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Christo-Projekt Die Tore in die Neue Welt

12.02.2005 ·  Wer den Faden der Stoffbahnen zum Anfang zurückverfolgt, der erkennt: Das Christo-und-Jeanne-Claude-Projekt in New York ist ein Kunstwerk des deutschen Mittelstands.

Von Alfons Kaiser
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Nach fünf Wochen kennt Frank Seltenheim jedes Schlagloch. Mit seinem grünen Golfkart fährt er einmal um das Harlem Meer ganz im Norden des Central Park, umkurvt die safranfarbenen Tore, drückt an einem der vielen Hügel aufs Gas und grüßt freundlich die Puertoricaner, die erschrocken aus dem Weg springen. Seltenheim, mit Robert Jatkowski Chef der Berliner Firma Seilpartner, muß wieder einmal schnell zur Besprechung am Boathouse in der Mitte des elend langen Parks, über Schleich- und Schlammwege.

Das nur wenige Stunden, bevor das Christo-und-Jeanne-Claude-Projekt "The Gates" eröffnet wurde und Hunderte von Mitarbeitern mit Stangen an den Schlaufen zogen, die an den Querbalken der 7500 Tore die safrangelben Vorhänge noch zusammenhielten. Danach fielen die mehr als zweieinhalb Meter langen Gewebe von den 4,87 Meter hohen Toren herunter, die im Abstand von drei bis viereinhalb Metern an ausgewählten Fußwegen stehen. Hunderttausende werden durch die Tore flanieren und sich strecken, um die Tücher zu fassen, ein gutes Stück deutscher Wertarbeit. Man kann sich sogar mit seinem ganzen Gewicht an die Gewebebahnen hängen.

Auf die Deutschen will Christo nicht verzichten

Frank Seltenheim, der meist dort arbeitet, wohin kein Kran kommt, also zum Beispiel auf dem Dach des Sony-Centers am Potsdamer Platz, war schon dabei, als Christo und seine Frau 1995 den Reichstag verhüllten. Er brachte den schweren Stoff in Form. Seitdem kennen die Künstler die Kraxler. Zwar beschäftigen die Christos für ihre Projekte meist Einheimische - bei "The Gates" haben amerikanische Firmen die Stahlfüße für die Tore, die Aluminiumgußteile, die PVC-Stangen geliefert. Zwar gibt es hier im Central Park nichts zum Klettern. Aber auf die Deutschen will Christo seit dem Reichstag nicht verzichten. Deshalb organisiert Seltenheim hier im Norden, auf Höhe der 102. bis 110. Straße, den Aufbau der Tore und hat sechs Mitarbeiter aus Berlin mitgebracht. Und deshalb ist er nicht allein: Die zwei Wochen dieses Kunstwerks werden zu einer Art Klassentreffen der deutschen Christo-Schüler. WGF Colcoton-Garn Hasenack & Co. KG in Wuppertal, J. Schilgen GmbH & Co. KG in Emsdetten, Bieri Zeltaplan GmbH in Taucha, Wolfgang Volz Fotografie in Düsseldorf und Seilpartner Gesellschaft für seilunterstütztes Arbeiten mbH in Berlin - alle sind da. "The Gates", die Tore, sind, inklusive der beiden Künstler, die aus Bulgarien und Frankreich stammen, ein Produkt des alten Europa, das nun durch die strahlend drapierten Tore Einzug hält in der Neuen Welt.

Frank Seltenheim lacht. So hat er es noch nicht gesehen. "Es ist aber schon absurd: Vor anderthalb Jahrzehnten stand noch die Mauer, und heute mache ich als Ostdeutscher hier bei diesem Kunstwerk mit." Vielleicht kommt deshalb gerade eine Reporterin der BBC mit Kameramann durch den Park gelaufen, froh, endlich den richtigen Deutschen gefunden zu haben. Seltenheim spricht ihr ins Mikrofon, daß man bei einem solchen Job mit mehr Liebe bei der Sache sei als bei normalen Aufträgen. Was er ihr nicht sagt: daß die amerikanischen Arbeiter nicht ganz so gut zu motivieren sind wie die deutschen, daß er beim Gabelstaplerfahren angehalten wurde, weil er keinen Gewerkschaftsausweis als Fahrberechtigung vorzeigen konnte, daß er froh war über seine sechs Jungs vom Prenzlauer Berg, die zur Not die 300 bis 400 Kilogramm schweren Stahlfüße mit dem Brecheisen alleine ein paar Meter verrücken. Frank Seltenheim sagt all das nicht. Er ist nett und ruhig und loyal. Die Reporterin lächelt zufrieden und zieht weiter.

Anfang des Fadens in Wuppertal

Wenn man die Vorhänge aufdröselt und den Faden des Projekts zurückverfolgt bis an den Anfang, gelangt man nach Wuppertal. Nun gut, das Filament stammt aus den Niederlanden, vom Chemiefaserhersteller Acordis. Aber von dort wurde es ganz schnell nach Deutschland gebracht, zu Klaus Hasenack, Geschäftsführer und Inhaber von WGF Colcoton-Garn Hasenack & Co. KG. Gegründet 1898, seit 1930 im Familienbesitz, Umsatz bei zwölf Millionen Euro, in Wuppertal 65, in Zittau 16 Mitarbeiter. Der Christo-Auftrag war gar nicht so klein: 44000 Kilogramm Polyamid-Garn brachten einen Umsatz von 308000 Euro. Sechzig Arbeitstage lang haben zehn Leute in Wuppertal daran gearbeitet. Zweieinhalb Tonnen Farbstoff stecken in dem Projekt. 27000 Spulen wurden auf einen Färbeträger aufgesteckt und siebenhundertkilogrammweise gefärbt - mehr Garn geht nicht in einen Färbekessel. Eine gefärbte Partie muß genau an die nächste passen. Das ist gar nicht so einfach, denn sechzigmal nacheinander mußten die Garnfärber den Farbton aus drei Grundfarben mischen. Die chemische Reaktion von Farbstoff und Polymer ist aber immer wieder anders. Safrangelb ist nicht safrangelb. Am Wochenende, wenn die Fahnen flattern, wird man sehen, ob man auch das sehen kann. Und nach zwei Wochen wird man sehen, ob die Farbe auch ihren größten Feinden widerstanden hat, der Feuchtigkeit und dem Sonnenlicht.

Dann zog das Garn weiter, von Wuppertal nach Emsdetten im Münsterland, zu Stephan Schilgen, Chef der J. Schilgen GmbH & Co. KG, 130 Mitarbeiter, 25 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Auch er ist lange dabei, als Fan sogar schon sehr lange. Das erste Mal sah er ein Christo-Werk als Schüler auf der Documenta in Kassel 1968, das "5600- Kubikmeter-Paket", eine bizarre Kolossalsäule aus luftgefülltem Synthetikstoff. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium trat er ins Familienunternehmen ein. Früher hatte die Firma Naturfasern wie Leinen und Jute verarbeitet. Dann kamen mit den Kunststoffen Jahrzehnte der Umstellung. Textilunternehmen suchten neue Märkte. Da fiel Schilgen Christo ein. 1992 schrieb er ihm einen Brief. Christo war angetan von dem Stützgewebe für Kammerfilterpressen. Es war etwas steif und schwer, aber genau das brachte den schweren Faltenwurf für den Reichstag. Christo bestellte 117000 Quadratmeter Polypropylen, 600 Gramm pro Quadratmeter. Für die 170 verhüllten Bäume 1998 bei Basel lieferte Schilgen 60000 Quadratmeter sehr leichte Gewebe, nur 60 Gramm pro Quadratmeter und transluzent: Wenn die Sonne dahinterstand, konnte man durchschauen, wenn die Sonne draufschien, war es dicht wie Blei. Und nun "The Gates". Insgesamt 104001 Quadratmeter leichten Gewebes, 360 Gramm pro Quadratmeter, Polyamid, das man ähnlich auch für Teppiche oder Rucksäcke nutzt. Es ist fest und witterungsbeständig und soll im Wind leicht schwingen. Christo war kaum ein anderer Auftrag als der glasfaserverstärkte Kunststoff, die Filtration für Müllverbrennungsanlagen, der Unterbau für Teppichböden oder Hockeyfelder, die Schilgen sonst herstellt. Aber die Tore sind auch ein Zeichen. Die deutschen Weber haben starke Konkurrenz. Die Textilindustrie ist extrem geschrumpft. Vieles wandert nach China. Der Vorsprung wird immer kleiner. "Vor Jahren", sagt Schilgen, "gab es in Europa an die 100 Jutespinnereien und -webereien. Seit etwa zehn Jahren gibt es hier keine Spindel mehr. In Indien wachsen die Rohstoffe, es gibt das Produktions-Know-how, und die Lohnkosten betragen etwa fünf Prozent von unseren. Wir sind heute der letzte Weber in Europa, der noch große Mengen Gewebe herstellt." Die Tore öffnen den Blick auf die Zukunft: Jetzt ist mit den Christos "Over the river" in Planung, Stoffpaneele auf 10,7 Kilometern Länge über den Arkansas River in Colorado. Die Gewebe sind weitgehend besprochen. Wie üblich gibt es Genehmigungsprobleme. Schilgen muß warten. Zwischendurch erfeut er sich an den New Yorker Toren. Seit Freitag ist er in Manhattan. Eine Woche will er bleiben. "Das wird hoffentlich reichen, die 37 Kilometer einmal abzugehen."

Ein Jahr Arbeit für zwei Näherinnen

Vom Münsterland zog sich der deutsch-deutsche Faden nach Ostdeutschland. Zwischen Herbst 2003 und Juli 2004 fuhren die Lastwagen das noch unbearbeitete Gewebe zum Nähen nach Sachsen. Zu Ramona Höfler, seit 1986 auf dem Posten, zunächst bei VEB Favorit, jetzt als Geschäftsführerin der Bieri Zeltaplan GmbH in Taucha bei Leipzig. Früher fertigte VEB Favorit auch die Armeezelte für die Nationale Volksarmee. Heute bleiben Lastwagenplanen, Partyzelte, Großzelte, Werbeplanen, Abdeckplanen. 1992 wurde die Firma von Mitarbeitern gekauft. Mitte der Neunziger kam das Unternehmen durch Billigproduzenten aus Fernost in Schwierigkeiten, Ende 1999 mußte man Insolvenz anmelden. Doch im Jahr 2000 übernahm die Schweizer Firma Bieri den Geschäftspartner, und es ging weiter. Erprobt durch den Reichstag, kam von Christo auch der nächste Zuschlag. Bei achtzehn Mitarbeitern sind eine halbe Million Umsatz kein schlechter Auftrag. "Wir haben Fachkräfte, die auf dem Markt kaum noch zu finden sind", sagt Regina Höfler. "Für die Firma ist das Projekt ein Glücksfall." Regina Höfler kommt nicht nach New York. Sie hat Roland Eilenberger geschickt, seit 1965 bei VEB Favorit, Verantwortlicher für das Christo-Projekt, seit Januar in Rente. Die Firma hat ihm die Reise zu seinem Abschied geschenkt. Am Donnerstag ist er mit seiner Frau für ein paar Tage gekommen.

Auf den bescheidenen Hof der Firma Bieri Zeltaplan kamen also 75 Rollen. Nach den Vorgaben des Künstlers konfektionierte man das Gewebe. Die Höhe stand fest. Die Breite variiert von zwei bis fünf Meter, wegen der unterschiedlich breiten Wege, die von den Toren überspannt werden. Zwei Näherinnen arbeiteten ein Jahr lang an dem Stoff, auf großen Industrienähmaschinen, mit denen man auch Campingzelte näht. Sie legten Falten und nähten sie oben ein, damit die Vorhänge dreidimensional wirken. Dann säumten sie das offenkantige Gewebe an beiden Seiten und unten. In den oberen Teil nähten sie eine dicke Schnur ein. Zwei Männer haben die Vorhänge zugeschnitten und verpackt. Vier Mitarbeiter also waren ein Jahr lang mit Christo beschäftigt - von Oktober 2003 bis Oktober 2004. Die letzten 700 Vorhänge wurden am 1. Dezember von Taucha aus per Lastwagen nach Bremerhaven gebracht. Dort verfrachtete man die Container einzeln auf Schiffe - damit im Zweifel nur einer unterging. Nach zehn Tagen waren sie in New York im Lager. In der Halle in Queens führten Helfer die oben eingenähte dicke Schnur in das Hohlprofil der Querstangen, die Kedernut, ein. So werden die Vorhänge an den Toren halten.

Wie ein goldener Fluß im Park

Schließlich gelangten die Querstangen mit den eingewickelten Vorhängen zu Frank Seltenheim und seinen Männern. Sie hatten schon die 15.000 schwarzen Stahlfüße im Park verteilt und mit roten Stäbchen versehen, damit niemand schadenersatzgerecht darüber stolpert. Nun mußten sie nur noch die Querstangen an den Holmen befestigen und das Tor auf die schwarzen Füße schrauben. Bisher ist nichts passiert. Auch Wolfgang Volz, Christos wichtigster deutscher Freund und Partner, der seit dem 2. Dezember im Park herumkurvt und vermutlich die meisten Kilometer zurücklegt, hat noch kein Tor umgefahren. Immer wieder steigt er unvermutet aus seinem Golfkart aus, greift sich die Kamera und fotografiert Helfer, Zuschauer, Stangen, Gabelstapler. Volz, eigentlich Oberschwabe, aber Düsseldorfer, 57 Jahre alt, fotografiert seit 34 Jahren die Projekte des Künstlerpaars. Er freut sich, daß er jetzt all die deutschen Helfer wieder beisammen hat, mit denen er die Stoffe und deren Zuschnitt entwickelt hat, setzt die Kamera ab und sagt: "Dieses Mal schwingt viel Nostalgie mit." Schon 1979 hat er Aufnahmen vom Park gemacht, mit denen dann Christo im Studio seine Zeichnungen und Collagen herstellt. In vielen Sitzungen mit der Parkverwaltung war er dabei. Nun genießt er jede Sekunde, dokumentiert das Projekt von Anfang bis Ende aus möglichst vielen Perspektiven. "Die Fotos bleiben schließlich am Ende im Gedächtnis." Und schon springt er wieder aus dem Golfkart und fotografiert eine Gruppe, die ihr letztes Tor aufstellt und am Ende ohne Ende jubelt.

Auch Frank Seltenheim ist im Plan. Er ist verantwortlich für sieben Teams mit jeweils acht Leuten. Jedes Team hat 100 Tore aufgestellt. Über sein Gebiet ganz im Norden des Parks ist er gar nicht unglücklich, obwohl es viele Steigungen gibt, die kein Gabelstapler bewältigt. "Unten kann man sich wegen der vielen Besucher kaum bewegen." Am Samstag, so hofft Seltenheim, wirken die Tore wie ein goldener Fluß durch den Park. Das sieht er sich noch an, dann will er weg. Das Abbauen geht zwar leichter als das Aufbauen: "Aber am Reichstag haben die Leute am Ende nur noch geweint." Das will er hier nicht erleben. Am Dienstag fährt er zurück nach Deutschland. Am Prenzlauer Berg wartet ein Büro mit noch mehr Arbeit.

Quelle: F.A.Z., 12.02.2005, Nr. 36 / Seite 9
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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