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„Costa Concordia“ Auf dem Seitenaltar liegen die Rettungswesten

12.02.2012 ·  Einen Monat nach der Havarie er „Costa Concordia“ wird nun endlich das Schweröl aus dem Kreuzfahrtschiff abgepumpt. Reederei und Bewohner der Insel halten zusammen.

Von Jörg Bremer, Giglio
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Längst hat sich Rost um das meterlange Loch am Bug der "Costa Concordia" gebildet. Noch immer liegt der Kreuzfahrtriese gestrandet vor der Insel Giglio, 2400 Tonnen Treibstoff in den Tanks. Ein französischer Diplomat geleitet ein Ehepaar aus der Heimat zum Hafen: Wie starb unsere Tochter Mylène, wo liegt ihr Leichnam? Derweil bereitet der katholische Priester von der Kirche über dem Hafen, Don Lorenzo, die Liturgie für diesen Montag vor. Dann liegt die Havarie genau einen Monat zurück. Mehr als 4200 Menschen mussten von Bord gehen, nachdem Kapitän Francesco Schettino die "Costa" dicht vor der Küste gegen einen Felsen gelenkt hatte. Bisher wurden 17 Leichen geborgen. 15 Menschen werden noch vermisst, unter ihnen sechs Deutsche. Der Chor studiert in der Sakristei das Mozart-Requiem ein.

Am Hafen von Giglio herrscht geschäftiges Treiben: Leute der Küstenwache, Rettungsteams der Feuerwehren, Techniker des italienischen Unternehmens Neri, die mit der holländischen Bergungsfirma Smit am Sonntag endlich mit dem Abpumpen des Treibstoffs beginnen. Immer wieder fahren ihre Boote zur "Concordia" und zum Ponton mit dem Kran, von dem aus abgepumpt werden soll.

Im Speisesaal des Hotels "Bahamas" umlagern derweil die Bürger von Giglio Reederei-Chef Pier Luigi Foschi. Vom Fenster aus kann man das Wrack gut sehen. Sie streiten nicht mit dem Boss der Reederei, deren schmutziges Kreuzfahrtschiff die Insel bedroht. Der 63 Jahre alte Direktor spricht dieselbe Sprache wie sie. "Ich kann nur in Demut sagen, dass wir Schuld auf uns geladen haben. Ihr wart die Helden. Habt Dank für alle eure Hilfe! Ich darf euch auch sagen, dass ich seit dem Tod meiner Mutter nicht mehr so geweint habe wie nach diesem Desaster." Alessandro aus dem Dorf antwortet: "Wir sind hier alle Seeleute, so wie Sie. Man kann sich mal zanken, aber bei einer Havarie müssen wir alle zusammenhalten."

„Auf unserer Insel wird es nie mehr so sein wie früher“

Die Leute stellen Foschi den jungen Inder Kevin Rebello aus Mailand vor. Kevin ist scheu, geht dann aber doch nach vorn und erzählt, dass er seinen Bruder Russel, der zur Mannschaft gehörte, seit dem Unglück vermisse. "Haben Sie Dank für alle Ihre Mühen", sagt er zu Foschi, "aber ich trauere um meinen Bruder." Kevin will so lange in Giglio bleiben, bis das Schicksal von Russel geklärt ist. Er weint, wird umarmt, und von irgendwo sagt eine Stimme: "Du gehörst längst zu uns, bleib bei uns." Ein Mann namens Pedro sagt zu Foschi: "Wenn ich das Schiff dort sehe, geht es wie ein Stich durch den Leib. Auf unserer Insel wird es nie mehr so sein wie früher. Bitte, bringt das Wrack komplett weg."

Foschi sagt, die Reederei wolle das Schiff nach dem Abpumpen des Treibstoffs und der Schmieröle wegziehen. Bis zum 3. März könnten sich dafür Firmen bewerben. Dann werde "Costa" zwei Wochen die Angebote prüfen, drei Tage öffentlich diskutieren und entscheiden. Ein weiterer Bürger fragt ihn, was denn geschehe, wenn das Abpumpen schiefgeht. "Das darf nicht passieren. Geld spielt dabei keine Rolle." Auch an Abfindungen für die Menschen auf Giglio müsse gedacht werden. Foschi gelobt "totale Transparenz".

Mit einem halben Knoten „wäre kaum etwas passiert“

Mario Pellegrini, der stellvertretende Bürgermeister, meint, es helfe nichts, wenn jetzt die Mega-Katastrophe an die Wand gemalt werde. Er gibt Schettino alle Schuld an der Havarie. "Ich bin zwar nur Weinbauer, aber wir sind gewöhnt an die nahe der Küste kreuzenden Riesen, wie die Menschen in Venedig oder an den norwegischen Fjorden. Wenn Schettino die "Concordia" mit nur einem halben Knoten Geschwindigkeit gelenkt hätte, wäre kaum was passiert. Aber er ist mit 16 Knoten gerast. Dann krachte es. Und er verlor den Kopf und tat nichts mehr." Seither ist Pellegrini einer der Helden von Giglio. Denn er ließ sich vom Hafen an Bord bringen. "Da herrschte Unruhe, weil jeder was anderes befahl. Ich übernahm als Bürgermeister mit einigen jungen Offizieren an Bord wie Simone Canessa das Kommando zur Rettung."

Schettino ist unter Hausarrest in seiner Wohnung an der Amalfi-Küste. Ein Gericht in Florenz lehnte den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Untersuchungshaft und den der Verteidigung auf Freilassung ab. Nach dem Unglück war Schettino zunächst inhaftiert, dann unter Hausarrest gestellt worden. Er darf die Wohnung nicht verlassen und nur mit engsten Angehörigen sprechen. Dem Kapitän werden unter anderem vielfache fahrlässige Tötung und das vorzeitige Verlassen des Schiffs vorgeworfen. Auch gegen den ersten Offizier, Ciro Ambrosio, wird ermittelt; er befindet sich auf freiem Fuß. In Giglio sieht man Schettino schon jetzt in der Hölle schmoren: "Er muss bei Tisch täglich seiner Frau erklären, warum man Schlüpfer und Nachthemd einer moldawischen Tänzerin in seiner Kajüte fand."

Die "Costa" scheint sich in das Geröll und die Felsen vor dem Grundstück des Marchese von Canossa gebettet zu haben, dessen Familie gut 100 Meter darüber im Sommer in einem ausgebauten Turm aus dem 15. Jahrhundert Ferien macht. Bei Sonnenschein und Sommerwärme würde ein Sprung ins Meer locken. Noch hängen die Liegestühle der "Concordia" an der Reling fest, die Wasserrutsche liegt schief. Messgeräte halten von zwei Felsvorsprüngen aus jede Bewegung des Wracks fest.

Likör für die Gestrandeten

"Am 13. Januar war es kalt und dunkel, pechschwarz", sagt Assunta Scotto. Die bald 70 Jahre alte Frau trat mit ihrem Mann vor fast 50 Jahren in die Dienste der Canossas ein. "Wir wurden telefonisch geweckt, und dann kam auch schon unser Schwiegersohn und zog die Menschen unten an Land", berichtet Frau Scotto in ihrem roten Arbeitskleid in der Wohnküche. "Wir haben überall Licht gemacht. Strahler vom Turm hinunter zur Küste. Da kamen die Armen hochgekrochen." Erst mussten sie die nackten Felsen überwinden, dann das Gestrüpp rund um mittelalterliche Ruinen eines Hauses für Lepra-Kranke. Der schmale Weg ist kaum sichtbar, man kann überall stolpern und fallen. Bäume warfen Schatten auf den letzten Anstieg hoch zum Turm und die Sommerterrasse. "Hier ist im Winter niemand", erzählt Assunta. "Vor einem Monat aber kamen mehr als 100 Menschen hoch, und wir hatten kaum Decken. Da war der alte Franzose mit Diabetes, der sich wunderte, dass er das überlebt hatte. Er hatte einen Schlafanzug an, mehr nicht. Wir gaben ihm alles." Sie schenkte Mirto-Likör aus eigener Produktion aus. Bis heute habe sie mit manchem der Opfer Kontakt.

In der Zwischenzeit hatte der Bürgermeister einen Shuttle organisiert, der die Schiffbrüchigen ins Dorf brachte. Zunächst in die Kirche über dem Hafen. Don Lorenzo öffnete sofort. "Aber das Kirchenschiff ist kalt, nur hier im Büro ist ein Öfchen. Und bei mir oben in der Wohnung. Genau zwei Klos gab es für 600 Menschen. Die Familien mit Kindern konnte ich zur Schwester in den Kindergarten schicken. Letztlich hatten wohl fast alle Menschen von Giglio für eine Nacht Gäste." An diesem Montag erwartet Don Lorenzo zum Gottesdienst die Leute von Giglio, Rettungsteams, Techniker und Familien der Opfer. In der Kirche auf einem Seitenaltar liegen zur Erinnerung an die Katastrophe Rettungswesten.

Letztlich müsse man dankbar sein, dass nicht noch mehr Menschen bei dem Unglück ums Leben kamen, sagt Don Lorenzo. Dafür dankt er der Jungfrau Maria. Etwa dort, wo die "Costa Concordia" den Felsen rammte, steht auf dem Grund ein vor wenigen Jahren verankertes Marienrelief, die private Stiftung einer der Familien, die eine Fähre zum Festland betreiben. An jedem 15. August krönen Taucher nach der Messe bei Don Lorenzo die "Stella Maris" mit einem Blumenkranz.

Das Schweröl muss erst erhitzt werden

Es dauerte mehr als vier Wochen, bis man am Sonntag damit begann, das Schweröl aus der "Costa Concordia" abzupumpen. Die Techniker von Smits halten sich mit Details zu dem Verfahren zurück. Der Bevölkerung auf Giglio ist es recht. Die meisten scheinen längst selbst Fachleute zu sein. An Bord seien rund 2200 Tonnen Schweröl, 185 Tonnen Dieseltreibstoff und Schmieröl. 17 Tanks direkt über dem Schiffsboden müssen geleert werden. Das soll per "hot tapping" geschehen. Dafür bolzen Taucher massive Rohrflansche an die Tanks, auf denen ein Sperrventil angebracht wird. Daran schrauben sie eine Fräsmaschine mit einer Bohrkrone an. Bei geöffnetem Ventil schiebt die Fräsmaschine die Bohrkrone vor und sägt ein rundes Loch. Die Bohrkrone wird dann eingeholt, das Ventil geschlossen, die eingedrungene Ölmenge abgesaugt und die Fräsmaschine abgenommen. Da Schweröl bei der Wassertemperatur zäh ist und sich nicht abpumpen lässt, muss der Treibstoff erwärmt werden. Dafür soll durch die neu gebohrten Löcher Dampf in die Tanks eingeleitet werden. Das verflüssigte Schweröl kann dann abgepumpt werden, während gleichzeitig durch die normalen Tanköffnungen Seewasser eingelassen wird, um das Gewicht zu halten und das Schweröl nach oben zu drücken. Nach 29 Arbeitstagen seien alle Tanks von ihrer Last befreit, heißt es auf Giglio. Offenbar muss manches Gerät eigens für dieses Wrack und seine Tanks hergestellt werden. (jöb.)

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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