Eigentlich wollte er Ingenieur werden. He Zeqin schiebt ein sauber gefaltetes Rechteck aus Pappkarton über den Kantinentisch. Auf lilafarbenem Untergrund steht in weißen Lettern ,Zulassungsbescheid’. Die Innenseite zeigt ein Universitätsgebäude, darunter Matrikelnummer, Datum, ein kurzer Text: „Sie sind für das Studium der Englischen Sprache und Literatur an unserer Universität zugelassen. Melden Sie sich im Sekretariat.“ Ein technisches Fach hatte er studieren wollen, aber die Prüfungsbehörde will es anders: Die Punktzahl, die bei der zentralen Hochschulzugangsprüfung erzielt wird, entscheidet darüber, wer was wo studieren darf. In China führt der Weg an eine Universität fast ausschließlich über die Hochschulaufnahmeprüfung, die Gaokao.
Ähnlich wie etwa in Frankreich wird die chinesische Hochschulaufnahmeprüfung im ganzen Land zum selben Zeitpunkt angesetzt. Bis zum Jahr 2003 war das der Juli. Wegen der Hitze, die sich dann in einigen der 23 Provinzen einstellt, wurden die Prüfungen aber inzwischen um einen Monat vorverlegt. In diesem Jahr fanden sie am 7.und 8. Juni statt. Während dieser Zeit nimmt das ganze Land Rücksicht auf seine Studenten in spe. Bauarbeiten werden eingestellt, Hup-Verbote mahnen die Verkehrsteilnehmer zur Ruhe. Auf dem Prüfstand stehen auch die Familien der Schüler. Zahllose Ratgeber, wie Eltern ihrem Kind am besten Beistand leisten können, füllen die Regale. Kaum ein Thema, das mehr Platz in chinesischen Buchläden einnimmt als die Ausbildung der Kinder.
Trotz Verrücktheit: die Zahl der Prüflinge sinkt rapide
Von umgekrempelten Ernährungsplänen über viel frische Luft zwischen den Lerneinheiten bis hin zu Tipps fürs richtige Schlafverhalten - Familie Liu hat alles ausprobiert. „Als Mutter will ich natürlich, dass meine Tochter möglichst viel Zeit zum Lernen hat und sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten muss. Im vergangenen Jahr ihrer Gaokao-Vorbereitung habe ich daher meinen Beruf aufgegeben, um ganz für sie da zu sein.“ Frau Lius Einsatz hat sich gelohnt. Die Tochter studiert inzwischen Jura an Beijings renommierter Tsinghua-Universität.
Trotz aller Gaokao-Verrücktheit, die Zahl der Prüflinge sinkt rapide: Waren es im Jahr 2008 noch etwa 10,5 Millionen Schüler, die sich der Aufnahmeprüfung stellten, registrierten sich 2012 nur noch neun Millionen. Sinkende Geburtenraten in der Volksrepublik, vor allem aber die hohen Kosten für die Prüfungsvorbereitungen und das anschließende Studium führen dazu, dass die Universitäten ihre Quoten nicht mehr erfüllen können. Das habe aber auch Vorteile, meldet die Nachrichtenagentur Xinhua: Die Universitäten gerieten finanziell stärker unter Druck und müssten mehr auf die Qualität ihrer Programme achten, um für künftige Studienanwärter interessant zu bleiben. Freuen dürfte es die Prüflinge: Sie brauchen von sofort an weniger Punkte für eine Zulassung.
Wer es sich leisten kann, geht an eine Universität im Ausland, etwa die 17 Jahre alte Chen Aoyan. Jeden Tag poliert sie ihr Englisch, um die Zulassungsprüfung für amerikanische Hochschulen zu bestehen. Sie wird nächstes Jahr nicht an der Gaokao teilnehmen, sondern sich direkt an einer amerikanischen Universität bewerben. Das ist inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr. Chinas akademischer Nachwuchs flieht nach Übersee. He Zeqin, der Ingenieur werden wollte und für Anglistik zugelassen ist, landet in Peking. Ein Platz an einer Hochschule in der Hauptstadt ist ein Erfolg, auch wenn es keine Eliteuniversität ist. Drei Tage ist er unterwegs. Schiff, Bus, Zug. Allein die Zugfahrt von seiner Heimatprovinz Sichuan dauert 24 Stunden. Er kann die Studiengebühren nicht bezahlen, nicht mal das Geld für einen Schlafplatz auf dem Campus kann die Familie aufbringen. Er fährt trotzdem. In Peking angekommen zeigt er den beglaubigten Bericht zur finanziellen Lage der Familie einem der Dozenten. Zwei Wochen später wird er ins Förderprogramm eines chinesischen Bauunternehmens aufgenommen werden und jeden Monat ein kleines Taschengeld bekommen.
Umzug vor der Geburt
Die Ursprünge des Gaokao-Systems lassen sich bis zu den Beamten-Examina ins kaiserliche China zurückverfolgen, in denen die Kandidaten zunächst in ihren Heimatstädten, -kreisen und -provinzen zum geistigen Kräftemessen antraten. Wer sich auf Provinzebene bewährte, durfte sich nicht nur des Titels „blühendes Talent“ rühmen und sich der entsprechenden Privilegien erfreuen, sondern er durfte sich auch Hoffnungen auf Größeres machen: die Palastprüfung, die der Kaiser persönlich beaufsichtigte. Erst 1905 wurden die kaiserlichen Examina im Zuge von Reformvorstößen bei Hofe abgeschafft.
Heute kämpfen Chinas blühenden Talente mit anderen Mitteln: Viele Familien versuchen, vor der Geburt ihres Kindes nach Peking, Schanghai oder Guangzhou zu ziehen, um dem Kind bessere Ausgangsmöglichkeiten zu verschaffen. Diese Idee hatte auch Frau Li. Umso enttäuschter ist sie nun, als sie erfahren muss, das alles nichts genützt hat: „Obwohl wir schon seit vierzehn Jahren in Peking wohnen, hier arbeiten und Steuern zahlen, darf meine Tochter die Prüfung nicht hier ablegen, weil sie nicht hier geboren und registriert ist. Sie muss die Prüfung in ihrem Heimatort in Shandong ablegen.“ Viele der „Gaokao-Migranten“ stehen vor dem gleichen Problem und organisieren regelmäßig Unterschriftenaktionen mit der Bitte an das Bildungsministerium, ihre Kinder an der Gaokao in Peking teilnehmen zu lassen. Das Ministerium bleibt aber hart.
Prüfung unter Kameraüberwachung
Die Gaokao ist eines der besten Beispiele für die politischen Kehrtwendungen im Reich der Mitte: 1952 wurden die Zulassungsprüfungen eingeführt, mit Beginn der Kulturrevolution (1966) wieder abgeschafft und 1977 unter Deng Xiaoping wiederbelebt. Von 1978 an wurde der Prüfung ein einheitliches Design verpasst. Die einsetzende Öffnungspolitik Chinas führte dazu, dass die Städte Schanghai und Guangzhou schon 1986 die Erlaubnis erhielten, ihre eigenen Prüfungsbögen einzuführen. Heute hat fast jede Provinz ihr eigenes System. Zentral festgelegt sind nur die drei Hauptfächer: Mathematik, Chinesisch, eine Fremdsprache.
Ein Relikt aus der Kaiserzeit ist auch die strenge Überwachung der Kandidaten: Damals schrieben die angehenden Beamten auf abgeriegeltem Gelände ihre Aufsätze, jeder in seiner ,Prüfungszelle‘. Heute schreiben die Schüler nach dem Abtasten mit Metalldetektoren unter Kameraüberwachung. He Zeqin findet, dass das System immer noch funktioniert „Die meisten Chinesen dürfte wohl immer noch der Meinung sein, dass es sich insgesamt um ein faires System handelt. Anders ausgedrückt: Wir haben einfach noch keine andere Möglichkeit gefunden.“
Die armen chinesischen Studenten,
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- 16.06.2012, 17:22 Uhr
Von China lernen?
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