21.12.2003 · Das ausgebrannte Skelett eines deutschen Reisebusses mit elf verkohlten Leichen - es ist ein Bild des Grauens, das sich am am belgisch-französischen Grenzübergang Hensies bietet. Auf unheimliche Weise wirken die Bilder vertraut.
Bei einem schweren Unfall eines bayerischen Reisebusses sind am Samstag in Belgien 11 Menschen verbrannt. 37 Reisende konnten sich aus den Flammen retten und wurden zumeist nur leicht verletzt. Überwiegend handelt es sich nach Angaben der Rettungsdienste um Studenten im Alter unter 25 Jahren.
Elf Leichen wurden in dem Bus gefunden. Diese Zahl nannte Staatsanwalt Claude Michaux am Nachmittag bei einer Pressekonferenz in Hensies an der Grenze zu Frankreich. Seit dem Unfall am frühen Samstagmorgen war stets von zwölf Toten berichtet worden.
Nach dem Start in München waren die Reisenden nach Angaben des Reiseveranstalters mit Stopps in Augsburg, Ulm, Stuttgart, und Köln auf dem Weg nach Paris. Die meisten Passagiere kommen aus Deutschland. Aber auch junge Menschen aus Russland, Kroatien, der Mongolei und der Ukraine waren dabei. Die Identität der Toten konnte vorerst nicht festgestellt werden.
Ursache ungeklärt
An der belgisch-französischen Grenze kam es gegen 5.20 Uhr am Samstagmorgen zu dem verheerenden Unfall. Aus noch ungeklärter Ursache streifte der Bus bei einer Fahrbahnverengung über mehrere hundert Meter an Betonteilen in der Mitte der Fahrbahn entlang, berichtete die belgische Staatsanwaltschaft. Der Bus ging sofort in Flammen auf.
Zeugen des Busunglücks berichten von erschütternden Szenen. „Es war wie ein Feuerball“, sagt der Spanier José Otero, dem noch immer der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht. Ein lauter Knall weckte den in seiner Kabine schlafenden Sattelschlepper-Fahrer kurz vor halb sechs Uhr morgens. „Ich öffnete das Fenster und sah den Bus in Flammen. Das Ganze dauerte fünf bis zehn Minuten. Leute sprangen aus den Fenstern, sie schrien. Ein junger Mann rief, daß seine Schwester immer noch im Bus sei.“
Lastwagen-Fahrer sahen eine „Feuerkugel“, die sich vom hinteren Teil des Busses schnell nach vorne fraß. Experten rekonstruieren mühsam den Unfallhergang, doch alles deutet auf menschliches Versagen hin. Einem Lastwagenfahrer zufolge, der dem Unglücksbus in der morgendlichen Dunkelheit folgte, fuhr der Bus Schlangenlinien - so als kämpfe der Fahrer mit dem Schlaf. Die verkohlte Leiche des Busfahrers wird später von Rettungskräften zur Autopsie gebracht. Haben Alkohol oder Drogen eine Rolle gespielt? Oder war der 48jährige übermüdet? Bis das Ergebnis feststeht, gibt es nach den Worten eines belgischen Ermittlers nur „eine einzige Sicherheit": Ein anderes Fahrzeug war nicht an dem Unfall auf der fast leeren Autobahn E 19 beteiligt. Die Behörden schlossen nicht aus, daß der Fahrer eingenickt war. Der Bus war nach Angaben des bayerischen Busunternehmens am Freitag um 16.45 Uhr in München losgefahren.
Zweiter Fahrer rettet 37 Menschen
Der zweite Fahrer handelte nach Angaben des Hamburger Reiseveranstalters Rainbow Tours in Sekundenschnelle und rettete so die 37 Überlebenden. „Er hat in der Schlafkabine geschlafen, wurde bei dem Unfall herausgeschleudert und hat schnell die Türe geöffnet, die verklemmt war“, sagte der Geschäftsführende Gesellschafter Mathias D. Kampmann unter Berufung auf den Mann und Zeugen.
Von dem Bus blieb nur ein schwarzes Metallgerippe übrig. Die meisten Leichen waren bis zur Unkenntlichkeit verkohlt; ihre Nationalität war zunächst unklar. Die Paßagierlisten seien dem Auswärtigen Amt geschickt worden, sagte der Rainbow-Tours- Gesellschafter. Unter den Toten seien Fahrer und Reiseleiterin. Viele der Geretteten erlitten einen Schock. Einige von ihnen wurden in einem Krankenhaus vor Ort behandelt, andere in einem Krisenzentrum in der nahe gelegenen Ortschaft Hensies betreut.
Ein Rainbow-Tours-Mitarbeiter war am Samstag unterwegs, um den raschen Rücktransport zu organisieren, sagte Kampmann. „Es handelt sich um den ersten Unfall in der 20jährigen Geschichte des Reiseunternehmens.“ Pro Jahr befördere das Unternehmen mit gecharterten Bussen rund 120 000 Menschen. Der eineinhalb Jahre alte Bus von Polster-Reisen aus Gößweinstein (Oberfranken) habe den Sicherheitsanforderungen voll entsprochen. Bei den Fahrern habe es sich um erfahrene Mitarbeiter gehandelt, sagte Busunternehmer Rainer Polster im Gößweinstein. Auch die vorgeschriebenen Lenkzeiten seien eingehalten worden.
Serie von Unglücken in Europa
Das Unglück markiert das vorläufige Ende einer Serie von Busunfällen in Europa, die in diesem Jahr mindestens 200 Menschen das Leben kostete. Sicherheitsfachleute etwa des ADAC oder der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi forderten immer wieder bessere technischen Standards und eine Verschärfung der Regeln für Unternehmer und Buspersonal. Unmittelbar vor dem jüngsten Unglück beschloß der Bundesrat am Freitag eine Verordnung, nach der vom Frühjahr an das Anlegen von Sicherheitsgurten in Bussen Pflicht ist. Der ADAC fordert auch die Ausstattung mit Abstandsradar und schwer brennbaren Materialien bei der Innenausstattung.