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Veröffentlicht: 20.04.2017, 16:52 Uhr

April-Wetter gefährdet Ernte Kampf um die Kirsche

Die Bauern sind wegen der Kälte in Sorge um die Obsternte – und schützen die Blüten teils mit Feuer. Mancherorts werden sogar Hubschrauber entsendet, um Weinreben vor Frost zu schützen.

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© dpa Winzer verbrennen am Donnerstag in den frühen Morgenstunden in einem Weinberg bei Meißen in Sachsen Stroh, um die Weinreben gegen den Frost zu schützen.

Der April macht, was er will – nicht, was die Bauern wollen. Ihm steht die Lust nach Frost. Zuvor hatte der März eine Wärme verbreitet, die Erdbeer-, Wein-, Aprikosen- und sonstige Obstbauern in einen Zustand großer Ernte-Hoffnung versetzt hatte. Schon seit Wochen blühen im Süden zum Beispiel die Kirschen. Nun bedroht der Nachtfrost in Teilen Deutschlands und in der Schweiz die Blüten, und die Landwirte verteidigen ihre Hoffnungen auf eine gute Ernte mit allen Mitteln: mit Kerzen, brennenden Fässern, Folien und Helikoptern.

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Auf Obstfarmen in Sachsen-Anhalt sah das in der Nacht zum Donnerstag so aus: Hunderte Paraffin-Kerzen brannten in den Reihen zwischen Aprikosenbäumen. Das kostete die Bauern mehr als 1000 Euro. So erwärmen sie die Luft um die Knopsen herum auf bis zu sieben Grad, auch wenn der April nur minus drei Grad vorsah. Schon wenige Stunden Frost, so sagte es die Aprikosenbäuerin Sabine Hornemann dem Sender MDR, könnten die gesamte Ernte kosten.

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Von überall aus dem Land und der besonders von Kälte betroffenen Schweiz gab es ähnliche Berichte von Landwirten. Einige ließen Kerzen unter Folien brennen. Andere ließen Erdbeeren und Weinreben mit Wasser beregnen. Im sächsischen Staatsweingut Schloss Wackerbarth entzünden Winzer Feuer in den Weinbergen. Wiederum andere stellen Pumpen auf, die dieselgetrieben warme Luft in die Kälte der Nacht pusteten.

Der Nachtfrost Mitte April ist eigentlich keine Wetterkapriole

Das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium entsandte am Donnerstag sogar Hubschrauber, um Weinreben vor Frost zu schützen. Agrarminister Peter Hauk (CDU) teilte mit, kalte und warme Luftschichten könnten auf diese Weise ausgetauscht werden. Die Flüge in 15 Metern Höhe beschränkten sich auf 100 Hektar Land und schlagen mit 40.000 Euro zu Buche – zur Hälfte auf Steuerzahlerkosten, zur Hälfte auf Winzer- und damit auf Trinker-, also ebenfalls auf Steuerzahlerkosten. Erdbeer-Selbstpflücker im Rhein-Main-Gebiet müssen nun zumindest länger warten. Die Erdbeerbauern hatten noch vor einer Woche gemeint, schon Ende April sei Erntezeit. Unter Plastikplanen – die nun ein wenig vor Frost schützen – waren die Blüten schon weit entwickelt.

Das Stichwort Plastikplane führt zu einer interessanten Dimension des Frost-Themas. Schließlich haben die Obstbauern mit solchen Tricks selbst eine frühere Blüte herbeigeführt, als sie sich unter freier Luft ergeben hätte – Erdbeer- und Spargelreife schon im April entspricht der Nachfrage der Kunden.

45966820 © dpa Vergrößern Frostschutzmaßnahmen Folie: Die Blüten einer Erdbeerpflanze sind am Donnerstag auf einem Feld bei Hofheim am Taunus durch ein Loch in einem Vlies zu sehen.

Der Nachtfrost Mitte April ist allerdings keine Wetterkapriole, sondern eher die Regel, wie die Daten des Deutschen Wetterdienstes zeigen. Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau, in dessen Territorium Minusgrade gemessen wurden, hebt hervor, dass Schutzmaßnahmen Standard sein. „Wer das macht, hat Schäden“, sagt ein Sprecher. „Profis wissen das.“ Die vielen schutztechnisch unbedarften Kleingärtner, Gartenbesitzer und Kirschenpflücker in Stadtparks hingegen werden womöglich weniger Obst ernten. Das Ausmaß der Forstschäden wird erst nach ein bis zwei Wochen sichtbar.

Der warme, sonnige März heizte der Vegetation ein. Der Wetterdienst in Offenbach verzeichnete die ersten Kirschblüten schon am 22. März im Südwesten und Westen. In dieser vierten Aprilwoche schließlich sprangen im äußersten Norden und Osten die letzten Süßkirsch-Blüten auf. Der erste blühende Apfelbaum wurde am 20. März in Oberbayern wetterdienstlich erfasst, der letzte am Mittwoch in Schleswig-Holstein. Die Blüten, so sagt der Wetterdienst voraus, werden noch bis in die kommende Woche hinein in prekärer Kälte existieren müssen.

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