Home
http://www.faz.net/-gum-yfus
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dalai Lama It brings you happiness

03.08.2009 ·  52.500 Menschen wollten den Dalai Lama in Frankfurt sehen. Das Oberhaupt der Tibeter gab Segensunterweisungen im Stadion - für Eintrittspreise zwischen 29 und 230 Euro erlebten die Zuschauer Meditation und Lebenskunst bei Flugzeuglärm.

Von Nina Belz
Artikel Interaktiv (2) Lesermeinungen (2)

Die junge Frau betrachtet den goldenen Buddha in ihren Händen lange, dann schaut sie den Mönch an: „Ein Geschenk“, sagt der. Ihr Blick schweift auf die Spendenbox neben dem Tisch, dann wieder auf den Buddha; schließlich kramt sie nach dem Geldbeutel. Was bedeutet die Figur? „Weiß ich nicht genau, frag den Mönch.“ Der verteilt weiter Gipsfiguren, mit einem immerwährenden Lächeln auf dem Gesicht. „Eine Amithaba-Figur, für die Segensunterweisung, it brings you happiness.“

Die Menschentraube vor dem Stand, vor allem Frauen, guckt neugierig, aber nicht alle wollen das Geschenk annehmen. Ein kraftvoller Segen ist Amithaba, sagt das Programmheft, der mit keinerlei Verpflichtungen oder Erlaubnissen verbunden sei. „Willst du mit mir einen Tee trinken?“ Klaus ist aus Brasilien angereist. Seit fünf Jahren studiert er die buddhistischen Lehren. Er kann bestimmt erklären, was die Segensunterweisung bedeutet. Über Buddha und die Welt redet er, trinkt Yogi-Tee und weicht der Amithaba-Frage immer wieder aus. „Am besten fragst du einen Mönch“, sagt er zum Schluss. Zurück am Stand hat der gerade keine Zeit, er muss weiter Gipsfiguren verteilen.

„Flugzeuge? Einstellungssache!“

Christoph aus Dortmund gibt sich alle Mühe, einem Laien die Bedeutung der Segensunterweisung verständlich zu machen. Es sei wohl für jeden etwas anderes, meint er, aber es gehe um eine Sinneserfahrung in der Meditation. Er fügt tröstend hinzu, dass man vieles in der buddhistischen Philosophie erst versteht, wenn man es mehrfach gehört hat; seit achtzehn Jahren beschäftigt er sich damit.

It brings you happiness

Der vom Dalai Lama vorgetragene Text über „Die mittleren Stufen der Meditation“ ist keine leichte Kost. Was ist der Geist? Wie kann ich bewusster leben? Was bedeutet Weisheit? Großes Fragen im großen Stadion. Das droht die Bühne samt Dalai Lama zu verschlucken. Alle zwei Minuten wird seine Stimme vom Lärm der Flugzeuge übertönt, die sich im Sinkflug auf den Frankfurter Flughafen befinden. „Welche Flugzeuge?“, sagt einer. „Das ist Einstellungssache!“ Die Zuhörer hören angestrengt zu: Auf den Stühlen oder auf der Wiese sitzend, mit geschlossenen Augen, aufgestütztem Kopf, dem Blick an der Decke oder im Textheft. Manche im Lotussitz, die Hände im Schoß, daneben die Schuhe im Gras. Ob sie besser verstehen?

Der Witz ist in der Übersetzung verlorengegangen

Der Dalai Lama spricht unentwegt, oben auf seinem Thron. Die Passagen sind lang, bevor er den Übersetzer zu Wort kommen lässt. Er zieht die Augenbrauen hoch und gestikuliert; nur rechts, die linke Hand ruht im Schoß. Dabei wiegt er seinen Oberkörper hin und her, die Beine sind unangestrengt übereinander geschlagen. Immer wieder das spitzbübische Lachen. Das Publikum lacht mit, obwohl kaum jemand den Singsang der tibetischen Sprache versteht. Wenn der Übersetzer schließlich verstummt, lacht niemand. Der Witz ist in der Übersetzung verlorengegangen. Nicht so wichtig: Es geht um die Ausstrahlung Seiner Heiligkeit, und die steckt an.

In der Mittagspause folgt der Praxistest in Mitgefühl und Selbstbeherrschung. Lange Schlangen bilden sich: vor den Toiletten, der Essensausgabe und Getränkeständen. Auch in spirituellen Sphären wollen Grundbedürfnisse befriedigt sein. Das Lächeln ist einigen vergangen. Tolle Organisation! Aber es geht ja um den Dalai Lama. Auch an den Verkaufsständen kann man Mitgefühl zeigen, indem man Orang Utans auf Borneo rettet. Oder ein Scherflein in die durchsichtigen Plastikwürfel wirft: eine Spende für die Veranstaltung, die ohne Sponsoren auskommen muss.

Der Geist will nicht mehr erwachen

Nach weiteren zwei Stunden Unterweisung strömt die Mehrheit der Besucher zu den Ausgängen. Einige Dutzend stellen sich brav in die nächste Schlange, um den Roundtable-Diskussionen zu lauschen. Es geht um die neurologischen Vorgänge im Zustand der Meditation und den Begriff der Erleuchtung. Ein Zuhörer berichtet im Plenum von einer soeben erlebten Erleuchtung: „Der Tisch, an dem die Referenten sitzen, ist nicht rund, sondern viereckig.“ „Was soll die Scheiße!“, kommt es von hinten.

Der nächste Programmpunkt verspricht mehr Entspannung: Übungen in buddhistischer Meditation. Auf einem Stuhl sitzend soll man die Dinge ansprechen, die einen an diesem Tag geärgert haben. Welche Hoffnungen wurden da nicht erfüllt und warum? Ein Flugzeug donnert vorbei. Der Nacken zwickt. Endlich: Ein Glöckchen verkündet das Ende der Meditation. Doch der Geist will nicht mehr erwachen. Kapitulation. Auf dem Weg zum Parkplatz kehrt die Aufmerksamkeit noch einmal zurück. Rote Lettern auf weißem Shirt: „Jesu Blut für Dich vergossen“. Kurt hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Menschen hier auf den richtigen Weg zurückzubringen: „Es gibt nur einen Gott. Vielleicht erkennt das auch der Dalai Lama noch.“ Der rechte Weg führt aber vorerst zum Ausgang.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel