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China Mehr Reiche, mehr Entführungen

11.01.2006 ·  Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung steigt in der Volksrepublik China auch die Kriminalität. Die Zahl der Entführungen nimmt rapide zu. Der Staat versucht mit harten Strafen, der Sache Herr zu werden. Ohne großen Erfolg

Von Petra Kolonko, Peking
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Der sechs Jahre alte Xiang Xiang aus der chinesischen Provinz Shanxi war mit seiner Mutter auf dem Weg zur Schule, als er von unbekannten Männern gepackt und verschleppt wurde.

Wenige Stunden später meldeten sich die Entführer per Telefon und verlangten zwei Millionen Yuan (etwa 200000 Euro) Lösegeld, eine gewaltige Summe im armen chinesischen Hinterland, wo der Durchschnittslohn im Jahr bei weniger als 2000 Euro liegt. Doch Xiang Xiangs Familie, das wußten die Entführer, gehört zu den Reichen des Ortes, sein Großvater ist Besitzer eines Goldbergwerkes.

Terroristischen Akt mit wirtschaftlichen Gründen

Seit auch in China Millionäre keine Seltenheit mehr sind und auch in den armen Provinzen sich eine Schicht der Wohlhabenden bildet, nehmen in der Volksrepublik Fälle von Entführungen von Kindern, aber auch von Erwachsenen zu. Chinas Reiche engagieren Leibwächter und schützen ihre Villen und Luxuslimousinen mit Wachtrupps, Alarmanlagen und bissigen Hunden. Als terroristischen Akt mit wirtschaftlichen Gründen bezeichnet der Jurist Li Weidong die Entführungen. Solche Verbrechen hätten große Auswirkungen, denn ein Entführungsfall betreffe oft viele Menschen, die in Angst und Schrecken versetzt werden. Oft würden die Geiseln auch nach der Zahlung des Lösegeldes umgebracht.

Im Herbst war der Unternehmer Yun Quanmin aus der Inneren Mongolei entführt worden. Die Entführer forderten fünf Millionen Yuan Lösegeld. Die Familie informierte die Polizei zunächst nicht und zahlte einen Teil der geforderten Summe, 2,4 Millionen Yuan, doch der entführte Yun Quanmin kam nicht zurück. Die dann alarmierte Polizei begann mit der Suche, und es stellte sich heraus, daß der Entführer sein Opfer trotz der Zahlung des Lösegelds umgebracht hatte. Der Täter war ein früherer Angestellter des Unternehmers.

Meist in den reichen Küstengebieten

Der Schauspieler Wu Ruopu wurde auf einem Parkplatz vor einem Hotel in Peking entführt, von drei Männern, die sich als Polizisten ausgaben. Sie nahmen den Schauspieler mit zu einer „Vernehmung“ in ihr Auto, verschleppten ihn und befahlen ihm, von einem Freund Lösegeld zu erbitten. Der Schauspieler wurde nach sechzehn Stunden von der Polizei befreit.

Die Polizei ist in China nicht sehr auskunftsbereit, und allenfalls bei geglückten Befreiungsaktionen erfährt die Öffentlichkeit von größeren Entführungsfällen. Nach offiziellen Statistiken gab es im Jahr 1985 zwölf Fälle von Entführungen, im Jahr 1987 gerade einmal 29, im Jahr 2004 aber 3863 Fälle. Opfer von Entführung sind zum einen reiche Privatunternehmer oder Stars aus Film und Fernsehen, Sänger, Schauspieler und andere Berühmtheiten. Die anderen Opfer sind wie der kleine Xiang Xiang Kinder reicher Familien. Die meisten Entführungen ereigneten sich in den reichen Küstengebieten Chinas, wo es auch die höchste Konzentration von Privatunternehmern gibt. Anzunehmen ist, daß die tatsächliche Zahl der Entführungen noch höher ist, da viele Opfer stillschweigend bezahlen und die Fälle nicht der Polizei melden.

Hohe Strafen schrecken nicht ab

Oft handelt es sich bei den Entführern um wohlorganisierte Banden. Im chinesischen Hinterland gibt es nach Informationen der Zeitschrift „Liaowang“ aber auch einzelne Entführer, die nicht unbedingt Reiche entführen, sondern sich mit einem kleineren Lösegeld von Durchschnittsfamilien zufriedengeben. In vielen Fällen sind die Entführer auch mittellose Wanderarbeiter vom Land.

Entführung wird in der Volksrepublik mit Freiheitsstrafen von zehn Jahren bis lebenslang bestraft. Wenn die Geisel verletzt oder getötet wird, muß der Täter mit der Todesstrafe rechnen. Doch die hohen Strafen scheinen selbst nach Eingeständnis chinesischer Kriminologen die Täter nicht abzuschrecken. Diese seien meist Männer mit niedrigem Bildungsstand, die schnellen Reichtum anstrebten. Chinesische Kriminologe verweisen aber auch darauf, daß die rapiden Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft zur Verbreitung des Phänomens beitragen. Überall werde nur noch nach Geld getrachtet. Somit sei das Phänomen der zunehmenden Entführungen auch eine soziale Frage.

Für den kleinen Xiang Xiang kam die Hilfe zu spät. Die Entführer hatten ihn umgebracht, als sie merkten, daß die Polizei ihnen auf den Fersen war. Was den Fall besonders schockierend macht: Beteiligt an der Entführung des Jungen war sein Onkel, der bei der Polizei arbeitete und seinen Komplizen zu Informationen verhalf. Er muß sich für den Tod seines Neffen jetzt vor Gericht verantworten.

Quelle: F.A.Z., 12.01.2006, Nr. 10 / Seite 9
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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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