17.01.2012 · China eilt in die Zukunft. In kaum einem anderen Land scheint die Gegenwart derart schnell zur Vergangenheit zu werden wie in China. Der Schweizer Fotograf Marco Paoluzzo versucht die Zeit anzuhalten.
Von Michael RadunskiChina – ein Land im Umbruch, rasend schnell auf dem Weg in die Zukunft. In kaum einem anderen Land der Welt scheint die Gegenwart so schnell zur Vergangenheit zu werden wie im Reich der Mitte. Fotografen wie der Schweizer Marco Paoluzzo versuchen deshalb, Momente festzuhalten, die in der nächsten Sekunde schon der Vergangenheit angehören. Nur so können wir die unzähligen Veränderungen überhaupt begreifen und verarbeiten.
Seit vielen Jahren bereist Paoluzzo China. Er hat unzählige Momente mit seiner Kamera eingefangen und gesammelt in seinem neusten Bildband: „China Memories“.
Paoluzzo versucht dabei das riesige Land in seinen unterschiedlichen Facetten zu erfassen – die Wüste in der Provinz Xinjiang ebenso wie die Skyline des nächtlichen Hongkong. Er bereiste den Nordwesten wie den Südosten, war im mingzeitlichen Pingyao und im hypermodernen Schanghai. Seine Bilder wirken wie eine Hommage an ein Land der Gegensätze.
Doch innige Zuneigung empfindet Paoluzzo nicht. Vielmehr sei seine Beziehung zu China eher von Hassliebe geprägt, erklärt der Schweizer. Auf der einen Seite sei alles fremd und faszinierend. „Auf der anderen Seite ist mir das Tempo dort zu hoch. Alles geht viel zu schnell, und die Probleme werden immer größer: Die Umweltverschmutzung, die Korruption, der Materialismus der Oberschicht.“
Paoluzzos ursprüngliches Interesse an China wurde schon 1969 geweckt, und wie könnte es anders sein: durch einen Bildband. Zu seinem 20. Geburtstag schenkte ihm seine Schwester einen Bildband des Schweizers Emil Schulthess, Paoluzzo war fortan fasziniert von dem so fremden Land. Doch es war die Zeit der Kulturrevolution. In China wüteten Maos Rote Garden, Kulturgüter im gesamten Land wurden unter dem Vorwand der Modernisierung zerstört. An eine Reise nach China war damals nicht zu denken.
Es dauerte knapp dreißig Jahre bis Paoluzzos erste China-Reise endlich Wirklichkeit wurde. Sie führte ihn 1998 nach Schanghai. Es war eine Stadt im Wandel: Durch den Status als „freie Stadt“ erlebte Schanghai seit Mitte der 1980er Jahre einen Wirtschaftsboom. Die als „Paris des Ostens“ bekannte Stadt übernahm eine Vorreiterrolle auf Chinas Weg in die Moderne. Häuser wurden abgerissen, auf- und umgebaut, riesige Baustellen prägten das Straßenbild jener Zeit. Paoluzzo war überwältig von den Eindrücken. „Ich besorgte mir einen Stadtplan und lief tagelang durch die Stadt, um ihren Puls zu fühlen.“
Später heiratete er eine Chinesin, seitdem besucht er das Land regelmäßig. Vor allem Peking, die Provinzhauptstadt Zhengzhou und Schanghai entwickelten sich zu Paoluzzos Anlaufpunkten. Da er kein Chinesisch spricht, bewege er sich meist intuitiv durch das Land. „Im Reich der Mitte bewirkt ein Lächeln Wunder, und ich kam häufig gut allein zurecht“, sagt Paoluzzo, ohne jedoch die Unterstützung seiner Frau zu vergessen: „Viele der im vorliegenden Band illustrierten Begegnungen wären nicht möglich gewesen ohne den Beistand meiner Frau, Feifei, die meine ungeduldigen Wünsche übersetzen musste“, sagt Paoluzzo.
Der Geist des Vergänglichen wird in „China Memories“ dadurch verstärkt, das Paoluzzo ausschließlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen ausgewählt hat. Jahrelang habe er in Farbe fotografiert, erinnert sich Paoluzzo. Doch Schwarz-Weiß-Bilder schaue man ganz anders an. „Man muss sich Zeit dafür nehmen.“
Dabei hat Paoluzzo die Aufnahmen bewusst kommentarlos zusammengestellt. „Es soll ein Fotobuch sein, nicht ein Reiseführer“, sagt Paoluzzo. „Es sind ausgewählte Momente, wo der jeweilige Ort eine sekundäre Rolle spielt.“ Das Ergebnis ist ein Bildband voller wunderschöner Schwarz-Weiß-Bilder. Eine Hommage an ein Land rasender Veränderungen.
Marco Paoluzzo: China Memories, Benteli-Verlag, Zürich, 2012, 179 Seiten.
China memories
hans HUEBER (HUEBER1)
- 18.01.2012, 12:13 Uhr