21.08.2007 · An diesem Donnerstag beginnt die Games Convention. Dann werden Computerspieler aus ganz Deutschland nach Leipzig pilgern. Fast jeder von ihnen hat schon einmal Counterstrike gespielt - und mit „Killerspielen“ die Nacht zum Tag gemacht. Rainer Schulze hat sich in die Welt der Ego-Shooter gewagt.
Von Rainer Schulze, FreiburgUm drei Uhr nachts wird es zappenduster. Erwischt, Kopfschuss von hinten. So schnell geht das also. Der Gegner entfernt sich im Laufschritt, dann ist es ruhig. Die Hände, die noch auf Computermaus und Tastatur ruhen, sind schwitzig, Counterstrike setzt Adrenalin frei. Am Freitagabend ist das Wochenende noch jung. Eigentlich ein klassischer Ausgehabend, aber manche amüsieren sich lieber daheim. Mit „Killerspielen“: Counterstrike, Doom, F.E.A.R., den Ego-Shooter-Spielen, die viele nur vom Hörensagen kennen.
Dank Internet sind die Freizeitkrieger dabei zwar nicht allein, wohl aber auf sich gestellt. Sie treffen sich auf Spielservern, tauschen Botschaften aus, töten einander mit Grußwort: „Peng, du bist tot!“ Wer sind die Kämpfer? Vereinsamte Verirrte? Zeit, sie einmal zu treffen. Die Basis ist Freiburg, der Tarnname „Hotzenplotz“ wie der Räuber aus dem Kinderbuch. Es wird eine lange Nacht.
Die Amokläufer spielten Counterstrike
Die Amokläufer in Emsdetten, in Erfurt - sie spielten Counterstrike. Und dann waren da noch die Fälle von Jugendlichen, die mit Amokläufen in Schulen drohten, meist Außenseiter, ohne Freundin, ohne viele Freunde, auf sich und ihr Spiel konzentriert. So stellt sich Hotzenplotz also seine Gegner vor: pickelgesichtige Sechzehnjährige, die sich hinter den Computer klemmen, weil niemand sonst etwas mit ihnen zu tun haben möchte, die Ego-Shooter oder, genauer, First-Person-Shooter spielen, bei denen - wie Wikipedia möglichst neutral formuliert - „die Darstellung einer frei begehbaren, dreidimensionalen Spielwelt durch die Augen eines menschlichen (oder humanoiden) Spielercharakters, also in Egoperspektive erfolgt und der Spielverlauf schwerpunktmäßig geprägt ist durch den Kampf mit verschiedenen Schusswaffen gegen eine Vielzahl von unterschiedlichen Gegnern bzw. Monstern“.
Hotzenplotz' Führer durch die Ego-Shooter-Welt ist „Lucky Luke“, ein passionierter Computerspieler, nach dem Zivildienst im Behindertenheim ein angehender Grundschullehrer. Man kann nicht sagen, dass nichts Friedliches aus ihm geworden ist. Früher spielte er ausgiebig „Killerspiele“, Counterstrike bis zum Geht-nicht- mehr. Irgendwann wurde es langweilig. Heute ersetzt der virtuelle Pokertisch das Spiel, wenn die Augen nicht zufallen wollen. Eine halbe Stunde vor Mitternacht sitzen Hotzenplotz und Lucky Luke dran. Eine lange Liste zeigt an, welche Server verfügbar sind und wie viele Freizeitkrieger sich eingeloggt haben. Es sind Hunderte. Da tummeln sich „Frittenbude“, „Schlachthof“ und „Organspende“. Ein Eintrag: „Viel Spaß beim Metzel-Wettstreit.“ Die Szene zeigt schwarzen Humor.
Maschinenpistole, Schrotgewehr, Granaten, Pumpgun
Hotzenplotz bleibt kaum Zeit, sich zu orientieren. Hier spielen Profis. Während Hotzenplotz noch das Waffenarsenal sichtet - Maschinenpistole, Schrotgewehr, Granaten, Pumpgun -, biegt schon der erste Gegner um die Ecke. Er kennt keine Gnade. „Peng, du bist tot.“ Das geht zu schnell. Hotzenplotz macht einen Schritt zurück, schafft sich eine eigene, unbevölkerte Welt, in der er üben kann.
Unschuldig ist Hotzenplotz nicht. Als Zwölfjähriger hatte er den ersten Computer, unter Freunden wurden Spiele getauscht. „Summergames“, „Pac Man“ - und Wolfenstein, die Mutter aller Ego-Shooter-Spiele. Als gefangener amerikanischer Soldat marschierte er durch einen Nazi-Bunker wie auch bei Counterstrike in strenger Ich-Perspektive. Mit dem Joystick ging es durch eine wackelige Grafik, hinter jeder Ecke lauerten deutsche Schäferhunde oder SS-Männer. Aus dem eigenen Bewusstsein tritt man auch bei Counterstrike erst nach dem finalen Schuss. Nach dem eigenen Tod darf man den allwissenden Erzähler spielen und zuschauen, wer unter den verbliebenen Teilnehmern siegt - die „Terroristen“ oder die „Cops“.
Zeit, sich dem Kampf zu stellen
Hotzenplotz übt also erst einmal nur für sich, muss die Steuerung erlernen wie ein Kind das Laufen. Durch wunderbare Landschaften rennt nicht die Figur, sondern der Spieler selbst, so fühlt es sich an. Es geht durch alte Waggonschuppen, Büros oder Ruinen, die der Maya-Stadt Chichén Itzá ähneln. Im Kopfhörer donnert das Geräusch der eigenen Schritte. Und die Schüsse! Wenn Hotzenplotz durch die Kanalisation rennt, spritzt das Wasser, knirschend geht es durch den Schnee, „klong, klong“ über ein Gitter. Wenn Hotzenplotz auf einen Autoreifen schießt, setzt der sich holpernd in Bewegung. In Ölfässern hinterlässt das Maschinengewehr Einschusslöcher. Das Telefon zerbirst in Stücke. Der Bürostuhl kippt vornüber.
Irgendwann hat man es raus, das Rennen, Springen, Ducken, Schießen. Dann ist es Zeit, sich dem Kampf zu stellen. Noch sind es nur vom Programm erzeugte Gegner, denn an echte Kombattanten wagt er sich noch nicht heran. Drei Gestalten rennen um die Ecke, die Waffe im Anschlag. Ein Mausklick und Hotzenplotz ballert wild drauflos. Es hilft nichts, das Fadenkreuz verrutscht, er liegt rücklings auf dem Boden. Noch mal! Jetzt rennt Hotzenplotz gleich drauflos, sucht Schutz, um in Ruhe zu zielen. Er erklimmt eine Feuerleiter, dann außerhalb seines Gesichtsfelds ein Schuss. Erwischt, Kopfschuss von hinten. Hotzenplotz stöhnt. Lucky Luke lacht: „Auch für dich wird der Krieg noch ganz normal werden.“
Sieht man die Welt mit anderen Augen?
Das reicht fürs Erste, die nächste Prüfung kommt morgen. Es gibt auch noch ein wirkliches Leben. Und in dem müssen die Freunde auf dem Weg zum Frühstück im Café über den Markt. Es ist Samstag, es wird gedrängelt, geschubst, geschoben. Schrecklich. Die Fußgängerzonenfrusthymne von Tocotronic kommt in den Sinn. „Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam?“ Oder sieht man vielleicht als Counterstriker die Welt mit anderen Augen?
Zurück am Computer, wählt sich jeder auf einem anderen Server ein. Irgendwann hat Lucky Luke die Welt gefunden, in der Hotzenplotz rennt, Handgranaten wirft und Bomben legt. Mit einem Headset können die Spieler miteinander kommunizieren. „Ich sehe dich.“ Die Stimme im Kopfhörer klingt metallisch, vom Computer verfremdet. „Erschieß mich nicht.“ Gleich liegt Hotzenplotz am Boden. „Ich habe doch extra neben deinen Kopf gezielt.“ Lucky Luke lacht, künstlich, als wäre ihm das jetzt irgendwie unangenehm. Erschossen vom Freund. Es geht weiter.
„Na, ihr potentiellen Amokläufer?“
Die Hemmungen sind weg. Hotzenplotz testet das Programm. Was passiert, wenn man die virtuellen Geiseln erschießt, statt sie aus der Hand der Terroristen zu befreien? Eine Warnmeldung poppt auf: „Wird noch eine Geisel eliminiert, werden Sie von diesem Server entfernt.“ Greift man die eigene Gruppe an, viele tun das aus Versehen, erscheint ein kurzer Text: „Hotzenplotz hat einen Freund eliminiert.“ Die Mitspieler rächen sich. Beim Neustart die Revanche: „Hier, du Nutte!“
Hotzenplotz will die Mitspieler reizen. Doch kaum jemand reagiert auf die Textbotschaft, die am Bildschirmrand für alle Spieler sichtbar erscheint: „Na, ihr potentiellen Amokläufer?“ Die Kommunikation ist auf ein Minimum beschränkt. Wird ein Gegner aus dem Weg geräumt, lassen sich „Homer Simpson“ oder „Luzifer“ nur zu „hehe“ oder „lol“ (laughing out loud) hinreißen. Auch der Kopfhörer bleibt meist stumm. Dann und wann sind einige Araber, Franzosen oder Amerikaner zu hören, die sich unterhalten. „Three left“, „I'll take him“. Wie im Krieg. Manchmal brutaler: Wenn ein Spieler schon erschossen am Boden liegt, hält der andere gerne noch zehnmal drauf. Als Hotzenplotz mal nicht aufpasst, wird er mit einem Messer massakriert. Diesmal rafft sich Hotzenplotz nicht wieder auf. Benommen fährt er den Computer herunter. Ein schales Gefühl vergeudeter Zeit.
Öhm, aha...
Markus Leibold (MSL)
- 21.08.2007, 21:57 Uhr
Hm
Frederik Zysk (mfred1)
- 21.08.2007, 21:57 Uhr
rofldiekatz!?
Hans Jensen (gent1)
- 21.08.2007, 22:08 Uhr
Vielen Dank...
Sören Jentzsch (Manni2k)
- 21.08.2007, 22:09 Uhr
Ja
Alexandros Tsuvaltzidis (nesTo)
- 21.08.2007, 22:57 Uhr