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Bruderkuss : Ein Bild von einem Bild

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Als Vorlage für sein Mauer-Kunstwerk diente dem Maler ein Foto der historischen Szene Bild: ddp

Am 13. August 1961, vor genau 48 Jahren, begann der Bau der Berliner Mauer. Jahre später malte ein Künstler den „Bruderkuss“ von Honecker und Breschnew auf den Beton. Das Gespür für den rechten Augenblick aber hatte ein anderer. Die Geschichte eines legendären Fotos.

          Régis Bossu hält sich gern zurück, auch wenn das nicht zu seinem Beruf passt. Er ist Pressefotograf, ein schmaler Mann, der kein Künstler ist und sich auch nicht als solcher betrachtet, der sich nicht nach vorn drängt, damit er den Augenblick trifft. Im Oktober 1979 stand er auch nicht in der ersten Reihe, sondern hinter den Kollegen mit ihren großen Apparaten. Aber diesmal war das sein Glück. Leonid Breschnew beendete eine Rede zum 30. Jahrestag der DDR. Er nahm seine Brille ab, breitete die Arme aus und schürzte die Lippen. Da drückte Régis Bossu auf den Auslöser seiner Nikon.

          Erich Honecker neigte seinen Kopf etwas mehr zur Seite als Breschnew, beide hielten die Augen geschlossen, als gäben sie sich ganz dem Moment hin. Die Lippen aufeinandergedrückt, zärtlich, ineinander verschlungen, zwei graue und faltige Männer. Später gab die französische Fotoagentur dem Bild einen Namen, als sie es an Redaktionen verschickte. „Le Baiser“, der Kuss, als wäre es das Bild eines Malers. Elf Jahre später war dieser Kuss für einen Maler aus Moskau Symbol für sein Liebesleid. Dmitri Vrubel musste sich zwischen zwei Frauen entscheiden, weshalb er „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“ unter das Bild schrieb, nachdem er es auf die Berliner Mauer gemalt hatte. Honeckers Hautfarbe wirkt grünlich, Breschnews babyrosa. Sonst sieht das Gemälde so aus wie das Schwarzweißfoto von Bossu: die Innigkeit, die Neigung der Köpfe, die Haut, die über Breschnews Kragen Falten wirft.

          Von 106 Gemälden ist der Bruderkuss das berühmteste

          Gerade hat Vrubel das Bild ein zweites Mal auf das 1,3 Kilometer lange Stück Mauer an der Mühlenstraße in Berlin gemalt, das heute East Side Gallery heißt. Zeit, Abgase und Sprayer haben ihre Spuren hinterlassen. Deshalb sollen die Künstler genau das wiederholen, was sie vor zwanzig Jahren machten, als sie auf einem Stück Mauer festhielten, was sie bei ihrem Fall fühlten.

          Der traditionelle Bruderkuss zwischen dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (l) und dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker

          Von den 106 Gemälden der East Side Gallery ist der Bruderkuss das berühmteste. Er wurde wieder und wieder fotografiert, von Touristen und Pressefotografen. Man kann ihn auf Postkarten verschicken und auf der Brust tragen, weil er inzwischen auch auf Minikleider gedruckt wird. Der Augenblick, den Régis Bossu vor dreißig Jahren festhielt, wurde erst Kunst und dann Kult.

          Anfang Oktober 1979 küssten sie sich oft. Leonid Breschnew und Erich Honecker küssten sich zur Begrüßung, zum Dank für eine Rede, zum Abschied, auf die Wangen, auf den Mund. Zwar bedeutete der Bruderkuss mehr als das Händeschütteln anderer Staatsmänner, war aber doch nur ein Begrüßungsritual unter Sozialisten. Wenn man das Bild von Bossu heute betrachtet, scheint es, als sei es damals nur um den einen Kuss gegangen. Zwei Menschen und das Ende einer Sehnsucht.

          Régis Bossu hatte nur das Teleobjektiv

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