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Student in Südkorea : Du bist für mich Deutschland

  • -Aktualisiert am

Daniel Lindemann bei „Non-Summit“ Bild: YouTube/Screenshot

In einer populären Fernsehshow erklärt Daniel Lindemann den Südkoreanern, wie seine Landsleute ticken. Das hat ihn zum Star gemacht.

          Und dann kommt der Moment, in dem Daniel Lindemann quer durch die Hochhausschluchten von Seoul rennt, hinter ihm eine koreanische Schulklasse, Mädchen, die ihre Mobiltelefone in die Luft halten. Kreischen: „Daniel!!!“ Neben ihm läuft, grinsend, ein alter Kumpel, zu Besuch aus dem Rheinland, einer, der jetzt auch verstehen kann, wie sich das anfühlt, „Da-ni-el Lin-de-mann“ in Südkorea zu sein. Seoul kann einem Besucher schon bisweilen seltsam vorkommen, die vielen Kneipen mit Namen wie „Oktoberfest“ oder „Hofbräu“ zum Beispiel. Aber der ruhige Daniel aus Langenfeld, der klavierspielende Kampfsportler, aufgezogen von der Großmutter und der Mutter, plötzlich ein Star? Was ist da los?

          Lindemanns Geheimnis, so sagt der 29-Jährige es selbst jetzt in einem Café in Seoul, ist Gelassenheit. Er sagt: „Ich versuche halt, durch meine ruhige Ausstrahlung meinen Beitrag zu leisten, dass Deutschland nicht als das strenge Land mit dem Militärton gilt.“ Beide Staaten verbinde viel, die Liebe zur klassischen Musik, zur Wissenschaft und zur Kunst. Nicht aus Zufall heiße eines der größten koreanischen Unternehmen „Lotte“, benannt nach der jungen Frau in Goethes „Werther“. „Hinzu kommt“, so Lindemann weiter, „dass Koreaner wie Deutsche am Wochenende oft in die Natur gehen, zum Wandern.“ Er sei sich vieler Ähnlichkeiten auch erst durch seine Arbeit bewusst geworden: „Im Ausland wird jeder auch ein bisschen patriotischer.“

          Inoffizieller Botschafter seines Heimatlandes

          Lindemanns patriotische Arbeit ist seit Juli 2014 einmal wöchentlich im koreanischen Kabelsender JTBC zu betrachten, immer montagabends ab 23 Uhr. Dann sitzt er mit elf anderen Männern im Anzug an einer langen Tafel; sie kommen alle aus einem anderen Land, derzeit aus Kanada, Russland, Belgien, Nepal, China, Italien, Frankreich, Ghana, Australien, den Vereinigten Staaten und eben Deutschland, leben aber in Südkorea. Die Sendung heißt, grob übersetzt: „Anomales Gipfeltreffen“. Angefeuert durch drei koreanische Moderatoren, stellen die inoffiziellen Botschafter ihrer Heimatländer jede Woche kulturelle Eigenheiten auf den Prüfstand. Warum holen Italiener ihren Frauen „die Sterne vom Himmel“? Wieso müssen die Kinder in Korea bis spätabends in die Schule gehen? Aber auch: Wie war das genau mit Hitler?

          Lindemann atmet noch einmal durch, als unser Gespräch auf das Thema kommt. „Ja, das mit Hitler war das erste Mal, dass ich merkte, dass meine Aussagen in der Show eine große Wirkung haben“, sagt er. „Ich war es einfach leid, von koreanischen Taxifahrern erklärt zu bekommen, dass Hitler ein toller Typ war, oder auch nur, wie gut seine Uniform aussah.“ Natürlich ist er auch bei diesem Ausbruch ganz Diplomat geblieben. Er relativierte, auch Deutsche wüssten schließlich erschreckend wenig über den Pazifik-Krieg. Als er in einem anderen Zusammenhang wieder von Aussöhnung und Vergangenheitsbewältigung sprach, begann der Chinese in der Runde zu weinen: „Ihr geht mit eurer Geschichte viel ehrlicher um“, sagte er. „Das würde hier so viel erleichtern.“

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