03.04.2006 · Ablenkungsmanöver: Die wohl seltsamste Sondereinheit der Bundeswehr bringt Künstler in Krisengebiete, um bei deutschen Soldaten im Ausland für Stimmung zu sorgen.
Von Gunnar LeueSpätestens seit Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsfilm „Apocalypse Now“ haben Zivilisten eine genaue Vorstellung von Truppenbetreuung. Freilich keine gute, denn das Playmate-Einsatzkommando für die Urwald-Show mündete im Fiasko. Weniger exzessiv, in seiner Imagewirkung aber ähnlich desaströs endete vor einigen Jahren eine Maßnahme der Truppenbetreuung bei der Bundeswehr, die Soldatenkontingente im Ausland ab und zu mit Live-Unterhaltung versorgt. Ein DJ hatte zwei Background-Sängerinnen mitgebracht, die sich als Stripperinnen entpuppten. Massiver Ärger mit einer Soldaten-Ehefrau war die Folge.
„Eine unschöne Sache, weil die Familie für die Soldaten extrem wichtig ist. Es ist allerdings das einzige Mal, daß wir so eine negative Überraschung erlebt haben“, sagt Hauptmann Alexander Voigt, der den Vorfall nur vom Hörensagen kennt, weil er sich vor seiner Zeit als Chef der kulturellen Truppenbetreuung zutrug. Der Neunundzwanzigjährige leitet die wohl seltsamste Sondereinheit der Bundeswehr: eine Art Booking-Agentur, untergebracht in der Potsdamer Henning-von-Tresckow-Kaserne. Hauptmann Voigt und drei Feldwebel sind dort dafür zuständig, den deutschen Soldaten in Bosnien, im Kosovo, in Afghanistan und bald wohl im Kongo außer DVDs und Zeitschriften leibhaftige Unterhalter zu schicken. Das Zimmer der Feldwebel erinnert daher mehr an eine Musikredaktion: Poster von diversen Bands an den Wänden, auf dem Tisch CDs von Gruppen namens „Jailrock“, „Peppermint“ oder „Dirty Deeds“.
Künstler auf Unterhaltungsmission
Was Alexander Voigt im bescheidenen Umfang organisiert, ist für die - übrigens privat finanzierte - „United Service Organisation“ (USO) der Amerikaner längst eine Großoperation. Sie versorgt GIs rund um den Globus mit Ablenkungskräften, darunter auch Pop-Kaliber wie Mariah Carey, die im Kosovo auftrat, oder Bruce Willis, der vor US-Soldaten im Irak sang. Auch die Briten haben eine Entertainment-Organisation für die Armee: die CSE, die Kleinkünstler auf Flugzeugträger verschifft oder das Ex-Spice-Girl Geri Halliwell zu Soldaten nach Oman schickte.
Seit nun auch deutsche Soldaten im Zusammenhang mit UN-Friedensmissionen in Krisengebieten stationiert sind, folgen ihnen Künstler auf Unterhaltungsmission. Im vergangenen Jahr gab es dreißig Musikerauftritte in Stützpunkten auf dem Balkan und in Afghanistan, nachdem zuvor schon unter anderen die „No Angels“ für die Kfor-Soldaten im Kosovo und Xavier Naidoo mit den „Söhnen Mannheims“ für die Sfor-Truppen in Bosnien konzertiert hatten. Auch Peter Maffay spielte im Sommer 2005 im Kabuler Isaf-Camp vor tausend deutschen Soldaten.
An Interessenten herrscht kein Mangel
Meist jedoch werden weniger bekannte Bands eingeflogen, gern auch Cover-Bands. Schließlich geht es in erster Linie darum, gute Stimmung zu verbreiten und nicht darum, Geld zu verdienen oder ein aktuelles Album zu bewerben. Die deutschen Künstler bekommen nämlich im Gegensatz zu Briten und Amerikanern keine Gage. Ihnen werden lediglich die Reisekosten ersetzt, außerdem ist man beim Transport des Equipments behilflich. „Außer dem Jubel der Soldaten am Konzertabend kann man nichts gewinnen“, sagt Hauptmann Voigt. „Wir können nur mit neuen Erfahrungen locken, nicht mit Geld“, ergänzt Feldwebel Dana Thieme.
Damit die Musiker auch „Eindrücke von Land und Leuten in einem ehemaligen Kriegsgebiet“ erhalten, werden sie zum Beispiel zu den zerstörten Olympiastätten in Sarajevo gefahren. An Interessenten herrscht dennoch kein Mangel, was wiederum Sorgfalt bei der Auswahl der Bands erforderlich macht. Für Voigt ist politische Korrektheit ein sehr wichtiges Kriterium: „Böhse Onkelz ginge gar nicht.“
Konfliktforscher dürfte er damit kaum besänftigen. Sie zählen auch die musikalische Truppenbetreuung zu den „schleichenden Formen der Banalisierung des Gewaltapparats Militär und seines Einsatzes“. Aber darüber zerbrechen sich die Unterhaltungsmakler nicht den Kopf. Außerdem hat sich das Wirken der exotischen Außenstelle des deutschen Konzertbetriebs längst herumgesprochen, und etliche Bands fragen um Aufträge nach.
Massenkompatibilität ist entscheidend
Nicht zuletzt kommen etliche Wünsche auch von den Soldaten selbst. „Viele sind unrealistisch, da fallen Namen wie U2 und Rammstein“, berichtet Voigt. Gern werden auch regionale Berühmtheiten aus der Heimat vorgeschlagen. Die vier Leute umfassende Sondereinheit macht sich dann kundig, begutachtet CDs und Internetseiten und fragt bei den Musikern an. Manche lassen wissen, daß sie bei der Bundeswehr prinzipiell nicht auftreten. Entscheidend bei der Tauglichkeitsprüfung sei, ob die Band massenkompatibel ist, erzählt Voigt, der privat ein Fan eher härteren Rocks der Marke „Type O Negative“ ist.
Daß sein „individueller Geschmack keine Rolle spielt“, glaubt man ihm sofort, wenn man erfährt, daß auch schon „Die Wiesenfelder“ aus Franken für Stimmung in deutschen Militärcamps sorgten. Überhaupt sind Stimmungskanonen bei den vom Dienst gelangweilten Bundeswehrsoldaten im Ausland allemal eher gefragt als hochprofessionelle Künstler. Auch Mädchenbands seien willkommen, wird versichert. Überhaupt zeigen sich die Militärs eher generös: Kriegsdienstverweigerer sind kein Problem, nur Bands, die wegen rechts- oder linksradikaler Texte auf dem Index stehen.
„Planet Kabul“
Bei „Melotron“ gab es damit keine Schwierigkeiten. Die Drei-mannband aus Neubrandenburg macht seit zehn Jahren soften Synthipop. Ihr Debütalbum hieß zwar „Mörderwerk“, aber das war genausowenig antimilitaristisch gemeint, wie das Nachfolgealbum „Weltfrieden“ ein pazifistisches Manifest ist. Auf den Bundeswehr-Trip, der sie im Juni 2005 nach Kabul führte, kam die Gruppe durch eine befreundete Band, die schon mal im Kosovo und in Bosnien aufgetreten war, aber nicht nach Afghanistan wollte. Die drei Musiker sind keineswegs Militärfans. Zwei haben nicht mal gedient, weil die Wende dazwischenkam. Ihr aus dem Westen stammender Produzent und Techniker hatte schon in den achtziger Jahren den Dienst bei der Bundeswehr verweigert: Er wollte im Ernstfall nicht auf seinen ostdeutschen Cousin schießen müssen.
Der deutsch-deutsche Ernstfall ist bekanntlich ausgeblieben. Statt dessen steht die gesamtdeutsche Bundeswehr nun so tief im Osten, daß die Jungs von Melotron im „Planet Kabul“ landeten. Dieses Zelt mit Tresen ist das Zentrum des Live-Entertainments im Isaf-Lager „Camp Warehouse“, dessen Soldaten, darunter 1300 deutsche, niemals Ausgang haben. Um so dankbarer sind sie für jede Abwechslung. Kritik an der Musikerauswahl gab es von ihnen noch nicht, was Truppenbetreuer freut.
In gar nicht guter Erinnerung ist allerdings noch der Klampfeinsatz des Countrybarden Gunter Gabriel im Kosovo. Der Freund des kleinen Dienstgradträgers hatte dort 2001 zwar einen anrührenden Song geboten („Es steht ein Haus in Kosovo“), aber offenbar wegen seiner trinkfesten Band-Musiker einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Eine Einladung der Bundeswehr nach Kabul ist daher unwahrscheinlich. Statt dessen möchte ihn ein Fan nach Afghanistan lotsen, nämlich der Chef des Restaurants „Deutscher Hof“. Der Mann war früher Bundeswehr-Koch.