Home
http://www.faz.net/-gum-pn7b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Chemie-Nobelpreis Hoffnung im Kampf gegen Mukoviszidose und Krebs

06.10.2004 ·  Zwei israelische und ein amerikanischer Forscher erhalten den Nobelpreis für Erkenntnisse über den Abbau nicht mehr benötigter Eiweiße im Körper. Ihre Arbeit gibt Hoffnung im Kampf gegen Mukoviszidose und Krebs.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Zwei Israelis und ein Amerikaner erhalten für ihre Erkenntnisse zum lebenswichtigen Eiweißabbau im Körper den Chemie-Nobelpreis 2004. Damit geht erstmals ein wissenschaftlicher Nobelpreis nach Israel. Die Institutskollegen Aaron Ciechanover (57) und Avram Hershko (67) aus Haifa sowie der Amerikaner Irwin Rose (78) haben einen der wichtigsten Prozessein der Zelle entschlüsselt. Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Mittwoch in Stockholm mit.

Der gestörte Abbau bestimmter Eiweiße (Proteine) spielt eine Rolle bei Gebärmutterhalskrebs, der Lungenkrankheit Mukoviszidose (Zystische Fibrose) und weiteren Leiden. Die Arbeiten könnten daher zu neuen Medikamenten führen.

Anerkennung für Israel

Ciechanover freute sich vor allem für seinen Heimatstaat. „Israel ist ein Land mit sehr großen Problemen. Der Preis ist eine gewaltige Anerkennung“, sagte er in einem Telefonat mit der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Er habe stets in seinem Heimatland gearbeitet und diesem auch alle wissenschaftlichen Errungenschaften zu verdanken.

Der Vorsitzende des Stockholmer Chemie-Nobelkomitees, Håkan Wennerström, hob die Leistung der Preisträger als „fundamentale Grundlagenforschung mit Langzeitwirkung“ hervor. „Man wird die Konsequenzen nicht heute oder morgen im Alltag bemerken. Aber die drei haben die Voraussetzungen zu einem besseren Verständnis vieler wichtiger Krankheiten geschaffen“, sagte Wennerström.

Schlüsselrolle der Substanz Ubiquitin

Der Mensch hat mehrere hunderttausend verschiedene Proteine. Sie dienen etwa als Bausubstanz, Botenstoffe, Enzyme oder zur Abwehr von Bakterien. Wird ein Protein nicht mehr benötigt, bekommt es in der Körperzelle den „Todeskuß“, wie die Nobelstiftung es blumig umschreibt. Genauer: Die Zelle hängt die Markierungssubstanz Ubiquitin wie einen Adreßaufkleber an das alte Protein. Mit diesem Aufkleber versehen landet es im zelleigenen Müllverwerter (Proteasom), wo es zerhäckselt wird. Kurz vor der Zerstörung wird Ubiquitin wieder abgehängt, damit es erneut genutzt werden kann.

Ciechanover und Hershko arbeiten beide am Israel Institute of Technology (Technion) in Haifa. Sie hatten den Adreßaufkleber entdeckt, der sich später als Ubiquitin herausstellte. Rose von der Universität von Kalifornien in Irvine hatte entscheidende Vorarbeiten dazu geleistet. Die drei Forscher beschrieben ihre Ergebnisse in zwei Arbeiten von 1980. In den Folgejahren entdeckten sie noch weitere Details zum Abbau von Proteinen.

Preisträger entdeckten Prinzip und Konzept

Frauke Melchior, Arbeitsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München, bezeichnete die Zuerkennung als hochverdient. „Ubiquitin ist für eine riesengroße Anzahl zellulärer Prozesse enorm wichtig. Ciechanover und Hershko zusammen haben das eigentliche Prinzip und Konzept entdeckt.“ Beide seien sehr charismatisch und hervorragende Biochemiker. Aus ihren persönlichen Erfahrungen sind beide sehr offen auch zu jungen Wissenschaftlern.

Die bedeutendste Auszeichnung für Chemiker ist in diesem Jahr mit insgesamt 10 Millionen Schwedischen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotiert. Die Nobelpreise werden traditionsgemäß am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

Am Donnerstag und Freitag werden die Nobelpreisträger für Literatur und für Frieden bekannt gegeben. Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften wird am kommenden Montag zuerkannt.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa, Reuters, AP
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel