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Campino im Gespräch : „Ich will Euphorie und Niederlage spüren“

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„Man muss nicht Campino sein, um ein gutes Leben zu haben.“ Bild: Marcus Kaufhold

Seit 30 Jahren rocken die Toten Hosen durch Deutschland und die Welt. Ein Gespräch mit Frontmann Campino über Politik und Musik, Feigheit und Mut, Handwerk und Kunst, Leben und Tod.

          Campino, was halten Sie am ehesten für entbehrlich: das Wahre, das Schöne oder das Gute?

          Das Schöne. Das Wahre muss auch nicht unbedingt sein. Auf jeden Fall aber das Gute, das ist für mich die Substanz, während die Schönheit nur das Sahnehäubchen ist, die in kaum einem Bereich meines Lebens entscheidend ist. Englischer Fußball ist nicht schön, sondern kämpferisch. Auch die Toten Hosen spielen nicht schön, aber sie kämpfen.

          Hat es etwas mit Rock ’n’ Roll zu tun, die Piratenpartei zu wählen?

          Gar nichts. Das ist kein wahres Revoluzzertum und letztendlich ein Ergebnis der Frustration über die etablierten Parteien. Die Piraten, die sich diesen Namen clever, aber zu Unrecht unter den Nagel gerissen haben, sind für mich bisher nicht mehr als eine chaotisierte Form der FDP. Das ist mit mir so nicht zu machen. Aber: Gewisse Dinge können die anderen von ihnen lernen. Die politische Auseinandersetzung wird in Zukunft deutlich stärker im Internet stattfinden.

          „Schönheit ist nur das Sahnehäubchen“: die Hosen irgendwann um 1991

          Gibt es für Sie einen Grund, linksextreme Gewalt anders zu beurteilen als rechtsextreme?

          Ich mache da einen Riesenunterschied. Tatsache ist, dass Fanatiker auf allen Seiten eine Gefahr sind und deshalb auch mit der gleichen Härte und Gerechtigkeit bekämpft werden müssen. Aber die Motivation der Linksradikalen unterscheidet sich doch deutlich von der der Rechtsradikalen. Die Autonomen sind als Gegner auch berechenbarer und nicht so niederträchtig wie die Rechten, die sich immer nur die schwächsten Glieder in der Gesellschaft als Feinde aussuchen. Die Linksradikalen hingegen greifen nicht irgendwelche Leute aus dem Volk an, sondern sind, auch wenn ihr Weltbild noch so verquast und unrichtig zu sein scheint, durchaus bereit, sich gegen Überlegenes, auch eine vielleicht nur eingebildete Macht aufzulehnen. Ich glaube auch, dass man mit diesen Leuten noch verhandeln kann. Vielleicht ist das Quatsch, aber es ist meine Meinung.

          Ist Ihnen Günter Grass zuletzt unsympathischer geworden?

          Was heißt geworden? Sympathisch war der mir schon lange nicht. Ich halte sein Gedicht, diese Zeilen, auch für einen Fehler. Es ist bedauerlich, dass er, der in so einer Position ist und so einen Ruf hat, bereit ist, das alles zu demontieren und dann auch noch in einem Alter, in dem er das nicht mehr korrigieren kann. Er hat damit sehr viel Schaden angerichtet. Jemand, der selbst in der Waffen-SS war und das ein halbes Jahrhundert lang verschwiegen hat, muss einfach begreifen, dass er eine besondere Position einzunehmen hat. Das soll nicht heißen, dass man ihm den Mund verbieten soll oder dass er nicht israelkritisch reden darf. Das aber in so einer Form zu tun und dabei Tatsachen zu verdrehen, das steht dann bei einem Menschen mit dieser Geschichte in besonders schlimmem Licht da.

          Gibt es einen Moment in den 30 Jahren Tote Hosen, in dem Sie feige waren?

          Zunächst einmal glaube ich, dass Feigheit und Mut Eigenschaften sind, die in uns allen stecken und mal stärker, mal schwächer zu Tage treten. Ich hab mich selbst in meinem Leben oft erwischt, in gewissen Phasen, in denen ich irgendwie feige reagiert habe oder ängstlich, und in anderen, wo ich dann über meinen Mut erstaunt war. Ich konnte das leider nicht kontrollieren. Eine Band steht selten kollektiv in einer Situation, in der man wirklich von Mut oder Feigheit sprechen kann. Es gab die eine oder andere Straßenschlacht, wo man innerhalb von Sekunden entscheiden musste, geht man da jetzt mit rein oder nicht. Aber letztlich sind das Kinderspiele.

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