07.04.2007 · Der Glaube an ein Leben nach dem Tod: Eigentlich eine sinnvolle Sache - sollte er uns doch auf Erden glücklicher machen. Erweist er sich als ein Irrtum, erleben wir's eh nicht. Und trotzdem: Viele Menschen finden die Vorstellung vom Himmel irgendwie langweilig.
Von Michael FritzenMorgen ist Ostern. Wenn Umfragen recht haben, erwartet in Deutschland nur etwa jeder zweite Christ die Auferstehung für sich. Dass das Ich, die ganze Person, aus dem Tod gerettet wird und sich wieder als Ich erkennt, bleibt, solange man lebt, eine reine Glaubensfrage. Dass mit dem Tod alles aus ist, ebenfalls.
Man kann sich also unbefangen für das eine oder für das andere entscheiden. Es gibt kein rationales Wissen, das eine Version ausschlösse. Warum aber glauben dann nicht viel mehr Menschen an die schönere Version, an die Überwindung des Todes und an den Zustand höchster, vollendeter, ewiger Seligkeit? Mit solch herrlicher Aussicht könnte man - trotz aller Ungewissheit - hienieden wenigstens „das Glück der Hoffnung auf Glück“ genießen. Schon das allein wäre ein Gewinn. Und hat man Glück, kommt es ja wirklich und für immer, das Glück. Sollte das Leben stattdessen im Nichts enden, müsste man seinen Irrtum nicht erleben.
Man kann nur gewinnen
Warum also nicht mehr von jener Hoffnung, bei der man für jetzt und dann nur gewinnen, aber nichts verlieren kann? Eine mögliche Antwort könnte sein: Vielleicht ist „ewiges Leben“ in der Vorstellung vieler - auch vieler religiöser Menschen - gar nicht so eindeutig eine wirklich uneingeschränkt schöne Version, es ist für sie so fad, dass sie es sich gar nicht oder wenn doch, dann nur ein bisschen wünschen mögen. „Ewiges Leben“ ist für viele etwas, das den Untergang des erlebten irdischen Glücks mit sich bringt, überhaupt Schluss macht mit profanen Wonnen und auch nicht das allzu oft nicht erlangte irdische Glück nachträglich bietet. Ist da das Nichts nicht besser?
Und ist „ewiges Leben“ nicht auch für manche, die noch daran glauben, ein zwar hohes Gut, aber eben ein so geistliches, frommes, asketisches, blasses, abstraktes, dass sie sich nicht richtig darauf freuen können? Bedeutet es nicht Verzicht auf alles, was lebenswert ist? „Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, nur gib sie nicht schon jetzt“, betete der Kirchenvater Augustinus als junger Mann pflichtschuldig um die für ihn so hohe wie herbe, so attraktive wie unattraktive Tugend. Die Klausel baute er ein, weil er fürchtete, Gott werde ihn sogleich erhören und ihn heilen „von der Krankheit der Begier, die ich lieber stillen wollte, als dass sie mir erloschen wäre“. So ähnlich geht es heute vielen mit dem Himmel, den Ostern verspricht. „Himmel“ heißt Verlust der Sinnenlust, ja umfassender noch als Keuschheit den endgültigen Verzicht auf alle weltlichen Freuden. Da will man nicht wirklich hin. Leben ist schöner.
Harfezupfen und ständiges Umherfliegen?
Wer Auferstehung und ewiges Leben noch für irgendwie glaubwürdig hält, fürchtet oft insgeheim eine so erhabene und farblose Gleichförmigkeit, dass er nur noch widerwillig und flügellahm hofft. „Für viele Menschen“, hat ein Theologe mal gesagt, „hat der Himmel zu wenig mit der Erde, mit diesem Leben, zu wenig mit ihren Hoffnungen zu tun. Die Langeweile seiner Ausstattung hat allmählich die Hoffnungsimpulse der Menschen überdeckt.“ Selige Schau, ewige Ruhe, unsagbare Wirklichkeit, ewiges Licht, Vereinigung mit Jesus, Maria, den Engeln und den Heiligen, Liebesgemeinschaft mit der Heiligsten Dreifaltigkeit, immerwährendes Hochzeitsmahl: Worte und Bilder, die viele kaum noch packen. Ludwig Thomas „Münchner im Himmel“ oder Witze und Redensarten über Harfezupfen, ständiges Umherfliegen und jenseitige Monotonie sind zwar übertriebene Zerrbilder, aber sie sagen einiges über gängige Vorstellungen vom „Drüben“.
Dabei gibt es tatsächlich Auferstehung. Täglich gibt es Auferstehung. Glückliche, wenn auch oft flüchtige Auferstehung aus dem matten Alltag, aus Kummer, Sorgen, Qual, Öde, schlechter Laune, Hetze oder Stress. Wenn Schmerz plötzlich nachlässt, Leid für Momente im Hintergrund verschwindet, Rettung aus größter Not geschieht, ein Lächeln umwirft, ein Gesicht bestrickt, Thymian duftet, Rosmarin blassblau blüht, Wolken aufreißen, Birken lichtgrün ausschlagen, Meisen im Nistkasten brüten, die Tomatenpflänzchen auf der Fensterbank langsam gedeihen. Unverhofftes Wiedersehen, unerwartetes Lob, erlösende Nachricht, eine geniale Idee, ein gelungener Witz, duftender Kaffee, ein kühles Bier auf heißen Durst. Wenn man versonnen zwischen Weizenfeldern radelt, einen Gipfel erklommen hat, wenn eine Melodie verzaubert, eine Geschichte in Bann schlägt, eine Pasta gelingt, wenn man den Job kriegt nach tausend Bewerbungen, mit Freunden fröhlich feiert, sich unsterblich verliebt - dann ist für kurze oder lange Augenblicke ein Stückchen vom Himmel auf Erden. Und man wünscht sich, so möge es immer bleiben. Auferstehung vor dem Tod kann jeder erleben.
Wiedersehen - bitteschön auch mit dem Dackel
Mehr von solchen täglichen Auferstehungen müsste in die Hoffnungsbilder eingehen. Nicht nur „unsagbare Wirklichkeit“, sondern viel mehr sagbare. Die Vorstellung von der Auferstehung im Tod müsste sich mit lebendigerem Leben füllen. Wenn ich „in den Himmel komme“, muss, wenn ich „ich“ bleiben soll, logischerweise alle Liebe, alles Gute, jeder Jubel, jedes Lachen dahin kommen - meine ganze Welt, geheilt und vollendet. Und es muss darüber hinaus ein nie aufhörendes Kennenlernen geben, stets unerhört Neues geschehen, immer etwas los sein, unendlich glückliche Abwechslung herrschen.
Bei weitem nicht zuletzt aber muss es ein Wiedersehen für immer mit allen Geliebten und Freunden geben. Möglichst sogar mit meinem Dackel. Und das Bewusstsein muss so weit werden, dass es das alles fassen kann. Dass dies alles und unendlich viel mehr ohne Gott nur grundlose Hirngespinste wären, versteht sich, nebenbei gesagt, von selbst. Wenn die Bilder all das bärgen und verhießen, könnte häufiger und fröhlicher an „Himmel“ geglaubt werden. Und als schöner Nebeneffekt erwiese sich die Erwartung des Lebens dort oben als hilfreiche Lebenskunst hier unten: Glück der Hoffnung auf Glück.
Ist eine vitalere Vorstellung vom Himmel gefährlich?
Es gibt nicht wenige Theologen, die das - vielleicht mit Ausnahme des Dackels - so oder wenigstens ein wenig so sehen und verkünden. Einer von ihnen hat gesagt, man müsse genug Phantasie haben, um sich den Himmel vorzustellen. Aber andere bleiben in langer Tradition zu oft grämlich, mürrisch, blass und ängstlich. Wann hat man zum letzten Mal eine Predigt darüber gehört, wie paradiesisch-irdisch, wie jenseitig-diesseitig es im Himmel ist? Man hört und liest, am besten sei es, sich gar nichts auszumalen; man vernimmt fahl-ätherische Worte und theologisch-kirchliche Begriffe, die nur Insider ansprechen; man wird ermahnt, den Gedanken einer Wiedersehensfeier nach dem Tod, bei der Gott draußen bleibe, nicht über sich Herr werden zu lassen; man wird davor gewarnt, sich das „Drüben“ zu sehr ausstaffiert mit vertrauten Wirklichkeiten vorzustellen, denn so werde die radikale Unbegreiflichkeit dessen, was mit ewigem Leben gemeint sei, verharmlost. Man dürfe das eigentlich Wesentliche, die unmittelbare Gottesschau, nicht herabstufen zu einer erfreulichen Beschäftigung neben anderen. Das und Ähnliches trifft nicht gerade ins Herz. Es trägt dazu bei, dass man sich das Jenseits nichtssagend und langweilig denkt und für gar nicht oder kaum erwägenswert und erstrebenswert hält.
Drohen denn solche Gefahren wirklich, wenn man sich den Himmel etwas vitaler vorstellt? Immerhin ist es der liebe Gott, der sich die irdischen Freuden ausgedacht hat. Unsere Erde wächst auf geheimnisvolle Weise in den Himmel. Diese Glaubensmöglichkeit weitaus weiter als bisher zu öffnen hat Zukunft. Vielleicht.