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China Die Dongba sterben aus

06.07.2007 ·  In Südwestchina ist die Dongba-Kultur der Schamanen bei Touristen sehr beliebt. Aber die Kultur siecht dahin. Deshalb geben sie ihr Wissen nun an Ethnologen und Forscher weiter. Petra Kolonko zu Besuch bei den letzten Schamanen des Naxi-Volkes.

Von Petra Kolonko, Lijiang
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He Chengde kommt aus einer Familie von Schamanen. Er beherrscht die Kunst des Wahrsagens, er kennt die Gesänge und Legenden der Naxi, und er kann mehr als 360 Riten für alle Lebenslagen zelebrieren. Das Geheimwissen der Dongba, der Schamanen des Naxi-Volkes, wurde seit Generationen von Vater zu Sohn weitergegeben. Aber die Dongba sterben aus. Deshalb gibt He Chengde sein Wissen an Ethnologen und Forscher weiter.

He Chengde ist einer der letzten Dongba-Schamanen des Bergvolkes der Naxi in Südwestchina. Nur noch insgesamt 20 Dongba gebe es in den Dörfern der Naxi, erzählt der blinde Mann. Die meisten Dongba sind jetzt alt, und ihre Söhne und Enkel haben an der alten Religion ihrer Vorfahren kein Interesse mehr. Sie wollen lieber in der Stadt Geld verdienen, als auf dem Land arme Schamanen sein.

Mit jedem stirbt ein Stück der Naxi-Kultur

Die wenigen jüngeren Dongba könnten die Texte und Gesänge nicht mehr richtig, klagt He im Museum von Lijiang, wo er seinen Lebensabend verbringt. Er hilft den Ethnologen dort dabei, das Wissen der Dongba aufzuzeichnen. Andere Dongba können sich dabei auf eine Sammlung klassischer Schriften beziehen, die in Dongba-Familien tradiert wurden.

Die Naxi haben ihre eigene Bilderschrift und klassische Texte, deren Bedeutung nur die Dongba kannten. Da Dongba He Chengde sein Augenlicht verloren hat, rezitiert er die alten Texte aus dem Gedächtnis. Mit jedem Dongba stirbt ein Stück der Naxi-Kultur. Deshalb sind die Forscher bemüht, von den letzten Schamanen noch möglichst viel über die alte Kultur zu erfahren.

„Dongba-Kultur“ ist ein Markenname geworden

Nicht weit von dem Museum und Forschungsinstitut, das idyllisch im Park des Schwarzer-Drachen-Teichs gelegen ist, sieht es gar nicht danach aus, als ob die Dongba-Schamanen und das Erbe der Naxi in Vergessenheit geraten wären. Im Rummel der Altstadt von Lijiang sieht man das Wort „Dongba“ auf Schritt und Tritt.

Kein Souvenir, das nicht mit der Bilderschrift der Dongba verziert wäre. Es gibt Dongba-T-Shirts, Dongba-Gemälde im alten Stil oder in moderner Verfremdung, Dongba-Notizbücher und Dongba-Uhren. Man kann den sternförmigen Kopfschmuck der Schamanen kaufen und sich ihre rituellen Tänze von Folkloregruppen vorführen lassen. Die „Dongba-Kultur“ ist zu einem Markennamen von Lijiang geworden.

Titel „Weltkulturerbe“ lockte die Touristen

In der Altstadt Lijiangs mit ihren windschiefen Holzhäuschen, plätschernden Bächen und überschatteten Gassen lebten noch vor zehn Jahren vornehmlich Naxi-Familien. Doch die Veränderungen brachen über Lijiang herein, als die Unesco die Altstadt im Jahr 1997 mit dem Titel „Weltkulturerbe“ auszeichnete.

Das rettete die alte Architektur vor dem Abrisshammer. Und der Titel lockte die Touristen. Zehntausende strömen jeden Tag in die kleine Altstadt am Fuß des Jade-Drachen-Berges. Die Einwohner haben ihre Häuschen an Souvenirgeschäfte vermietet und sind aus dem Rummel geflohen. Jetzt ist die Altstadt voll mit Läden, Bars und Restaurants.

Alles wird vermarktet

Lijiang, noch vor zehn Jahren eine verschlafene Stadt, ist berühmt geworden. In der auf 2400 Meter Höhe am Rand des Himalaja gelegenen Ortschaft sind große Anlagen mit luxuriösen Einfamilienhäusern entstanden. Reiche Städter aus Peking, Schanghai und anderen chinesischen Städten kaufen sich hier ein und genießen die frische Luft und die Aussicht auf die Berge. Künstler aus ganz China treffen sich hier. Chinas Starregisseur Zhang Yimou inszeniert hier in diesem Sommer ein gigantisches Freilichtspektakel.

Die Touristen kommen nicht nur wegen der malerischen Landschaft und des verheißungsvollen Titels „Weltkulturerbe“. Auch in China ist das Interesse an anderen Kulturen gewachsen. Man beginnt zu schätzen, dass es hier anders aussieht als in den zentralen Regionen Chinas, dass die Volksgruppe der Naxi etwas anderes darstellt. Die Naxi selbst sehen den Zustrom der Touristen aus ganz China und Übersee mit gemischten Gefühlen.

„Der Tourismus bringt Einnahmen und macht unsere Kultur bekannt“, sagt Naxi-Lehrerin Yang. „Doch sehen Sie mal, was sie mit unserer Schrift machen! Oft sind die Piktogramme auf den Souvenirs ganz falsch geschrieben!“ Alles wird eben möglichst gut vermarktet: die ureigene Kunst der Schamanen, die Bilderschrift, die Schnitzereien, die Keramik und die Malereien.

„Wegen Rückständigkeit gehänselt“

„Der Tourismus ist gut“, sagt Naxi-Forscher Li Xi, der Leiter des Dongba-Museums von Lijiang. Er bringe der armen Region Einnahmen. Tatsächlich wurden Straßen und ein Flughafen gebaut. Hotels entstanden, und die Sehenswürdigkeiten der Umgebung wurden erschlossen.

„Der Tourismus hat unsere Kultur aufgewertet. Jeder kann jetzt mit unserer Kultur Geld verdienen. Wir Naxi können jetzt wieder auf unsere Kultur stolz sein. Es ist nicht mehr wie früher, als wir wegen unserer Rückständigkeit gehänselt wurden.“

Die Roten Garden wüteten gegen die „alten Übel“

Es ist noch nicht so lange her, dass die Naxi - wie andere ethnische Minderheiten - in China ihre Kultur lieber versteckten und sich nach Kräften bemühten, sich der vorherrschenden Kultur der Han-Chinesen anzupassen. In der Kulturrevolution (1966 bis 1976) wüteten die Roten Garden auf Geheiß von Revolutionsführer Mao Tse-tung in ganz China gegen die „alten Übel“ .

Darunter fiel ganz besonders die Religion, die als „Aberglaube“ verschrien war. Die Dongba wurden Opfer der Kritikkampagnen und als Anhänger von „Geisterzauber“ gequält und schikaniert, über Jahre durften sie keine Zeremonien mehr abhalten. Viele der kostbaren alten Handschriften wurden verbrannt.

Volkstümliche Überlieferung als Kompromiss

Seit drei Jahrzehnten gibt es wieder eine begrenzte Religionsfreiheit im kommunistischen China. Doch die Naxi gehören nicht zu den offiziell zugelassenen Religionsgemeinschaften. Li Xi hat für die politisch heikle Frage der Definition der Naxi-Kultur eine pragmatische Lösung gefunden.

Man sollte, so schlug er vor, die Dongba-Kultur nicht wie früher als Religion betrachten, sondern als volkstümliche Überlieferung. Damit falle man dann nicht in die Zuständigkeit der staatlichen Religionspolitik.

„Alles Rückständige und Abergläubische gestrichen“

Mit diesem Ansatz konnte er auch die Parteifunktionäre überzeugen. In Schulen von Wohngebieten, wo die Naxi in der Mehrheit sind, dürfen seit 1999 wieder Naxi-Schrift und Naxi-Kultur unterrichtet werden. In der Wanxia-Schule in Lijiang lernen die Kinder von der vierten Klasse an zwei Stunden die Woche Piktogramme, Legenden und Volkstum.

Dabei mussten allerdings Zugeständnisse gemacht werden. „Wir haben aus den Lehrmaterialien alles Rückständige und Abergläubische gestrichen“, sagt Frau Yang. Und fügt ganz im Wortgebrauch der kommunistischen Partei entschuldigend hinzu, dass es ja in allen alten Kulturen „rückständige Aspekte“ gebe.

„Gefahr dass unsere Sprache ausstirbt“

Die Naxi, die mit 300.000 Personen eine der kleineren nationalen Minderheiten in China sind, wollen jetzt vor allem ihre Sprache wieder fördern. Frau Yang erzählt, dass in der Stadt Lijiang schon viele Naxi ihre eigene Sprache nicht mehr beherrschten oder nur noch ein Gemisch von Chinesisch und Naxi nutzten. Nur in den Dörfern werde noch überall die Naxi-Sprache gesprochen.

„Es besteht die Gefahr dass unsere Sprache ausstirbt, dem müssen wir entgegenwirken.“ Li Xi will die Kultur und die Sprache der Naxi wieder unters Volk bringen. Die Kultur müsse wieder in die Nachbarschaften, Dörfer und Schulen der Naxi gebracht werden. Es reiche nicht, sie im Museum zu bewahren. Li Xi ist optimistisch. Warum sollte sich nicht auch die alte Schrift weiterentwickeln wie die Sprache? „Natürlich gibt es in der Naxi-Sprache kein Wort für Mobiltelefon, da nehmen wir dann eben das Chinesische, das wird doch in anderen Kulturen und Sprachen auch so gemacht.“

Naxi-Forschung findet außerhalb Chinas statt

Der Tourismus habe zwar die Naxi-Kultur bekannt gemacht, doch für ihre Erhaltung sei er nicht unbedingt positiv, sagt die Filmemacherin Zhang Xu, die einen privaten „Verein zur Förderung der Dongba-Kultur und -Kunst“ ins Leben gerufen hat. Die Verwaltung von Lijiang mache viel Geld mit dem Tourismus, da sollten sie auch etwas von den Einnahmen für die Bewahrung der alten Kultur investieren und in die Forschung. Die meiste Naxi-Forschung findet außerhalb Chinas statt. Zhang Xu hält es außerdem für besonders wichtig, dass in den Dörfern der Naxi das Wissen der Dongba und die Überlieferung am Leben erhalten werden.

Zu Dongba He Chengde im Museum von Lijiang, der zu gebrechlich ist, um noch lange Fahrten zu unternehmen, kommen noch gelegentlich die Bauern aus seinem Dorf, wenn sie Rat und Hilfe brauchen. Sie bitten ihn dann um eine Wahrsagung oder um eine Zeremonie, zur Beschwörung der Krankheitsgeister etwa oder für ein langes Leben. Die Viertklässler aus Lijiang allerdings, die gerade einen Dongba-Tanz für eine Vorführung einstudiert haben, können auf die Frage, was denn ein Dongba sei, schon keine Antwort mehr geben.

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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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