruppe, lernt - oder ganz allein mit Privatlehrer, weil es seine eigene Lerngeschwindigkeit hat. Bei guten Instituten sind die Gruppen übrigens nicht größer als drei bis fünf Schüler.
Wie viel Geld möchte ich ausgeben?
Einzelunterricht ist natürlich teurer als Gruppenlernen. Im Schnitt müssen Eltern bei Privatstunden mit dem doppelten Betrag rechnen (Gruppenstunden kosten 7 bis 32 Euro pro Stunde, Einzelunterricht 16 bis 64 Euro). Große Lerninstitute langen üppiger zu als kleine Anbieter oder Ein-Mann-Unternehmen. Sie bieten dafür aber oft ein ausgefeilteres Lernprogramm. Im Schnitt kostet die Nachhilfe beim Institut 150 Euro im Monat (bei einer Doppelstunde pro Woche), also rund 1550 Euro pro Jahr. Privatanbieter verlangen 750 Euro.
Wie finde ich einen Anbieter?
In fast jeder Stadt gibt es Nachhilfestudios. Doch angesichts von über 3000 Anbietern haben selbst Experten Schwierigkeiten, den Überblick zu behalten. Zumal sie oft nur lokal oder regional begrenzt aktiv sind. Die beiden Marktführer unterhalten Büros in jeweils 1000 Städten: der Studienkreis, der zum Schulbuchverlag Cornelsen gehört (www.nachhilfe.de), und die Studienhilfe (www.studienhilfe.de). Beide unterrichten je 70 000 Schüler im Jahr und decken 15 Prozent des Marktes ab. Eine Suchmaske für kleinere Schulen nach Postleitzahlen listet außerdem der Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN) auf seiner Website auf (www.nachhilfeschulen.org). Eine private Plattform, auf der Eltern und Lehrer selber Anzeigen aufgeben können, gibt es auf www.nachhilfenet.de.
Woran erkenne ich die Guten?
Bei guten Anbietern kann man zwei bis vier Probestunden belegen. Eltern sollten auch auf Mindestvertragslaufzeiten achten (lassen Sie sich auf höchstens sechs Monate ein) und auf Kündigungsfristen (drei Monate sind normal). Ein bundesweites Prüfsiegel gibt es nicht, aber der TÜV zertifiziert einige Studios. Zudem existiert das RAL- und das Ina-Siegel. (nadu.)
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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