10.09.2010 · Tagtäglich wird die Frau mit ihrem Spiegelbild konfrontiert und strebt nach der eigenen körperlichen und modischen Perfektion. Doch nicht nur um dem anderen Geschlecht zu gefallen, sondern auch um ihre Konkurrenz auszustechen.
Von Florentine FritzenDie Schmerzgrenze liegt irgendwo unterhalb der Dove-Werbung. Ich kenne keine Frau, die mit Blick auf die Anzeigenkampagne des Kosmetikherstellers sagen würde: Also diese Mädels mit den dicken Oberschenkeln finde ich richtig schön. Aber ich kenne viele Frauen, die sich über die Aktion der Zeitschrift „Brigitte“ gefreut haben, die seit Anfang dieses Jahres in Fotostrecken auf Models verzichtet. Die meisten dieser Frauen sehen selbst eher so aus wie die kurvenreichen Models aus der Dove-Werbung als wie die Frauen in der „Brigitte“. Denn die sind immer noch deutlich dünner als der Durchschnitt.
Aber es ist nun einmal so, dass die ganz normalen Frauen, also die aus dem wirklichen Leben, ein paar Illusionen brauchen, um mit ihrem eigenen Körper klarzukommen. Warum sonst sollten Frauen zu Bauch-Beine-Po-DVDs trainieren, deren Vorturnerinnen eigentlich kein Bauch-Beine-Po-Workout mehr bräuchten? Eben: weil so eine Figur erstrebenswert erscheint – und mit ein bisschen Durchhaltevermögen auch machbar. Von Model-Maßen zu träumen wäre dagegen dumm, das ist nämlich sowieso nicht zu schaffen.
Frauen sehen gut aus - wegen den anderen Frauen
Die Illusion muss greifbar sein. Deshalb könnten Frauen auch nicht ohne Kosmetikprodukte leben. Anti-Falten-Cremes und Anti-Cellulite-Lotions, Schminke und Selbstbräuner verheißen einen besseren Körper als den, mit dem frau sich derzeit noch herumschlägt. Das hat mit den tollen Texten auf Tuben und Tiegeln zu tun, mit so verheißungsvollen Wörtern wie „straffend“, „sanft pflegend“, „zart bronzierend“ oder „aufhellend“. Und es hat damit zu tun, dass Kosmetikprodukte so gut riechen. Vor allem die für Frauen. Gut riechen und gut aussehen wollen Frauen übrigens nicht so sehr wegen der Männer, auch wenn die das oft glauben. Sondern vor allem wegen der anderen Frauen.
Zum Kaffee mit der Freundin, die immer Klamotten aus der neuen Kollektion trägt, würde eine Frau nie in einer Bluse gehen, die sie schon voriges Jahr auf der Geburtstagsparty eines gemeinsamen Bekannten getragen hat. Weder dieser Bekannte noch irgendein Mann, der auf dieser Feier war, wüsste noch, welche Bluse das war. Auch der Mann dieser Frau könnte sich wahrscheinlich eher an die Biersorte erinnern, die es auf der Party gab, als an diese irre schöne Kombi, die seine Liebste an jenem Tag trug. Aber die Frau weiß es natürlich noch bis ins Detail – und die Freundin auch.
Typisch weiblich: Frauen und Körperpflege
Männer ziehen selten den Bauch ein. Frauen ziehen, wenn sie zum Beispiel vom Bürostuhl aufstehen, ihren Pulli über dem Po zurecht. Nicht, dass jemand guckt und denkt: „Mann, hat die einen dicken Hintern!“ Dass das Zupfen erst recht Aufmerksamkeit erregt, auf diese Idee kommen Frauen komischerweise nicht. Ständig kontrollieren sie ihren Körper. Ist die Wimperntusche verwischt? Soll ich mir jetzt wirklich noch ein Snickers genehmigen, ich hatte doch heute Mittag schon ein Eis? Sind die Waden der neuen Kollegin dicker oder dünner als meine? Weil Frauen wissen, dass Männer weibliche Waden-Umfänge nicht zentimetergenau vergleichen, ist ihnen das, was Männer über die Körper ihrer Kolleginnen denken könnten, weit weniger wichtig als das, was andere Frauen denken.
Es wird ja immer behauptet, Frauen hätten seit ungefähr 40 Jahren einen Vermännlichungs-Prozess hingelegt. Sie suchten heute Erfüllung im Beruf und im Bett, und Eintopf kochten sie längst nicht mehr, um die Familie satt zu bekommen, sondern, um sich zu entspannen. Aber sobald es um Körperpflege geht, sind Frauen typisch weiblich geblieben. Und so zwingen sie jetzt einfach die Männer, sich ihnen auf diesem Gebiet anzupassen – ähnlich wie beim Kinder-Betreuen. Frauen verlangen von ihren Partnern, sich so ziemlich überall zu rasieren, schenken ihnen Körpermilch oder einen Pediküre-Gutschein zum Geburtstag. Und Männer geben sich heutzutage, das muss man schon mal zugeben, nicht nur in dieser Hinsicht ziemlich viel Mühe, den Wünschen ihrer Frauen nachzukommen.
Beim Wickeln und Hipp-Gläschen-Erwärmen mag die Liebste immer noch etwas zum Kritteln finden – die Pampers sitzen zu eng oder zu locker, das Bio-Rind mit Kartoffelgemüse ist zu heiß oder zu lau. Aber der moderne Mann kann sicher sein, dass seine Frau jegliche Zeit, die er seinem Körper widmet, uneingeschränkt honorieren wird. Jedenfalls die Zeit im Badezimmer, nicht so sehr die auf dem Fußballplatz. Und im Kern wissen Männer ja auch, dass Frauen immer noch einen echten Kerl wollen, mit dem man nicht nur gut kuscheln, sondern auch gut angeben kann. Deshalb und vielleicht auch aufgrund allgemeiner Trägheit bewahren sich die meisten von ihnen immer noch einen Rest Männlichkeit. Super gepflegt und top gestylt sind die Frauen schließlich selbst.
Oh Schreck
Lukas Himmelssenf (skyluke)
- 10.09.2010, 13:07 Uhr
Natürlich nur wegen der anderen Frauen
Marvin Parsons (mapar)
- 10.09.2010, 14:18 Uhr
@Parsons
Minette Lehmann von Weyhe (Lonicera)
- 10.09.2010, 14:28 Uhr
Blame
rainer hoffman (keeper82)
- 10.09.2010, 14:38 Uhr
Marvin Parsons scheint ja ganz üble Erfahrungen zu haben
gisbert heimes (gisbert4)
- 10.09.2010, 14:47 Uhr
Florentine Fritzen Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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