23.01.2012 · Mit viel Lärm und Raketen hat in China das neue Jahr begonnen. Es steht im Zeichen des Drachen und ist damit ein ganz besonderes. Manche Wahrsager sehen Katastrophen kommen, andere politische Umbrüche. Und die Hebammen erwarten viele „kleine Drachen“.
Von Petra Kolonko, PekingDer Drache kommt mit Donner und Regen. Seine Bewegungen sind kraftvoll und unberechenbar. Er wird als Symbol der Macht und der Herrschaft bewundert und gefürchtet. Am Montag brach im chinesischen Kulturkreis das Jahr des Drachen an. Und es begann wieder einmal mit Lärm, der Glück bringen und böse Geister vertreiben soll.
Das Getöse in der Nacht zum Montag stammte nicht von Original-Drachen, sondern von mehr als 1,3 Milliarden Chinesen, die viel Feuerwerk, ohrenbetäubenden Krach und große Festgelage veranstalteten - nicht nur in China selbst, sondern auch in den „Chinatowns“ in vielen Städten der Erde sowie in weiteren asiatischen Ländern wie Vietnam und Thailand. Und wie in der Silvesternacht in Deutschland, so mussten auch in Pekinger Krankenhäusern Extraschichten eingelegt werden, um all die Patienten mit Hand- oder Gesichtsverletzungen zu behandeln.
Dieses Mal sind sich die Auguren ungewöhnlich einig: Es steht ein außergewöhnliches Jahr bevor. Ein Drachenjahr sticht immer heraus. Denn anders als die elf weiteren Zeichen im chinesischen Tierkreiszeichen ist ein Drache eine mythische Figur. Im alten China war er das Symbol des Kaisers; nur der Kaiser durfte sich mit bestimmten Drachen-Ornamenten schmücken. Auch in der Mythologie und in den Fabeln tummeln sich Drachen, die oft magische Fähigkeiten haben - die sie manchmal zum Wohl, manchmal zum Schaden der Menschen einsetzen.
Ob der Drachen nun ein freundliches oder ein schreckliches Wesen ist, darüber ist in diesem Jahr schon eine Kontroverse ausgebrochen. Eine von der Volksrepublik in diesen Tagen ausgegebene Briefmarke, die einen bösen Drachen mit gefletschten Zähnen zeigt, entzündete Kritik im Internet: So sei ein Drache doch nicht zu verstehen, er sei doch im chinesischen Kulturkreis ein positives Symbol - und kein grausames Untier wie in der Mythologie des Abendlandes.
Tatsächlich ist das Briefmarkengesicht nur eines von vielen Gesichtern des Drachens. In Japan, das zwar Neujahr nach dem westlichen Kalender feiert, die Jahre aber auch noch nach Tierkreiszeichen zählt, sind Drachen auf Geschenken und Glückwunschkarten freundliche Kuscheltiere und Comicfiguren. Aber auch in chinesischen Kaufhäusern gibt es den Drachen mit großen runden Disney-Augen. Die Wahrsager und Feng-Shui-Meister in der Volksrepublik, in Taiwan und Hongkong sehen für das Drachenjahr große Turbulenzen vorher, Naturkatastrophen etwa oder politische Umbrüche. Damit sie noch etwas Spielraum haben, sagen manche auch, dass diese großen Veränderungen vielleicht nur eingeleitet werden.
Bisherige Drachenjahre passen in dieses grobe Raster. 1964 zündete China seine erste Atombombe. Mao Tse-tung leitete die „Große Proletarische Kulturrevolution“ des Folgejahres 1965 ein. Im Drachenjahr 1976 erschütterte das große Erdbeben von Tangshan Nordchina. Zwei Männer, die Chinas Geschicke bestimmt hatten, Mao Tse-tung und Tschou En-lai, starben. Das Drachenjahr 1988 brachte eine Liberalisierung des politischen und intellektuellen Klimas nach Jahrzehnten sozialistischer Gängelung. Die Aufbruchstimmung führte ein Jahr später zu den Studentenprotesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Für das bevorstehende Jahr Anzeichen von Unruhe und Veränderung in China zu entdecken ist nicht schwer. Der Wechsel an der Führungsspitze im Herbst ist dabei wohl noch das kleinste Ereignis. Viele Chinesen fürchten, dass die Zeiten des nahezu unendlichen großen Wachstums vorbei sind, dass die Immobilienblase platzt, dass jetzt die Schwierigkeiten kommen, auch wegen der Euro-Krise. Andere Wahrsager trösten: Der Drache stehe dieses Jahr im Zeichen des Wassers, da werde es schon nicht so schlimm kommen.
Wie der Drache sich auch gebärden wird: Nach der Neujahrsnacht waren am Montag die Straßen Pekings mit den Fetzen der Böller übersät, die Stadtreinigung hatte gut zu tun. Verkaufsschlager war eine Rakete, die einen Gold spuckenden Drachen an den Himmel zauberte. Chinesen in aller Welt bezeichnen sich selbst oft als „Kinder des Drachens“, und wer im Jahr des Drachens geboren ist, der gilt als Glückskind und Führernatur. Deswegen setzen angehende Eltern alles daran, ihr einziges Kind im Drachenjahr zur Welt zu bringen. Im letzten Drachenjahr 2000 wurden drei Millionen mehr Kinder geboren als in den Jahren zuvor. Auch für dieses Jahr erwarten die Säuglingsstationen wieder eine Vielzahl „kleiner Drachen“ - zumal da im abgelaufenen Jahr des Hasen viele Paare ihren Kinderwunsch aufgeschoben hatten.
Die große Volksrepublik also hat in Sachen Nachwuchs keine Sorgen. In Singapur dagegen ist das anders. Da appellierte sogar der Ministerpräsident zum neuen Jahr an seine Landsleute, doch mehr kleine Drachen in die Welt zu setzen.