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Christina Ricci Hier sitzt sie, die Kaiserin

Christina Ricci war das schräge It-Girl am Rande des Hollywood-Mainstreams. Jetzt wird sie erwachsen: auf der Leinwand - und nicht nur da. Ein Abschied.

© REUTERS Vergrößern Die Schräge? Die Wandelbare? Christina Ricci im Februar 2012 in Berlin

Sie trippelt durch den Raum. Darf man das so schreiben? Klingt das nicht ungemein inkorrekt, herablassend? „Ziemlich kühl hier“, erklärt Christina Ricci, steht auf und - man muss es einfach so sagen - sie trippelt. Kleine, regelrecht winzige Schritte auf hohen Pumps, hin zur Klimaanlage.

Ihr ist kalt, klar, sie hat Jetlag. New York, Paris, London, jetzt Berlin. Die Promotion-Tour für ihren neuen Film „Bel Ami“, der am Donnerstag in Deutschland startet. Und sie bewegt sich, wie sich zierliche Menschen eben bewegen, wenn sie hochhackige Schuhe tragen. 1,55 Meter ist sie groß. Man könnte sie im Flugzeug im Kofferfach verstauen.

„Ich sah aus wie ein Mordopfer. Was für ein Spaß!“

Genau das ist auch passiert: Bei den Dreharbeiten zur Fernsehserie „Pan Am“, in der sie eine Stewardess spielt, hat sie ein Fotoprojekt begonnen, einfach aus Langeweile. In ihren Drehpausen posierte sie als Leiche, legte sich ins Cockpit oder zwischen die Sitze und ließ sich von einer Kollegin ablichten. Schließlich durfte sie sogar in die Ablage klettern. „Ich sah aus wie ein Mordopfer, das man nachlässig entsorgt hat. Was für ein Spaß!“

Ein Spaß und genau das, was man von Ricci erst mal erwartet: Sie ist die Kleine mit dem großen Faible fürs Absurde. Um mit acht der Star des Schultheaters zu werden, soll sie den Jungen, der für eine Hauptrolle vorgesehen war, so lange gepiesackt haben, bis der ihr eine knallte. „Danach musste er den Part an mich abtreten!“ Auch so ein Spaß, ein früher, aber bereits stilprägender.

Meerjungfrauen küssen besser / Mermaids 22 Jahre vor der Kamera: Christina Ricci 1990 in „Meerjungfrauen küssen besser“ © ddp images Bilderstrecke 

Und dann die Filme: In der „Addams Family“ war sie das morbide Töchterchen, das den jüngeren Bruder auf einen elektrischen Stuhl schnallte und sagte: „Wir spielen jetzt ,Gibt es einen Gott?’“ In „The Opposite of Sex“ verführte sie den Freund ihres schwulen Halbbruders und stürzte die ganze Familie ins Chaos. In „Monster“ gab sie die lesbische Geliebte einer Serienkillerin, und das auf so abgründige Weise, dass man am Ende nicht wusste, wer deformierter ist: die Schwerverbrecherin oder ihre hintertriebene Lolita.

Ricci hat jetzt Platz genommen, hebelt die Beine in den Schneidersitz und verwandelt den Hotelstuhl in einen Miniaturthron. Dunkelblaues Top, rote Jacke, ihr Outfit wirkt auf sehr schicke, sehr betonte Weise offiziell. Das Gesicht blass mit rotglühenden Lippen, gerahmt von kohledunklem Haar. Der Pony muss frisch geschnitten sein, eine scharfe schwarze Kante über der legendären Kuppelstirn. Dass Angelina Jolie demnächst Kleopatra spielen soll, erscheint in diesem Moment vollkommen abwegig. Hier sitzt sie doch, die Kaiserin einer sagenumwobenen Epoche. Was denken sich diese HollywoodTypen mit ihrer Besetzungspolitik eigentlich?

„Nymphomaninnen gibt es nicht.“

Ricci schaut streng, als ob sie die Gedanken ihres Gegenübers erraten hätte. Sie weiß selbst, wie man an gute Rollen kommt. Deshalb spricht man sie auf „Blake Snake Moan“ an, ihre bislang vielleicht größte Leistung. An der Seite von Samuel L. Jackson spielte sie eine White-Trash-Göre, die sich mit Alkohol und Sex an den Abgrund manövriert. Das hat Ihr Image stark geprägt, nicht wahr? Diese nymphomanen Charaktere, siehe auch „The Opposite of Sex“?

“Nymphomaninnen gibt es nicht“, unterbricht sie scharf. „Nur traumatisierte Opfer von sexueller Gewalt.“ Ricci schaut jetzt noch strenger, richtet sich auf, strafft die Schultern. Ganz klar ein Fehler: Man soll einer Künstlerin, auch wenn sie offen mit ihrem Image als Fachkraft fürs Dysfunktionale umgeht, keine ironische Haltung zu brisanten Themen unterstellen. Andererseits: War sie nicht als satirische Jungfrau Maria in einem Moby-Video aufgetreten? Hatte sie nicht eine Produktionsfirma namens „Blaspheme“ gegründet? Und war sie nicht das Mädchen, das im Filmdrama „Der Eissturm“ beim Sex eine Richard-Nixon-Maske trug?

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