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Chemie Tiefer Blick in die Kopiermaschine des Lebens

04.10.2006 ·  Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an den Amerikaner Roger D. Kornberg. Er erhält den Preis für seinen Blick auf die Blaupausen der Erbsubstanz DNA, nach deren Anweisung die Proteine, also die Bausteine des Lebens entstehen.

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Sehr viel genauer als Roger Kornberg kann man dem Leben gar nicht in die Karten blicken. Die trickreichen Aufnahmen aus seinem Labor zeigen eine der wichtigsten Maschinen des Lebens direkt bei der Arbeit, und das bis zum letzten Atom. Dieses Riesenmolekül namens RNA-Polymerase fertigt jene Blaupausen von der Erbsubstanz DNA, nach deren Anweisung alle Proteine und damit die Werkzeuge des Lebens entstehen. Kornberg hat diesen Prozeß, der Transkription genannt wird, bei höheren Lebewesen untersucht, die einen Zellkern besitzen (sogenannte „Eukaryonten“). Seine Ergebnisse gelten daher vom Hefepilz über die Schildkröte bis hin zum Menschen. Dafür erhält er mit dem Chemie-Nobelpreis 2006 nun die höchsten Weihen seiner Zunft.

„Dieser Preis ist fundamental, denn er handelt davon, wie Informationen in Zellen kopiert und damit genutzt werden können“, sagte Gunnar Öquist, Sekretär des Nobelkomitees. Dessen Anruf dürfte sehr bald Anlaß für ein außergewöhnliches Familientreffen auf höchstem Niveau werden: Kornbergs Vater Arthur hatte 1959 den Nobelpreis für Medizin erhalten, weil er die Vervielfältigung der DNA bei der Zellteilung erklärte.

Wie der Vater so der Sohn

Sein Sohn veröffentlichte seit 2001 im Journal „Science“ mehrere Bilder der sogenannten RNA-Polymerase bei der Arbeit. Sie erkennt die passende Stelle auf der DNA, bindet sich daran, liest die Informationen auf dem Erbmolekül, holt Bausteine für die Kopie, verknüpft sie, rückt eine Position vor und fängt wieder von vorne an - viele Tausende Male, bis schließlich die Blaupause für ein neues Protein fertig gestellt ist. Dieser Gen-Kopierer ist eine der aufwendigsten Konstruktionen der Biologie.

Nicht alle 25.000 bis 30.000 Erbanlagen des Menschen müssen übersetzt werden, der Großteil von ihnen ruht. Stammzellen sind noch sehr frei in den Möglichkeiten, welche Gene in ihnen an- und abgeschaltet werden. Wer es versteht, den Gen-Kopierer zu aktivieren und zu lenken, kann über das Schicksal der Zellen entscheiden - dies ist eines der heißesten biochemischen Forschungsgebiete überhaupt.

Fast zweiter Medizinerpreis

Der Nobelpreis für Chemie wandelt sich seit einigen Jahren fast zu einem zweiten Preis für Mediziner, die Untersuchung des Lebens durch die Biochemie rückt zunehmend in den Mittelpunkt. So belohnte das Nobelkomitee im Jahr 2004 Erkenntnisse zum Proteinabbau, 2003 die Analyse von Tunneln in der Zellmembran, 2002 die Strukturaufklärung biologischer Moleküle, 1997 die biologische Energiegewinnung und 1993 die Vervielfältigung der DNA. Dieser Trend ist leicht zu erklären: Auf der untersten Ebene des Lebens spielen die Kontakte und Reaktionen einzelner Atome eine Rolle - und dies ist das angestammte Feld der Chemie, deren Werkzeuge immer feiner und deren Ziele zunehmend biologisch werden.

Die von der Polymerase gefertigte Protein-Blaupause aus RNA stand schon bei der Vergabe des Medizin-Nobelpreises am Montag im Mittelpunkt: Zwei amerikanische Forscher hatten beschrieben, wie sich die Blaupause gezielt zerstören läßt. Das macht vollkommen neue genetische Untersuchungen möglich. „Daß der Chemiepreis eng am diesjährigen Medizinpreis liegt, ist nur gut. Beide ergänzen einander“, sagte Nobelkomitee-Mitglied Per Ahlberg. „Das zeigt, wie eng alle biologischen Prozesse im menschlichen Körper miteinander verwoben sind.“

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa
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