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Buddhismus : Feministin im Nonnenornat

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Jetsunma Tenzin Palmo ist die älteste westliche buddhistische Nonne der Welt Bild:

Was macht eine Frau an einem freien Montagnachmittag? Sie geht Schuhe kaufen. Da unterscheidet sich Jetsunma Tenzin Palmo nicht von anderen weiblichen Wesen. Sie ist die älteste westliche buddhistische Nonne der Welt und kämpft um Gleichberechtigung.

          Was macht eine Frau an einem freien Montagnachmittag? Sie geht Schuhe kaufen. Da unterscheidet sich Jetsunma Tenzin Palmo nicht von anderen weiblichen Wesen. In der Auswahl schon: Die Schuhe sollen bequem sein und farblich zu ihrer dunkelroten Robe passen. Seit die Engländerin vor 45 Jahren in Nordindien in den tibetischen Buddhismus ordiniert wurde, sind die Zeiten von High Heels, Make-up und „Bad Hair Days“ vorbei.

          Heute ist sie die älteste westliche buddhistische Nonne der Welt. Im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh leitet sie ein Nonnenkloster. Nicht nur ihre Novizinnen sehen sie als Vorkämpferin für das Recht von Frauen auf Bildung und spirituelle Entwicklung. Und weil sie für dieses ehrgeizige Projekt Unterstützung braucht, ist die Ehrwürdige („Jetsunma“) Tenzin Palmo in diesen Wochen in Europa unterwegs und gibt Belehrungen. Am Wochenende wollen auf Einladung des Tibetischen Zentrums in Hamburg 300 Menschen wissen, warum Entsagung auch für sie ein attraktives Ziel sein könnte. Tenzin Palmo bleibt die Antwort nicht schuldig: „Der Sinn unseres Daseins ist es nicht, Zerstreuungen nachzugehen und ein möglichst angenehmes Leben zu führen. Wir sind hier, um aufzuwachen. Right?“

          Alles im Leben ist vergänglich

          Stimmt ja, was die kleine Frau mit dem raspelkurz gestutzten grauen Haar und den blauen Augen sagt. Alles im Leben ist vergänglich. Jugend, Besitz, Beziehungen – spätestens mit dem Tod ist es vorbei. Glück kann nach buddhistischem Verständnis daher nur erringen, wer akzeptiert und loslässt, auch wenn das nach Wellness-Wörtern klingt. „Loslassen. Mit diesem einen Wort lässt sich der buddhistische Pfad zusammenfassen“, sagte Tenzin Palmo. Geben – und sei es nur ein Lächeln, etwas Zeit. Schwer zu sagen, ob es typisch buddhistischer Humor ist, den man auch vom Dalai Lama kennt, oder ein Überrest ihrer britischen Herkunft, als sie mit dramatisch hochgezogenen Augenbrauen nach einer Pause hinzufügt: „Besonders in der eigenen Familie.“

          Sie lebte in 4000 Meter Höhe in einer Höhle: acht Monate Eis und Schnee, wenig bis nichts zu essen

          Zu geben und loszulassen – Tenzin Palmo weiß, was das bedeutet. Sie kam im Juni 1943 als Diane Perry in einer Bombennacht im Osten Londons zur Welt. Ihr Vater, ein Fischhändler, starb, als sie gerade mal zwei Jahre alt war. Ihre Mutter brachte sie und ihren älteren Bruder allein durch. Von klein auf hatte sie die Gewissheit, dass der Mensch vollkommen ist – und sich nur dessen wieder bewusst werden, „erleuchtet“ werden muss. Den Weg dahin suchte sie in verschiedenen Religionen vergeblich, bis sie schließlich im Buddhismus fündig wurde. Sie gab ihre Kleider weg und ihrem Freund den Laufpass. In England brachten die Beatles 1963 die Mädchen mit „Do you want to know a secret“ um den Verstand, aber Diane war an solchen Geheimnissen nicht interessiert. Die Zwanzigjährige mit den dunklen Locken brach im selben Jahr nach Nordindien auf, um einen Lehrer zu finden. In Dalhousie begegnete sie Khamtrul Rinpoche, einem hohen Lama der Drukpa-Kagyü-Linie. „Es war, als hätte ich jemanden nach langer Zeit endlich wiedergetroffen.“ Aber sie erlebte die jämmerlichste Zeit ihres Lebens. Die Welt des tibetischen Buddhismus besteht aus uralten Strukturen. Frauen erhielten nicht dieselben Unterweisungen wie Männer und taten nur niedere Arbeiten. „Irgendwelche Typen, die einfach vorbeikamen, erhielten Unterricht, aber mir als Novizin war es nicht erlaubt.“ Sechs Jahre ging das so, „ich war völlig entnervt“. So nah dran und so weit weg von dem, was ihr, als einziger Frau unter Männern, den Zugang zu höherem Bewusstsein zu verheißen schien.

          Sie lebte in 4000 Meter Höhe in einer Höhle

          Als sie so weit war, alles aufzugeben, forderte ihr Lehrer sie auf, ihre Studien in einem entlegenen Tal an der tibetischen Grenze fortzusetzen – sechs weitere Jahre. Die wichtigste Zeit der Entsagung kam aber, als sie sich 1976 entschied, sich ganz von der Welt zurückzuziehen. In mehr als 4000 Meter Höhe lebte sie in einer Höhle, acht Monate Eis und Schnee, wenig bis nichts zu essen. Ganz selten hatte sie Kontakt mit Menschen, öfter mit Wölfen. Ihre Behausung hatte zwar eine Wand aus Lehm mit Tür und Fenster, aber es war klamm, gab kein Bad, nicht einmal ein Bett: Tenzin Palmo schlief – nur drei Stunden pro Nacht – sitzend in einer Meditationsbox. In all den zwölf Jahren lag sie nie. Die strenge Disziplin sah innere Versenkung und nur kleine Pausen vor. Was sie dabei erlebte – darüber spricht sie nicht. „Es ist zutiefst privat.“ Und es würde nur dazu verführen, sich wichtig zu fühlen. Auch aus spirituellen Erfahrungen können Egotrips werden: „Mein Lehrer ist besser, meine Erfahrungen sind tiefer . . .“

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