18.08.2010 · Die Ein-Kind-Politik sollte eigentlich überall in China gelten. Mao Tse-tungs Nachfolger hielten Bevölkerungswachstum für eines der größten Hindernisse der wirtschaftlichen Entwicklung. In einem Landkreis galt aber eine Ausnahme.
Von Till Fähnders, YichengYang Yaqin ist reich, auch wenn sie nicht viel Geld hat. In ihrem Hof rennen zwei Jungen über den staubigen Boden, der Ältere keck vorweg, der Jüngere unbeholfen hinterher. Es ist ein Bild, das es eigentlich nicht geben dürfte. In China gilt seit 30 Jahren die Ein-Kind-Politik, die in vielen Fällen auch heute noch strikt durchgesetzt wird. Doch Yang Yaqin hat zwei Söhne und damit aus chinesischer Sicht doppeltes Glück. Sie muss nicht einmal fürchten, für ihren Kinderreichtum bestraft zu werden: Yang Yaqins Dorf Renwang ist Teil eines Experiments, das lange geheim gehalten wurde. Hier gilt schon seit 25 Jahren die „Zwei-Kind-Politik“.
Die Geschichte beginnt mit der Einführung der Geburtenkontrolle in China im Jahr 1980. Mao Tse-tung erachtete eine große Bevölkerung als Voraussetzung für den Aufbau einer „starken Nation“. Seine Nachfolger hielten das Bevölkerungswachstum für eines der größten Hindernisse der wirtschaftlichen Entwicklung. In der Folge wurde die wohl strengste Bevölkerungspolitik der Welt erdacht. Ihre Durchsetzung ist nicht nur ein behördlicher Kraftakt, sondern ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen, bei dem zahllose Frauen zu Abtreibung und Sterilisation gezwungen wurden. Von Anfang an war die Politik deshalb unbeliebt, bei den einfachen Chinesen und bei manchen Fachleuten.
„Legen sie los!“
Zu den Kritikern zählte auch der Sozialwissenschaftler Liang Zhongtang, damals Lehrer an der Parteischule der Provinz Shanxi in Zentralchina. In einem Brief an den damaligen Parteichef Hu Yaobang erbat er 1984 die Erlaubnis, das Experiment mit der Zwei-Kind-Politik im Landkreis Yicheng im Süden der Provinz machen zu dürfen. Die Antwort des Parteiführers war kurz: „Legen sie los!“ Bei einem Treffen weihte Liang die örtlichen Kader in seinen Plan ein. Die Presse und die allgemeine Bevölkerung sollten nicht informiert werden.
Seither gilt in den ländlichen Gebieten Yichengs eine Politik, die sich von der strikten Geburtenkontrolle im übrigen Land unterscheidet. Im Büro der „Vereinigung für Familienplanung“ von Yicheng sitzt der Vize-Direktor Wu Baotang an seinem Schreibtisch und erklärt ihre Grundsätze: späte Hochzeit (bei Frauen von 23 Jahren an), späte Geburt des ersten Kindes (bei Frauen von 24 Jahren an) und Wartezeit bis zur Geburt des zweiten Kindes (bei Frauen anfangs von 30 Jahren, heute von 28 Jahren an). Mit Hilfe von Strafen und Anreizen sollen diese Prinzipien durchgesetzt werden.
Alles ist hier durchschnittlich
Seitdem das Experiment durch chinesische Medienberichte vor kurzem schließlich doch bekannt wurde, feuert es die Diskussion um die Zukunft der Geburtenkontrolle weiter an. Die Ein-Kind-Politik ist schon länger in die Kritik geraten. Die rapide Alterung der Gesellschaft, so meinen Fachleute, sei nur eine der vielen Folgen der Bevölkerungspolitik (siehe Kasten). Zu deren Popularität trägt auch nicht gerade bei, dass immer mehr Familien ohnehin schon von der Ein-Kind-Regel ausgenommen sind: Angehörige der ethnischen Minderheiten dürfen mehr Kinder haben; Bauern ist ein zweites Kind erlaubt, wenn das erste ein Mädchen war; Eltern, die selbst als Einzelkinder aufgewachsen sind, dürfen auch ein zweites Kind bekommen. Auf dem Land ist es zudem verbreitet, Nachkommen vor den Behörden zu verstecken. Die Reichen nehmen wiederum die Strafen für ein Extra-Kind gern in Kauf. Nur 35,9 Prozent der Bevölkerung dürfen nur ein Kind haben, 52,9 Prozent ein zweites Kind, wenn das erste ein Mädchen ist, und elf Prozent zwei oder mehr Kinder.
Ein hartes Vorgehen wie bei der Ein-Kind-Politik lässt sich schwer rechtfertigen, wenn es nur noch für einen Teil der Bevölkerung gilt. Daher sucht man nach neuen Wegen. Für die Fachleute sind die Erfahrungen aus Yicheng von großem Wert. Schon viele Wissenschaftler, Funktionäre und Journalisten sind zu Studienzwecken dorthin gereist. Vor sich sehen sie keine reiche, aber auch keine ganz arme Gegend. Yicheng liegt auf dem zentralchinesischen Löß-Plateau, auf dem die Erde gelb ist. Es gibt eine kleine Minen- und Metallindustrie, und es werden zunehmend Textilien produziert. Viele der 850 Einwohner in Renwang leben nur noch teils von der Landwirtschaft, bauen Weizen oder Mais an. Auf der Dorfstraße spielen ein paar Mädchen Gummitwist, ein Junge fährt auf einem Plastikauto. Graue Mauern umschließen die Bauernhäuser. An den Häuserwänden sind Schriftzüge und Bilder mit Propaganda angebracht, die den Menschen die Familienplanung erklären. Es gibt nur einen Laden, in dem Getränke, Trockennudeln oder Kekse verkauft werden. Davor versammeln sich die Dorfbewohner gern zum Tratsch. Vor allem junge Männer sind, wie in vielen Dörfern Chinas, als Wanderarbeiter in die Städte gezogen. Alles ist hier durchschnittlich. Gerade deshalb schien es wohl der perfekte Ort für das Zwei-Kind-Experiment zu sein.
1,7 Kinder pro Ehepaar
Erstaunlich an dem Experiment ist vor allem sein Erfolg. Nach Angaben der Verantwortlichen hat es in Yicheng nicht zu einem größeren Bevölkerungswachstum geführt. Es würden sogar weniger Kinder geboren als in manchen Gegenden Chinas, in denen die Ein-Kind-Politik gilt, sagt Wu Baotang. Derzeit seien es 1,7 Kinder pro Ehepaar. Das ist weniger als der nationale Durchschnitt, der wegen der vielen Ausnahmen bei etwa 1,8 Kindern pro Paar liegt. Auch die Alterung der Gesellschaft schreite langsamer voran als anderswo, behauptet Wu Baotang. „Die Zwei-Kind-Politik steht im Einklang mit der Bevölkerungsentwicklung. Und sie entspricht dem Willen der Bevölkerung, Babys zu bekommen.“ Den Erfolg führt er vor allem darauf zurück, dass sich im Kreis Yicheng viele Paare trotz der Zwei-Kind-Politik aus freien Stücken dafür entscheiden, nur ein Kind zu bekommen. „Die meisten Familien haben nur ein Kind. Sie finden, das ist genug“, sagt die Dorfbewohnerin Li Fang. Die Chinesin ist 33 Jahre alt, sie hat eine elf Jahre alte Tochter. Ein zweites Kind habe nie zur Debatte gestanden, auch wenn das erste „nur“ ein Mädchen war. In China werden männliche Nachkommen immer noch bevorzugt. Sie sollen sich im Alter um die Eltern kümmern. Doch in Yicheng soll das Verhältnis von weiblichen und männlichen Nachkommen ausgeglichener sein als anderswo in China.
So sind es im Dorf Renwang überraschenderweise die Eltern zweier Söhne, die besonders über die „Belastung“ stöhnen. In Yicheng werden Paare, die ein oder zwei Mädchen zur Welt bringen, mit Geld belohnt. „Jungen sind gut, aber sie müssen verheiratet werden“, sagt Zhang Chunmei, die zwei Söhne im Alter von 18 und 15 Jahren hat. Und die Ansprüche der Bräute werden immer höher. Ein Kandidat muss mindestens eine Eigentumswohnung in die Ehe mitbringen. Der Funktionär Wu Baotang macht deshalb auch andere Faktoren für die niedrige Geburtenrate in Yicheng geltend: „Im Grunde ist es eine Veränderung in der Gesellschaft. Heute wird ein Kind mehr als finanzielle Belastung angesehen denn als Alterssicherung.“ Am wichtigsten für eine niedrige Geburtenrate sei daher die wirtschaftliche Entwicklung. Die Politik könne nur unterstützend wirken.
400 Millionen verhinderte Geburten
Wu Baotang glaubt, dass die Zwei-Kind-Politik zumindest in den ländlichen Gegenden eingeführt werden könnte. „Yicheng ist ein Modell, das im ganzen Land bekannt gemacht werden sollte“, sagt auch Gu Baochang, Professor für Demographie an der Volksuniversität in Peking. Doch stellt das Experiment nicht weniger als 30 Jahre forcierter Ein-Kind-Politik in Frage. So etwas ist in China heikel. Die Verfechter der strikten Geburtenkontrolle haben großen Einfluss. Dazu gehört auch der Ökonomie-Professor Cheng Enfu, der am Forschungsinstitut für Marxismus der Akademie für Sozialwissenschaften arbeitet. Er rechnet vor, dass mit Hilfe der Ein-Kind-Politik 400 Millionen Geburten verhindert worden seien. Eine Lockerung würde also eine abermalige Bevölkerungsexplosion verursachen.
Die niedrige Geburtenrate in Yicheng führt Cheng Enfu auf die erfolgreiche Propaganda- und Erziehungsarbeit der Behörden zurück. Das Beispiel lasse sich deshalb nicht auf das gesamte Land übertragen. Wie die Bewohner in Renwang berichten, ist die Aufklärungsarbeit tatsächlich mindestens ebenso intensiv wie in Gegenden mit der Ein-Kind-Politik. „Sie kommen oft, prüfen die Familien und untersuchen die Frauen“, sagt die Bäuerin Zhang Chunmei. Die Funktionäre vom Familienplanungs-Büro verteilen Kondome und informieren über Möglichkeiten zur Sterilisation.
Der Zeitpunkt ist günstig
Die Zwei-Kind-Politik sei humaner und werde von der Bevölkerung akzeptiert, sagt Wu. Mit ihr ließe sich die Größe der Bevölkerung auf dem gegenwärtigen Niveau halten, da eine Gesellschaft mit durchschnittlich 2,1 Kindern pro Paar weder zu- noch abnehme. Auch der Zeitpunkt sei günstig für eine Änderung der Bevölkerungspolitik, heißt es. Denn im September 1980 hatte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei einen offenen Brief an die Parteimitglieder geschickt. Darin stand, dass die Ein-Kind-Politik bei nachlassendem Bevölkerungsdruck geändert werden dürfe, aber erst in 30 Jahren. Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen. Doch wie es aussieht, traut sich die Zentralregierung noch nicht so richtig an eine Reform heran.
Chinas „demographische Zeitbombe“
Die Vereinten Nationen sprechen von einer alternden Gesellschaft, wenn zehn Prozent der evölkerung eines Landes über 60 Jahre und sieben Prozent über 65 Jahre alt sind. Davon sind vor allem Industrieländer betroffen. Doch das Schwellenland China hat diese Werte schon mit der letzten Volkszählung im Jahr 2000 überschritten. Mit Spannung wird deshalb der Zensus erwartet, der im November beginnen soll. Dann wird sich zeigen, wie alt die chinesische Bevölkerung schon heute ist. Untersuchungen gehen davon aus, dass 167 Millionen Chinesen das Seniorenalter erreicht haben. Das wären 12,5 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2050 werden es dann wohl schon 30 Prozent sein. „China wird alt, bevor es reich ist“, sagt deshalb der Präsident der Pekinger Volksuniversität Ji Baocheng. Der Wissenschaftler hat sich schon im Nationalen Volkskongress für eine Änderung der Ein-Kind-Politik eingesetzt, die für die rapide Alterung verantwortlich gemacht wird. Chinas Sozialsysteme sind mittlerweile überfordert. Nur wenige haben eine Rentenversicherung. Für die Versorgung der Alten sind traditionell die Kinder verantwortlich. Doch viele moderne Familien sind dazu kaum noch in der Lage. Für sie ergibt sich das sogenannte 4-2-1-Problem: Ein Ehepaar muss für ein Kind und vier Eltern sorgen. Doch in vielen Städten lebt schon die Hälfte aller Alten im „leeren Nest“, also getrennt von ihren Kindern. Es fehlt an Altenheimen. Im Zusammenhang mit der alternden Gesellschaft steht auch die schiefe Geschlechterverteilung. Da die Söhne in der Regel für ihre Eltern sorgen, wird männlicher Nachwuchs bevorzugt. Weibliche Föten werden aufgrund der geltenden Ein-Kind-Regel abgetrieben. Im Jahr 2009 kamen in China auf 100 neugeborene Mädchen 120 Jungen zur Welt. Im Jahr 2020 wird es in China 24 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter geben, die keine Frau finden. Die Ein-Kind-Politik macht sich auch in der Wirtschaft bemerkbar. Die Zahl junger Arbeitskräfte, von denen die Wirtschaft stark abhängt, wird 2015 ihren Höhepunkt erreichen. Schon jetzt wird aus manchen Gegenden im Süden Arbeitskräftemangel gemeldet. Zudem werden auch immer wieder psychische und soziale Folgen der Ein-Kind-Politik erörtert. Chinas Einzelkinder, die „kleinen Kaiser“, gelten als verwöhnt und unselbständig. (fäh.)