Home
http://www.faz.net/-gum-128mh
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Botanischer Garten Gießen Vom „Hortus medicus“ zum „Garten der Evolution“

04.04.2009 ·  Der botanische Garten in Gießen besteht seit 400 Jahren und zählt zu den ältesten in Deutschland.Politiker haben ihm den Rang eines Landeskulturdenkmals gegeben. Zu erleben sind unter anderem ein Duft-und Tastgarten sowie Exemplare der ältesten Blütenpflanze der Welt.

Von Wolfram Ahlers
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Gepflegte Grünanlagen finden sich überall in Gießen. Bei dem Areal hinter dem Alten Schloss handelt es sich aber um ein besonderes Kleinod. Spaziergänger lieben die Oase der Ruhe am Rande der Innenstadt, Wissenschaftler schätzen edn Ort als Fundus für Forschung und Lehre, und Politiker haben ihm den Rang eines Landeskulturdenkmals gegeben: Der botanische Garten der Gießener Universität zählt trotzt nur knapp vier Hektar Fläche mit rund 7500 Arten zu den vielfältigsten Lehrgärten. Er ist auch der älteste botanische Garten in Deutschland. Das Refugium für Pflanzen aus allen Kontinenten hat Jubiläum - der botanische Garten wird 400 Jahre alt.

Die Anfänge gehen auf Landgraf Ludwig V. zurück, der 1609, zwei Jahre nach Gründung der Universität, der medizinischen Fakultät einen Teil seines Lustgartens am Alten Schloss für einen „Hortus medicus“, also einen Heilpflanzengarten überließ. Die Botanik hatte erst begonnen, sich zur Wissenschaft zu entwickeln. Damals wollte man vor allem solche Gewächse durch Beobachtung und Beschreibung genauer kennenlernen, die für die Verwendung in der Heilkunst in Frage kamen. Erster Leiter des Giessener „Hortus medicus“ war mit Ludwig Jungermann denn auch ein Professor, der sich als Mediziner wie als Botaniker einen Namen gemacht hatte. Es schuf ein für jene Zeit beachtliches Herbarium mit mehr als 1000 Gewächsen.

„Gesträuch und Wildnis ausrotten“

Doch der ersten Blütezeit des Gartens folgte bald der Niedergang. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges verfiel die Anlage. Als die Hochschule 1650 von Marburg nach Gießen zurückkehrte, bemühte man sich zwar um die Wiederherstellung des Hortus, dies gelang aber nur schleppend. So klagte ein Chronist, man habe den Garten „einer Wildnis gleich“ vorgefunden. Für den Wiederaufbau sei es nötig, „alles Gesträuch und Wildnis auzurotten“, und der Garten müsse „wohl observieret sein“, damit sich in Zeiten der Not niemand an den Pflanzen zu schaffen mache. Auch wenn in den folgenden Jahrzehnten ein erstes Überwinterungshaus entstand, fristete der Garten bis ins 19. Jahrhundert eine eher bescheidene Existenz.

Das änderte sich, als der Medizinprofessor Johann Bernhard Wilbrand die Leitung übernahm. Wilbrand, der zu den Bewunderern Goethes und seiner naturwissenschaftlichen Arbeiten zählte, kamen die wissenschaftlichen Fortschritte in der Pflanzenkunde zugute, womit auch die Bedeutung von Gärten für Lehre und Forschung wuchs. So wurde es unter Wilbrand möglich, den botanischen Garten beträchtlich zu erweitern. Dabei integrierte man auch den Forstgarten in die Anlage, der um 1800 in Nachbarschaft zum botanischen Garten angelegt worden war. Später kam weiteres Gelände von den ehemaligen Wallanlagen hinzu. Damit verbunden war die Umgestaltung des Gartens, unter anderem legte man einen Teich als Wasserreservoir an.

Stets im Wandel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzog sich abermals ein Wandel, als der Garten neu gegliedert wurde. Botaniker legten überarbeitete Auswahlkriterien vor, die unter der Prämisse standen, Lehre und Forschung eine breitere Palette von Gattungen und Arten zur Verfügung zu stellen. Bei dieser Neukonzeption entstand auch das Tropenhaus. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde ein Teil des botanischen Gartens durch Bomben zerstört. Den Wiederaufbau nutze man auch, neue Abteilungen zu schaffen und ein Warmwasserpflanzenhaus zu errichten.

In den zurückliegenden beiden Jahrzehnten ging es unter anderem darum, Anbauflächen für solche Pflanzen zu vergrößern, die in Hochschulkursen für Analysen besonders benötigt werden – Folge wachsender Studentenzahlen und botanischer Pflichtveranstaltungen für immer mehr Studiengänge. Zusätzliche Forschungsschwerpunkte erforderten etwa die Erweiterung der Bestände tropischer Nutzpflanzen oder den Aufbau einer Abteilung mit bestandsgefährdeten Gewächsen. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die internationale Börse für Samen und Setzlinge, an welcher der botanische Garten in Gießen beteiligt ist. Rund 500 Arten umfasst der Katalog der Gießener Samenbank nach Angaben von Volker Wissemann, wissenschaftlicher Leiter des botanischen Gartens. Sie steht für den Austausch mit mehreren hundert pflanzenkundlichen Einrichtungen in Europa und Übersee zur Verfügung, womit auch bedrohte Arten oder Raritäten aus entlegenen Gegenden der Erde überall nachgezüchtet werden können.

Duft- und Tastgarten inklusive

Seit Universität und Stadt eine Nutzungsvereinbarung trafen, hat sich das Pflanzenparadies zum Ziel von Erholungssuchenden und Laienbotanikern entwickelt. Weil die Stadt den Hortus braufsichtigen lässt, ließen sich die Öffnungszeiten verlängern und die Gewächshäuser allen Pflanzenliebhabern zugänglich machen. Es finden Führungen statt, und die Hinweistäfelchen an den Gewächsen sind erneuert worden, so dass sie für jedermann verständlich sind. Nicht zuletzt dank des Engagements vom Freundeskreis botanischer Garten sind in den vergangenen Jahren neue Wege entstanden und bestehende saniert worden. Bänke laden zur Rast in einem Park aus Bäumen ein, wo auch ein aus dem späten 18. Jahrhundert stammender Ginkgo wurzelt, ein Exemplar, das zu den ältesten seiner Art in Hessen zählt. Hinzu gekommen ist ein Duft- und Tastgarten, dessen Zusammenstellung von Beeten und Rabatten insbesondere den Bedürfnissen von Blinden und Sehbehinderten gerecht wird.

Weiteres befindet sich in Vorbereitung: Nach einem neuen Konzept der Giessener Hochschulbotaniker soll die Anlage mehr als bislang an Entstehungsgeschichte und Weiterentwicklung des Pflanzenreichs in Jahrmillionen ausgerichtet werden, wie Wissemann erläutert. Forschung und Lehre zu Biodiversität und das Veranschaulichen verschiedener Mechanismen von Anpassung und Änderung an sich wandelnde Umweltbedingungen seien Leitbilder für den „Garten der Evolution“. Erstes Projekt ist ein „Evolutionsdenkpfad“, den Wissemann gemeinsam mit dem Technischen Leiter des Gartens, Holger Laake, anlässlich des Darwin-Jahrs 2009 entwickelt hat und der bis zum Sommer fertig gestellt wird.

Die älteste Blütenpflanze

Es handelt sich dabei um eine Art Labyrinth, einen verschlungenen, von mehreren Meter hohen Bambuspflanzen gesäumten Weg, der den Besucher zu Stationen führt, an denen er mit Theorien zu Ursprung und Entwicklung des Lebens konfrontiert wird – von der christlichen Schöpfungslehre über Naturphilosophien bis zu Darwins Konzept von der Evolution. In Anlehnung an Darwins Sand Path in Down House, auf dem er während vieler Wanderungen seine Ideen entwickelte, sollen die Besucher nicht nur Informationen über Weltanschauungen und wissenschaftliche Erkenntnisse bekommen, sondern animiert werden, selbst Antworten auf Existenzfragen zu finden.

Zudem wird eines der Gewächshäuser zum „Evolutionshaus“ umgestaltet, wo sich Besucher mit Ursprüngen und Diversifizierungen im Pflanzenreich sozusagen am lebendigen Objekt vertraut machen können. Zu sehen sein sollen dort unter anderem Exemplare der Gattung Amborella, der ältesten Blütenpflanze, die vermutlich schon vor mehr als 130 Millionen Jahren entstand. Aber auch heimische Pflanzen mit Wurzeln in Urzeiten, wie Moose und Farne, sollen in der Ausstellung Anpassungs- und Fortentwicklungsstrategien veranschaulichen.

Der botanische Garten der Universität Gießen, Senckenbergstraße, ist bis 20. Oktober täglich geöffnet. Die Gewächshäuser können vom 15. Mai bis 15. September besichtigt werden.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen