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Cybermobbing Lästern leicht gemacht

27.01.2011 ·  Andere aufs Schlimmste beleidigen, aber selbst anonym bleiben: Mit diesem Versprechen lockt eine Internetseite Jugendliche. Der Betreiber selbst will seinen Namen auch nicht nennen. Weil die Seite aber im Ausland gemeldet ist, ist Gegenwehr schwierig.

Von Friederike Haupt
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Der Mann, der sich Aaron G. nennt, hat eine seltsame Vorstellung von Gerechtigkeit. Wie er heißt, will er nicht verraten, wenn man ihn danach fragt. Dabei bezeichnet sich Aaron G. als „CEO“ eines Unternehmens, das es ohne Namen kaum gäbe. Aaron G. braucht Vornamen, Nachnamen und Beleidigungen. Die Menschen, die auf seiner Internetseite „Schlampe“, „Hure“ oder „die Hässlichste im 8. Jahrgang“ genannt werden, sind dort mit ihrem richtigen Namen aufgeführt. Aaron G. verfasst aber nicht selbst Böses über andere; das überlässt er Schülern in ganz Deutschland. Der „CEO“ lässt seine Internetseite von ihnen vollschreiben. Die einen lässt er lästern, die anderen leiden. Und er, Aaron G., schaut zu und zählt die Klicks. Es werden immer mehr.

Die Internetseite von Aaron G. heißt „iShareGossip.com“. Jeder darf dort Klatsch und Tratsch veröffentlichen, und damit niemand aufpassen muss, was er sagt oder wen er kränkt, wird ohne Anmeldung, angeblich anonym, gepostet. Vor allem Schüler nutzen das Angebot seit einigen Wochen immer intensiver. Zu jeder Schule können sie Diskussionsforen anlegen und dort über Klassenkameraden, aber auch Lehrer herziehen. In der Rubrik „Klingerschule Frankfurt“ etwa fragt jemand, was von einem bestimmten Lehrer – sein Nachname wird genannt – zu halten sei. Er „soll mal endlich zu rente gehen der pedo“, antwortet ein Schüler, ein anderer schreibt: „Der macht einen auf playboy bei den mädchen, am ende lässt er sie sitzenbleiben hahaha“. Siebtklässlerinnen müssen Diskussionen darüber ertragen, ob sie womöglich „gut blasen“, ob sie die Hässlichste im Jahrgang sind oder billige Kleidung tragen. Achtklässler, die keine Freundin haben, werden als „schwul“ bezeichnet, andere als „Opfer“. Der volle Name der Jugendlichen steht häufig in den Einträgen. Wer sie geschrieben hat, bleibt dagegen geheim: „egal, ob ein Polizist, ein Lehrer/Direktor oder ein Anwalt anfragt“, heißt es auf der Startseite, und dann, in Großbuchstaben: „Wer etwas anderes behauptet, ist ein Lügner und will euch Angst machen.“

Firmensitz ist eine „Suite“ in einem neuseeländischen Gewerbegebiet

Die Behauptung kann sich Aaron G. erlauben, weil aus Deutschland zunächst wenig gegen seine Seite unternommen werden kann. Das Impressum nennt eine Adresse in Neuseeland, angemeldet wurde sie über einen anonymen Dienst in den Vereinigten Staaten. Der Speicherplatz für die Website wurde ebenfalls bei einer Firma in Amerika gemietet, wie die Organisation „jugendschutz.net“ mitteilt. Sie überprüft, ob Jugendschutzbestimmungen im Internet eingehalten werden, und schreitet ein, wenn es nötig ist. Und bei „iShareGossip.com“ ist es nötig: Man habe das Unternehmen, das Aaron G. Speicherplatz zur Verfügung stellt, angeschrieben und gebeten, die Seite wegen Verstößen gegen seine allgemeinen Geschäftsbedingungen („keine beleidigenden oder belästigenden Inhalte“) zu löschen, sagt Hanna Wittstadt von „jugendschutz.net“. Man habe den Fall auch den Landeskriminalämtern gemeldet: „Wir hoffen, dass sie Möglichkeiten haben, den Betreiber der Website im Rahmen eines Strafverfahrens, zum Beispiel wegen Beleidigung, zu ermitteln.“

Aaron G. hat also gute Gründe, seinen vollen Namen nicht zu nennen. Fragen dieser Zeitung zu seiner Seite beantwortet er nur per E-Mail und gibt auch im Impressum zwar die Adresse einer „Suite“ in einem neuseeländischen Gewerbegebiet an, nicht aber eine Telefonnummer. Dass er seine Antworten auf die Fragen – auf Deutsch – schickt, wenn in Neuseeland noch sehr früher Morgen ist; dass die Internetseite sich nur an deutschsprachige Schüler richtet; und dass Aaron G., lebte er wirklich in Neuseeland, seinen Namen unbesorgt nennen könnte, lässt vermuten, dass er nicht so weit weg ist, wie es scheinen soll. Außerdem verplappert Aaron G. sich in seiner E-Mail-Antwort.

Schon im September wurde im Netz für die Seite geworben

Das, was auf seiner Internetseite geschieht, sei nämlich „die Schuld des Systems in dem wir“ – also auch er – „leben“. In Sierra Leone beispielsweise würde die Seite, die sich als „Spiegel der Gesellschaft“ betrachte, „sicher nicht“ funktionieren, schreibt Aaron G. und meint damit wohl, dass in einer „kapitalistischen Konsumgesellschaft“, wie er sich ausdrückt, Jugendliche keine anderen Sorgen hätten, als Beleidigungen im Netz zu verbreiten. Die Fähigkeit, verantwortungsvoll mit einer Seite wie seiner umzugehen, sei „stark begrenzt“. Dass er selbst oder Mitarbeiter schon seit September vergangenen Jahres die Seite fleißig in verschiedenen Internetforen beworben haben, verschweigt er: „Es ist ratsam die Seite an Mädchen zu verschicken, da diese meist die größten Tratsch-Tanten sind“, empfahl dort etwa jemand, der auch Screenshots einfügte, um zu zeigen, was die Nutzer erwartet.

An seine Glaubwürdigkeit verschwendet Aaron G. offenbar auch sonst nicht viele Gedanken: Auf die Frage, wie viele User seine Seite täglich besuchten, antwortet er, sie habe „momentan über 20 000 Besucher täglich – Tendenz steigend“. Gleichzeitig verspricht er auf der Seite, IP-Nummern würden dort „nie“ gespeichert – also die Nummern, die die Adressen der Computernetze im Internet sind. Wie er seine User also gezählt haben will, lässt er offen. Stattdessen weist er darauf hin, dass Opfer von Schmähungen eine E-Mail mit der Bitte um Entfernung senden könnten. Mit einer Mischung aus Arroganz und Rechtschreibschwäche ergänzt Aaron G.: „Es muss sich jedoch korrekt ausdrücken, ansonsten können wir Beiträge nicht löschen.“

„Das Projekt kann sich in alle Richtungen entwickeln“

Dass das nicht stimmt, weiß Sidney Langer. Der 18 Jahre alte Auszubildende aus Wiesbaden wurde vor wenigen Tagen Opfer haltloser Beleidigungen, die auf „iShareGossip.com“ jemand über ihn verbreitet hatte. Seiner Beschwerde per Mail folgte zwar schnell die Löschung des Eintrags. Doch Langer, der sich bei Facebook mit anderen Betroffenen zusammengeschlossen hat, hört von ihnen, dass auf viele Meldungen nicht mehr reagiert wird: „Wahrscheinlich sind die überlastet.“ Obwohl an vielen Schulen schon vor der Seite gewarnt wird und sie am Dienstag und Mittwoch durch Hacker zeitweilig lahmgelegt wurde, werden die gehässigen Sprüche – und oft heimlich aufgenommenen Fotos, die ebenfalls veröffentlicht werden können – nicht weniger.

„Alles in allem ist das Projekt ziemlich groß gedacht und kann sich in alle Richtungen entwickeln“, hieß es noch im September 2010 in einem Foreneintrag, der für die Seite warb. Langer vermutet, ein Blogger habe versucht, die amerikanische Fernsehserie „Gossip Girl“ zu kopieren, in der eine anonyme New Yorkerin über die Verfehlungen einer Gruppe verwöhnter Jugendlicher bloggt. Immerhin scheinen nicht alle Besucher von Aaron G.s Seite vom Konzept überzeugt zu sein: Ein Jugendlicher aus Berlin schreibt dort, die Lästereien zeugten „einfach nur von Hobbylosigkeit und Dummheit. Beschäftigt euch mit was anderem. Da sind ja sogar Hausaufgaben noch besser.“

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