27.05.2009 · Was macht eine Frau an einem freien Montagnachmittag? Sie geht Schuhe kaufen. Da unterscheidet sich Jetsunma Tenzin Palmo nicht von anderen weiblichen Wesen. Sie ist die älteste westliche buddhistische Nonne der Welt und kämpft um Gleichberechtigung.
Von Andrea FreundWas macht eine Frau an einem freien Montagnachmittag? Sie geht Schuhe kaufen. Da unterscheidet sich Jetsunma Tenzin Palmo nicht von anderen weiblichen Wesen. In der Auswahl schon: Die Schuhe sollen bequem sein und farblich zu ihrer dunkelroten Robe passen. Seit die Engländerin vor 45 Jahren in Nordindien in den tibetischen Buddhismus ordiniert wurde, sind die Zeiten von High Heels, Make-up und „Bad Hair Days“ vorbei.
Heute ist sie die älteste westliche buddhistische Nonne der Welt. Im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh leitet sie ein Nonnenkloster. Nicht nur ihre Novizinnen sehen sie als Vorkämpferin für das Recht von Frauen auf Bildung und spirituelle Entwicklung. Und weil sie für dieses ehrgeizige Projekt Unterstützung braucht, ist die Ehrwürdige („Jetsunma“) Tenzin Palmo in diesen Wochen in Europa unterwegs und gibt Belehrungen. Am Wochenende wollen auf Einladung des Tibetischen Zentrums in Hamburg 300 Menschen wissen, warum Entsagung auch für sie ein attraktives Ziel sein könnte. Tenzin Palmo bleibt die Antwort nicht schuldig: „Der Sinn unseres Daseins ist es nicht, Zerstreuungen nachzugehen und ein möglichst angenehmes Leben zu führen. Wir sind hier, um aufzuwachen. Right?“
Alles im Leben ist vergänglich
Stimmt ja, was die kleine Frau mit dem raspelkurz gestutzten grauen Haar und den blauen Augen sagt. Alles im Leben ist vergänglich. Jugend, Besitz, Beziehungen – spätestens mit dem Tod ist es vorbei. Glück kann nach buddhistischem Verständnis daher nur erringen, wer akzeptiert und loslässt, auch wenn das nach Wellness-Wörtern klingt. „Loslassen. Mit diesem einen Wort lässt sich der buddhistische Pfad zusammenfassen“, sagte Tenzin Palmo. Geben – und sei es nur ein Lächeln, etwas Zeit. Schwer zu sagen, ob es typisch buddhistischer Humor ist, den man auch vom Dalai Lama kennt, oder ein Überrest ihrer britischen Herkunft, als sie mit dramatisch hochgezogenen Augenbrauen nach einer Pause hinzufügt: „Besonders in der eigenen Familie.“
Zu geben und loszulassen – Tenzin Palmo weiß, was das bedeutet. Sie kam im Juni 1943 als Diane Perry in einer Bombennacht im Osten Londons zur Welt. Ihr Vater, ein Fischhändler, starb, als sie gerade mal zwei Jahre alt war. Ihre Mutter brachte sie und ihren älteren Bruder allein durch. Von klein auf hatte sie die Gewissheit, dass der Mensch vollkommen ist – und sich nur dessen wieder bewusst werden, „erleuchtet“ werden muss. Den Weg dahin suchte sie in verschiedenen Religionen vergeblich, bis sie schließlich im Buddhismus fündig wurde. Sie gab ihre Kleider weg und ihrem Freund den Laufpass. In England brachten die Beatles 1963 die Mädchen mit „Do you want to know a secret“ um den Verstand, aber Diane war an solchen Geheimnissen nicht interessiert. Die Zwanzigjährige mit den dunklen Locken brach im selben Jahr nach Nordindien auf, um einen Lehrer zu finden. In Dalhousie begegnete sie Khamtrul Rinpoche, einem hohen Lama der Drukpa-Kagyü-Linie. „Es war, als hätte ich jemanden nach langer Zeit endlich wiedergetroffen.“ Aber sie erlebte die jämmerlichste Zeit ihres Lebens. Die Welt des tibetischen Buddhismus besteht aus uralten Strukturen. Frauen erhielten nicht dieselben Unterweisungen wie Männer und taten nur niedere Arbeiten. „Irgendwelche Typen, die einfach vorbeikamen, erhielten Unterricht, aber mir als Novizin war es nicht erlaubt.“ Sechs Jahre ging das so, „ich war völlig entnervt“. So nah dran und so weit weg von dem, was ihr, als einziger Frau unter Männern, den Zugang zu höherem Bewusstsein zu verheißen schien.
Sie lebte in 4000 Meter Höhe in einer Höhle
Als sie so weit war, alles aufzugeben, forderte ihr Lehrer sie auf, ihre Studien in einem entlegenen Tal an der tibetischen Grenze fortzusetzen – sechs weitere Jahre. Die wichtigste Zeit der Entsagung kam aber, als sie sich 1976 entschied, sich ganz von der Welt zurückzuziehen. In mehr als 4000 Meter Höhe lebte sie in einer Höhle, acht Monate Eis und Schnee, wenig bis nichts zu essen. Ganz selten hatte sie Kontakt mit Menschen, öfter mit Wölfen. Ihre Behausung hatte zwar eine Wand aus Lehm mit Tür und Fenster, aber es war klamm, gab kein Bad, nicht einmal ein Bett: Tenzin Palmo schlief – nur drei Stunden pro Nacht – sitzend in einer Meditationsbox. In all den zwölf Jahren lag sie nie. Die strenge Disziplin sah innere Versenkung und nur kleine Pausen vor. Was sie dabei erlebte – darüber spricht sie nicht. „Es ist zutiefst privat.“ Und es würde nur dazu verführen, sich wichtig zu fühlen. Auch aus spirituellen Erfahrungen können Egotrips werden: „Mein Lehrer ist besser, meine Erfahrungen sind tiefer . . .“
Im Jahr 1988 kletterte ein Polizist in die dünne Luft ihrer Einsiedelei hinauf. Es gab Schwierigkeiten mit ihren Papieren, sie musste das Land binnen 72 Stunden verlassen, loslassen. Aber sie war ohnehin bereit zu gehen. In der Einsamkeit war ihr Entschluss gereift, ein Frauenkloster zu gründen und anderen Frauen den Weg zu erleichtern, der für sie selbst so mühevoll war. Seit 1993 reist Tenzin Palmo um die Welt, um Spenden für ihr Kloster zu sammeln. Diese Tour soll ihre letzte sein. im Jahr 2000 wurde ihr Kloster eingeweiht. Nur noch der Tempel und ein Gästehaus müssen fertiggestellt werden. 66 Nonnen leben im Dongyu-Gatsal-Ling-Nonnenkloster. Für die jungen Frauen, die meist aus abgelegenen Regionen stammen, ist es eine Chance: „Viele sind überglücklich, dass sie nicht heiraten, jedes Jahr ein Kind bekommen und harte Feldarbeit verrichten müssen – und womöglich von ihrem Ehemann verprügelt werden.“
Viele halten Frauen für unterlegen
Tenzin Palmo will die Frauen nicht nur ausbilden – sie will auch ihre volle Ordination erreichen. Bis heute ist das in vielen Traditionen des Buddhismus nicht möglich, darunter im tibetischen, wo die sogenannte Gelongma vor langer Zeit verlorenging. Obwohl sie zu Zeiten Buddhas existierte und der „Erwachte“ Männern und Frauen die Fähigkeit zur Erleuchtung zuerkannte, sorgen sich die Konservativen im tibetischen Buddhismus um die Reinheit der Lehre. Viele halten Frauen für generell unterlegen und sträuben sich gegen Gleichberechtigung in ihrem Glauben. „Nur ein neuer Buddha kann dafür sorgen“, zitiert Telzin Palmo Kritiker. Lange haben Nonnen sogar dafür gebetet, ihren Körper in einen männlichen verwandeln zu können, um so endlich ihre eigene „Buddha-Natur“ verwirklichen zu können. In einer ohnehin patriarchalischen Gesellschaft war das Selbstwertgefühl der Frauen doppelt gering.
Die volle Ordination als Nonne wird nach wie vor nur in der chinesischen Tradition des Buddhismus gegeben, wie er etwa auch in Taiwan und Korea praktiziert wird. Tenzin Palmo selbst, heute 65 Jahre alt, wurde 1973 in Hongkong ordiniert. „Viele Nonnen sind aber inzwischen viel besser ausgebildet, glauben an ihr Potential und möchten jetzt, dass dieser wichtige Vorgang in ihrer eigenen Tradition vollzogen wird.“ Die Chancen stehen besser denn je. Ein erster internationaler Nonnenkongress 2007 in Hamburg hat diese Form der Gleichberechtigung gefordert. „Sie haben jetzt das Wissen. Aber wenn sie sich jetzt nicht selbst dafür einsetzen, werden sie noch 100 Jahre studieren und doch nicht anerkannt“, sagt Telzin Palmo kämpferisch. Sie hat seine Heiligkeit, den Dalai Lama, auf ihrer Seite. Aber auch das muss nicht alles bedeuten. „Jetzt müssen die Nonnen selbst auch ran.“ Einige Meditationslehrer sagten, ihre besten Schüler seien nicht Mönche, sondern Frauen. „Anders als Männer praktizieren sie, was man ihnen sagt. Sie versuchen nicht, alles zu analysieren, und sind hingebungsvoller.“
250.000 aktive Anhänger in Deutschland
Der Buddhismus ist die viertgrößte Weltreligion. Allein in Deutschland hat er nach Angaben der Deutschen Buddhistischen Union etwa 250.000 aktive Anhänger. Und wie so oft bei Veranstaltungen zum Buddhismus oder etwa zu Yoga sind in Hamburg mehr als zwei Drittel der Teilnehmer Frauen. Für sie hat Tenzin Palmo eine gute Nachricht: Sie müssen nicht Nonne werden, um ihren Geist zu klären und der Erleuchtung näher zu kommen. Am Anfang reicht es, seine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Und zu erkennen, dass man loslassen kann – zum Beispiel diese verführerischen Gedanken an neue Schuhe.
Jetsunma Tenzin Palmo ist von diesem Dienstag bis Pfingstsonntag in Berlin zu Gast, am 1. Juni in Kassel und am 2. Juni in Frankfurt.