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Veröffentlicht: 25.06.2016, 19:49 Uhr

Integration Sprachlos in Deutschland

Die Bundesregierung will das Angebot an Integrationskursen massiv ausweiten. Doch vielerorts sind die Wartelisten lang – weil die Ausbilder fehlen. Dem Beruf als Integrationslehrer fehlt es an Perspektive.

von Philipp Beng
© dpa In Deutschland angekommen: Integrationskurse sollen Migranten helfen, doch es fehlt an Geld.

Verkehrte Welt in einem hellen Saal der Volkshochschule Wiesbaden: An einem Freitagnachmittag werden Lehrer hier zu Schülern. „Wie erkläre ich einem Iraker oder Syrer, der kein Deutsch kann, was die Wörter ‚Zug‘ oder ‚Tasse‘ bedeuten?“ Ana Arambašić, klein und blond, schaut fragend in die Runde. 14 Frauen starren zurück, eine hebt schließlich zögerlich die Hand: „Mit Bildern?“ „Ja, ganz richtig, durch Fotos und Bilder zum Beispiel“, antwortet Arambašić und notiert den Gedanken mit einem bunten Filzstift auf einem Flipchart. „Wie noch?“ Abgefragt werden, das ist neu für die Teilnehmerinnen der Fortbildung. Normalerweise sind sie es, die die Fragen stellen und eigene Schüler prüfen. Nun sitzen sie selbst im Stuhlkreis und müssen pauken. Ihr Ziel ist es, zu lernen, wie sie Migranten erfolgreich Deutsch beibringen.

Während in Wiesbaden der Aufbau eines neuen Wortschatzes geprobt wird, sind auf Bundesebene viel größere Bauarbeiten im Gange: Nachdem 2015 eine Rekordzahl an Flüchtlingen nach Deutschland gelangt ist, müssen die Menschen, die bleiben dürfen, möglichst schnell eingegliedert werden. Wichtigstes Werkzeug sind dabei die Integrationskurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Die aber haben sich zu einem Nadelöhr des Verfahrens entwickelt. Denn statt der einstmals für 2016 veranschlagten 300.000 sollen nun 550.000 Menschen die Kurse besuchen – dreimal so viel wie 2015. Das ist eine erhebliche Belastung insbesondere für die Volkshochschulen, die etwa 40 Prozent der Klassen veranstalten. Resultat: „Die Volkshochschulen wissen nicht mehr, wo hinten und wo vorne ist“, sagt Barbara von der Meden vom hessischen Volkshochschulverband.

Neue Zielmarke

Grund für die neue Zielmarke für die Kurse, die Zuwanderern seit 2005 ausreichend Deutsch für den Arbeitsmarkt und die wichtigsten Eckpunkte des Grundgesetzes beibringen sollen: Bisher saßen dort vor allem Einwanderer aus anderen EU-Staaten sowie anerkannte Asylbewerber und Familienmitglieder bereits hier lebender Ausländer. Doch angesichts der Flüchtlingskrise hat die Regierung erkannt, dass Integration schneller passieren muss, als die Mühlen des Asylapparats mahlen. Deshalb werden jetzt auch Flüchtlinge mit einer guten Bleibeperspektive zugelassen, also Einwanderer aus Eritrea, Irak, Iran und Syrien. Sie haben erfahrungsgemäß die größten Chancen auf Anerkennung ihrer Asylanträge.

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Ebendeshalb ist der Bedarf an Kursleitern in vielen Kommunen immens, und das bundesweit. Dabei müsste es genug Lehrkräfte geben: 32.000 Integrationslehrer hat das Bamf bereits zertifiziert, davon allein 16.000 in den vergangenen anderthalb Jahren. Doch laut Deutschem Volkshochschulverband treten bis zu 90 Prozent der vom Bamf qualifizierten Kursleiter den Job in Integrationsklassen gar nicht an – oder hängen ihn früh an den Nagel zugunsten von attraktiveren Festanstellungen. Vor allem reguläre Schulen buhlen um die Lehrer; in den letzten beiden Jahren sollen nach offiziellen Schätzungen 325.000 Flüchtlinge im Schulalter nach Deutschland gekommen sein.

Planungssicherheit und Geld fehlen

Julia Maas hat den Integrationskursen den Rücken gekehrt – aus wirtschaftlichen Gründen. Sie unterrichtete dort jahrelang Deutsch, bis es ihr irgendwann reichte. „Es kam einfach nichts dabei rum, rein finanziell“, sagt sie. „Und auf Dauer konnte auch keine Planungssicherheit entstehen.“ Heute unterrichtet Maas an einer privaten Grundschule. Insbesondere die Vorteile einer Festanstellung – Lohnfortzahlungen, Urlaubszeit und ein Arbeitgeber, der sich an Sozial- und Rentenversicherung beteiligt – entlasten sie. „Ich muss nicht mehr wie besessen arbeiten, weil ich denke: Vielleicht bin ich nächsten Monat krank und verdiene gar nichts.“ Wenn sie heute noch Deutschunterricht für Einwanderer gibt, dann nur noch ehrenamtlich. „Die Politik sagt immer, Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Aber sie wird erst aufwachen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist“, sagt Maas heute. „Und das wird nicht mehr lange dauern.“

40737869 © Cornelsen Schulverlage/Christoph Grundmann Vergrößern Über eine halbe Million Migranten sollen dieses Jahr in Integrationskursen unterkommen: Illustration aus einem Lehrbuch über das „Leben in Deutschland“.

Um überhaupt als Integrationslehrer arbeiten zu können, müssen viele Bewerber Fortbildungen wie die in Wiesbaden absolvieren. Das Bamf schreibt diese Zusatzqualifizierung vor: Wer keinen Studienabschluss in Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache oder eine vergleichbare Qualifikation hat, bekommt hier innerhalb weniger Wochen oder Monate einen Abriss dessen vermittelt, was im Regelfall fünf Jahre Hochschulstudium bedeutet. Doch die Plätze der 18 vom Bamf zertifizierten Ausbildungsstätten, die es deutschlandweit gibt, sind ausgebucht. Inzwischen sind die Wartezeiten für potentielle Kursleiter länger als die für die Teilnehmer von Integrationskursen. Wer sich um eine Ausbildung bemüht, muss sich fast überall bis zum Frühjahr 2017 gedulden. „Die meisten unserer Teilnehmer warten seit Anfang 2015 auf einen Platz“, sagt Vera Seibel, die den Lehrgang in Wiesbaden an der Seite von Arambašić leitet. Die Institute, die die Qualifizierungen vornehmen, haben längst die Grenze ihrer Kapazitäten erreicht. Ihnen fehlen nicht Bewerber, sondern Referenten für die Weiterbildungen – Lehrer für die angehenden Lehrer. Noch so ein Nadelöhr.

Schlechte Aussichten auf ständige Bezahlung

Ist der Bewerber aber erst mal ausgebildet, findet sich auch ein Job. Nur: „Die Aussichten auf eine anständige Bezahlung sind schlecht“, sagt eine der Integrationslehrerinnen in spe. „Meine Hoffnung ist, dass sich das ändert.“ 23 bis 25 Euro erhielten die Kursleiter bisher pro Unterrichtseinheit, Vor- und Nachbereitung nicht eingeschlossen. Dass das zu wenig ist, um qualifizierte Kandidaten zu binden, hat die Politik eingesehen: Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat beschlossen, den Betrag auf 35 Euro zu erhöhen. Das umzusetzen liegt jetzt beim Innenministerium. Doch bis jetzt soll der Etat nicht aufgestockt werden: Die 559 Millionen Euro, die einst für 300.000 Kursplätze ausgelegt waren, sollen auch für 550.000 reichen. Ein Ministeriumssprecher hält das für „auskömmlich veranschlagt“; man wolle bei Bedarf nachsteuern.

Lehrerinitiativen sehen das Versprechen höherer Honorare trotzdem mit Skepsis. „Selbst wenn diese Erhöhung wirklich kommt, wird das nicht reichen“, sagt beispielsweise Stephan Pabel vom Bonner Offenen Kreis. „Was wir wollen, sind Festanstellungen, wie sie Berufsschullehrer haben. Wir haben schließlich ähnliche Aufgaben.“ Dass etwa manche seiner Kollegen ihr Einkommen durch Hartz IV aufstocken müssten, sei nicht hinnehmbar. „Wir sind quasi Sub-Sub-Subunternehmer des Innenministeriums und des Bamf.“ Pabel hofft auf eine tarifliche Bezahlung, mindestens 3000 Euro Bruttogehalt und eine maximale Arbeitsbelastung von 39 Stunden pro Woche.

Heterogene Gruppe

Doch den Traum von der Festanstellung teilen nicht alle Betroffenen. Die Gruppe angehender Integrationslehrer ist so heterogen wie die Zielgruppe ihrer Kurse: Frauen in den Zwanzigern und im Rentenalter sitzen hier, längst nicht alle sind studierte Pädagoginnen. Die 700 bis 1400 Euro Gebühr für die Fortbildung zahlt mal ein Kulturverein, mal die Arbeitsagentur, mal der Teilnehmer selbst. Zurückerstattet wird das Geld nur, wenn sie sich in absehbarer Zeit nicht – wie Julia Maas – abwerben lassen. Auf dem freien Markt hat sich die Zusatzqualifikation des Bamf längst zum Gütesiegel entwickelt.

40737881 © Cornelsen Schulverlage/Christoph Grundmann Vergrößern In der Sprache liegt der Schlüssel zur Integration: Vielen Migranten fehlt die Möglichkeit an Kursen teilzunehmen.

Die Fortbildung fordert den Teilnehmern viel ab. Didaktikeinheiten, Unterrichtsplanung und zielorientiertes Arbeiten mit Menschen unterschiedlicher Kulturen stehen auf dem Lehrplan. „Es ist mehr Aufwand als gedacht“, sagt eine Teilnehmerin. „Wir arbeiten ja auch fast alle nebenbei. Ein bisschen erinnert es mich an die Uni.“ Viele von ihnen leiten schon jetzt unter der Woche die Kurse, für die sie parallel erst ausgebildet werden. Um dem akuten Lehrkraftmangel zu begegnen, hat das Bamf seine Anforderungen gelockert: Jetzt reicht es schon, die Zusatzqualifikation anzustreben, um vor eine Integrationsklasse zu treten. Die absolvierte Fortbildung muss erst bis Jahresende nachgereicht werden.

Zeitgleich lässt das Bamf auch immer mehr Bewerber aus Berufsgruppen zu, die wenig bis keine Erfahrung mit Sprachenunterricht oder noch nie vor einer Klasse gestanden haben. Ausbilder berichten von Krankenschwestern, Sport- und Chemielehrern, die sich inzwischen für Schnellkurse zum Deutschdozenten eintragen wollten. Inzwischen lehnt das Bamf aus der Masse der Quereinsteiger jeden vierten ab. „Da kommen teilweise Leute aus unseren Qualifikationen, die ich selbst nicht als Deutschlehrer anstellen würde“, erklärt die Leiterin eines Instituts, das sowohl Kursleiter ausbildet als auch Integrationskurse durchführt. „Es zeigt sich dann: Diesen Job kann eben doch nicht jeder.“ Die Zugeständnisse des Bamf sind eine Notlösung. „Natürlich geht das zu Lasten der Qualität“, sagt Matthias Jung, Vorsitzender des Fachverbands Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. „Weniger geeignete Lehrkräfte bedeuten negative Folgen für Motivation und Lernerfolg der Migranten.“

„Das ist ein echter Beruf“

Die Wiesbadener Ausbilderin Arambašić hofft trotzdem, dass sich das Engagement ihrer Teilnehmer auszahlt, wenn sie den Stuhlkreis in einigen Wochen als zertifizierte Kursleiter verlassen. „Die Integrationslehrer brauchen einfach gesellschaftliche Anerkennung für das, was sie tun“, sagt sie. „Das ist ein echter Beruf, harte Arbeit. Und wenn ich abends heimkomme, bin ich müde.“

Unter ihren Kandidatinnen sind auch Frauen, die einst selbst nach Deutschland eingewandert sind, aus der Ukraine und Rumänien zum Beispiel. Sie wollen ihre Erfahrung mit der Ankunft in Deutschland an die nächste Generation von Zuwanderern weiterreichen. Eine Teilnehmerin ist sicher: „Wir können mit dieser Arbeit wirklich etwas bewirken.“ Dass die angehenden Deutschlehrerinnen selbst mit Akzent sprechen, ist inzwischen auch vom Bamf abgesegnet: Seit kurzem verpflichtet es die Leiter seiner Kurse nicht mehr dazu, selbst deutsche Muttersprachler zu sein; das hohe Fremdsprachler-Niveau C1 soll dafür ausreichen. So gibt es den Neuankömmlingen die Gelegenheit, sich selbst davon zu überzeugen: Die Integration kann gelingen. Und so herb die deutsche Sprache für manche Ohren klingen mag, lernen kann man sie doch.

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