Campino, was halten Sie am ehesten für entbehrlich: das Wahre, das Schöne oder das Gute?
Das Schöne. Das Wahre muss auch nicht unbedingt sein. Auf jeden Fall aber das Gute, das ist für mich die Substanz, während die Schönheit nur das Sahnehäubchen ist, die in kaum einem Bereich meines Lebens entscheidend ist. Englischer Fußball ist nicht schön, sondern kämpferisch. Auch die Toten Hosen spielen nicht schön, aber sie kämpfen.
Hat es etwas mit Rock ’n’ Roll zu tun, die Piratenpartei zu wählen?
Gar nichts. Das ist kein wahres Revoluzzertum und letztendlich ein Ergebnis der Frustration über die etablierten Parteien. Die Piraten, die sich diesen Namen clever, aber zu Unrecht unter den Nagel gerissen haben, sind für mich bisher nicht mehr als eine chaotisierte Form der FDP. Das ist mit mir so nicht zu machen. Aber: Gewisse Dinge können die anderen von ihnen lernen. Die politische Auseinandersetzung wird in Zukunft deutlich stärker im Internet stattfinden.
Gibt es für Sie einen Grund, linksextreme Gewalt anders zu beurteilen als rechtsextreme?
Ich mache da einen Riesenunterschied. Tatsache ist, dass Fanatiker auf allen Seiten eine Gefahr sind und deshalb auch mit der gleichen Härte und Gerechtigkeit bekämpft werden müssen. Aber die Motivation der Linksradikalen unterscheidet sich doch deutlich von der der Rechtsradikalen. Die Autonomen sind als Gegner auch berechenbarer und nicht so niederträchtig wie die Rechten, die sich immer nur die schwächsten Glieder in der Gesellschaft als Feinde aussuchen. Die Linksradikalen hingegen greifen nicht irgendwelche Leute aus dem Volk an, sondern sind, auch wenn ihr Weltbild noch so verquast und unrichtig zu sein scheint, durchaus bereit, sich gegen Überlegenes, auch eine vielleicht nur eingebildete Macht aufzulehnen. Ich glaube auch, dass man mit diesen Leuten noch verhandeln kann. Vielleicht ist das Quatsch, aber es ist meine Meinung.
Ist Ihnen Günter Grass zuletzt unsympathischer geworden?
Was heißt geworden? Sympathisch war der mir schon lange nicht. Ich halte sein Gedicht, diese Zeilen, auch für einen Fehler. Es ist bedauerlich, dass er, der in so einer Position ist und so einen Ruf hat, bereit ist, das alles zu demontieren und dann auch noch in einem Alter, in dem er das nicht mehr korrigieren kann. Er hat damit sehr viel Schaden angerichtet. Jemand, der selbst in der Waffen-SS war und das ein halbes Jahrhundert lang verschwiegen hat, muss einfach begreifen, dass er eine besondere Position einzunehmen hat. Das soll nicht heißen, dass man ihm den Mund verbieten soll oder dass er nicht israelkritisch reden darf. Das aber in so einer Form zu tun und dabei Tatsachen zu verdrehen, das steht dann bei einem Menschen mit dieser Geschichte in besonders schlimmem Licht da.
Gibt es einen Moment in den 30 Jahren Tote Hosen, in dem Sie feige waren?
Zunächst einmal glaube ich, dass Feigheit und Mut Eigenschaften sind, die in uns allen stecken und mal stärker, mal schwächer zu Tage treten. Ich hab mich selbst in meinem Leben oft erwischt, in gewissen Phasen, in denen ich irgendwie feige reagiert habe oder ängstlich, und in anderen, wo ich dann über meinen Mut erstaunt war. Ich konnte das leider nicht kontrollieren. Eine Band steht selten kollektiv in einer Situation, in der man wirklich von Mut oder Feigheit sprechen kann. Es gab die eine oder andere Straßenschlacht, wo man innerhalb von Sekunden entscheiden musste, geht man da jetzt mit rein oder nicht. Aber letztlich sind das Kinderspiele.
Ein ernsteres Beispiel war Rostock-Lichtenhagen, wo damals der rechte Mob ein Haus mit Asylbewerbern belagerte, das war in den Nachrichten, das ging über mehrere Tage. Und wir saßen alle vor unseren Fernsehern und sind da nicht hingefahren. Da muss doch spätestens am zweiten Tag die Frage hochgehen: Warum eile ich denn da jetzt nicht hin, um zu helfen und zu kämpfen? Ich wusste damals bei mir nicht: Ist es Lethargie - oder die Hoffnung, dass das die Polizei mal langsam in den Griff kriegt? Jedenfalls habe ich mich zusehends geschämt wegen meines Nichtstuns, wegen meines fassungslosen Schweigens. Wenn so etwas in Düsseldorf gewesen wäre? Ich bilde mir zumindest ein, dass ich dort auf jeden Fall hingefahren wäre, mit Freunden, um die Sache zu regeln. Aber ich kann es ja nicht beweisen.
Sie haben mal gesagt, dass Sie sich als Handwerker, nicht als Künstler verstehen. Wieso?
Wir hatten immer eine Schwierigkeit zu definieren, was wir eigentlich sein wollen oder sein können. Zu Anfang hätten wir das auch als Hochstapelei empfunden, uns als Musiker zu bezeichnen. Niemand von uns war ja gelernt. Ich halte die Bezeichnung Handwerker auch deshalb für angebracht, weil ich sie auf keinen Fall als erniedrigend empfinde. Ein guter Handwerker ist allemal besser als ein schlechter Künstler. Ein Handwerker, auf den man sich verlassen kann, und ein ordentlicher Tisch werden überall gebraucht. Da sehe ich uns von der ganzen Einstellung her. Wenn wir sagen, der Tisch ist am 31. fertig, dann ist er am 31. fertig. Vielleicht wird die neue Tote-Hosen-Platte dann nicht ein wahnsinnig geniales Meisterwerk voller sprühender Ideen - aber man bekommt einen verdammt ordentlichen Tisch.
In welchem Zusammenhang könnte man öffentliches Urinieren als Kunst begreifen?
Es mag einen Kontext geben, in dem das als Kunst deklariert werden kann. Ob das dann jemand sehen will, ist eine andere Frage. Aber wenn wir anfangen, da eine Linie zu ziehen, dann werden wir irgendwann abstürzen in diese Gefilde, wo irgendjemand bestimmt, was Kunst ist und was nicht. Dann wird es unheimlich gefährlich. Ich glaube, wir müssen da locker bleiben und die Leute machen lassen. Es filtert sich schon von selbst heraus, woran sich die Menschheit gerne erinnert und was sie für erhaltenswert erachtet.
Die Frauen-Band Rockbitch hat bei ihren Konzerten einst ein Kondom ins Publikum geworfen. Wer es gefangen hat, durfte auf der Bühne kopulieren. Wäre das nicht auch was für die Toten Hosen gewesen?
Wir hatten damals zur Damenwahl-Platte ein Set rausgebracht, das wir umsonst verteilt haben: Seife, Parfum, Kondom. Hinten beim Verpacken haben wir aus Langeweile in jede 20. Kondomtüte mit der Nadel ein Loch reingemacht. Was diesen Humor angeht, sind wir damals aber nicht weitergegangen. Das hat gereicht.
In einem Lied von Alphaville gibt es die Zeile: „Some are a melody and some are the beat.“ Was sind Sie?
Aus dem Bauch raus würde ich sofort sagen: Beat. Schlagzeug war immer mein Lieblingsinstrument. Aber ich würde die Melodie ungern außen vor lassen. Ich bin im Grunde jemand, der heimlich doch Popmusik liebt und sich auch die Abba-Best-Of geholt hat. Also die Melodie sollte nie vergessen werden, aber der Beat ist das, was einen dann dazu bringt, sich zu bewegen und innerlich von oben bis unten zu grinsen.
Wem hätte man das Schicksal, leben zu müssen, ersparen sollen?
Die Bewertung des eigenen Lebens, ob es nun ein glückliches oder unglückliches ist, die muss man in letzter Konsequenz jedem Menschen selbst überlassen. Deshalb glaube ich auch, dass Menschen, die Selbstmord begehen, nicht verachtet werden sollten. Wenn jemand zu dem Schluss kommt, dass der Tod die beste Option ist, dann ist das traurig und tragisch, es hat aber erstmal nichts mit Feigheit zu tun.
Wenn Sie in Ihrem Leben nur noch eine Reise unternehmen dürften: Würden Sie dann an einen Ort fahren, den Sie schon kennen? Oder gerade nicht?
Eine Option wäre, nach Cornwall zu fahren, woher die Familie meiner Mutter stammt. Daran habe ich die besten Kindheitserinnerungen. Eine andere Seite in mir sagt: Schau Dir noch mal was Neues an! Weil ich auf meiner Liste aber grade kein Land habe, was ich noch gesehen haben müsste, wäre es am Ende wohl doch die Rückkehr und nicht das Weiterlaufen.
Sie können wählen: Alkohol im Wert von 5000 Euro - oder 2500 Euro in bar.
Früher hätte ich gefragt, ob man noch alle Tassen im Schrank hat, diese Frage überhaupt zu stellen: 2500 Euro in bar waren damals 2500 Euro für Alkohol. Ich bin mir auch sicher, dass ich in meinem Leben noch Alkohol im Wert von 5000 Euro erledigen werde. Insofern wäre das auch heute keine Fehlinvestition. Trotzdem würde ich mich wohl für die 2500 entscheiden und mir vielleicht ein bisschen Obst und ein paar Joghurts kaufen, um sagen zu können: Das hab ich jetzt in meine Gesundheit investiert. Und den Alkohol, da bestraf’ ich mich jetzt mal dafür, dass ich den wenigstens selbst zahlen muss. Ich kann heute Wochen verbringen, ohne überhaupt zu merken, dass ich keinen Alkohol getrunken habe. Ich glaube aber trotzdem, dass ein Arzt mich als Gesellschafts-Alkoholiker bezeichnen würde. Mir fällt es schwer, nichts zu trinken, wenn andere trinken. Ansonsten spielt bei mir Alkohol keine große Rolle mehr.
Sind Bewunderung und Liebe einander Freunde oder Feinde?
Das eigene Verhalten, auch die Gefühlswelt, ändert sich, wenn man überall, wohin man kommt, vereinnahmt und umarmt wird. Da läuft man Gefahr, nicht mehr zu wissen, wen man denn jetzt selbst liebt oder umarmen möchte. Der Rettungsschlüssel, um mit der ungerechtfertigten überschwänglichen Euphorie umzugehen, ist eine feste Beziehung, in der Bewunderung und Liebe keine Feinde sein müssen. Wenn sie beidseitig sind und ineinander übergehen, dann ist das etwas unheimlich Schönes.
Denken Sie, es macht den Tod erträglicher, wenn die Aussicht besteht, dass man, etwa in seinen Liedern, fortlebt?
Ich würde das nicht so hoch hängen, denn wenn es ans Eingemachte geht, bringt einem das alles relativ wenig. Ich gebe aber zu, dass es ein ganz schönes Gefühl ist, dass wir die Möglichkeit haben, Spuren zu hinterlassen. Dass das eine oder andere Lied in 20 Jahren noch nachvollziehbar ist und Emotionen bei den Menschen auslöst.
Wollten Sie je in Ihrem Leben mit jemand anderem tauschen?
Man muss nicht Campino sein, um ein gutes Leben zu haben. Aber ich bin nicht unzufrieden und muss auch nicht krampfhaft denken: Ach, in einem anderen Lebens wär’s feiner gewesen. Ich kann sowieso nur mit 65.000 anderen Menschen tauschen: mit all denen, die 2005 beim Champions-League-Sieg von Liverpool in Istanbul waren. Etwas anderes kommt ja nicht in Frage. Gerechtigkeit auf Erden heißt für mich, dass jeder nur 24 Stunden am Tag hat und Du nicht gleichzeitig der Michael Schumacher und der Jürgen Klinsmann sein kannst. Du musst eine Option ziehen. Und wenn Du Glück hast, dann sorgt das Leben dafür, dass es die Sache ist, die Dir am meisten liegt.
Warum könnte es sinnvoll sein, das Leben so anzulegen, dass es jederzeit Stoff für einen Roman bieten könnte?
Auch die abenteuerlichste Geschichte ist lasch, wenn sie schlecht erzählt ist. Wer nix erlebt hat, aber das unheimlich gut erzählen kann, liegt vorne. Man muss nicht immer durch alle möglichen Höhen und Tiefen rasen, um dann nachher ’ne gute Geschichte daraus machen zu können. Trotzdem würde ich ein Leben mit Höhen und Tiefen immer einem Leben im emotionalen Durchschnitt vorziehen. Das mag anstrengender sein, aber ich möchte den extremen Geschmack haben. Euphorie und Niederlage will ich gespürt haben, um am Ende sagen zu können: Ich hab’ von allem probiert.
Campino
Closed via SSO (danyandfrank)
- 03.05.2012, 09:52 Uhr
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Ralf Müller (RalMue)
- 03.05.2012, 09:41 Uhr
Werter Herr Frege,
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 03.05.2012, 00:31 Uhr