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Bombensprengung in München „Hätte schlimmer kommen können“

 ·  Nach der Detonation der Bombe in München können viele Schwabinger noch nicht in ihre Wohnungen zurück. Nur für Katzen und Medikamente wird eine Ausnahme gemacht.

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© dapd Flieg, Vogel, flieg: Die zerborstene Scheibe eines Ladens nach der Detonation.

Das Bier muss fließen, Bombe hin oder her. Und so darf der Transporter der Brauerei das rot-weiße Flatterband der Polizeiabsperrung ein wenig überfahren, um beim „Pepe Nero“ an der Feilitzschstraße in Schwabing den Nachschub auszuliefern. Sonst darf nur hinein, wer dort wohnt, und auch das nur bis zu einer bestimmten Hausnummer, weil in diesem Straßenteil die Statiker schon die Gebäude freigegeben haben.

So fasst ein junger Mann sein neugeborenes Kind auf dem Arm noch ein wenig fester, als er das Flatterband hebt und sich bückt, um durch die Absperrung zu gelangen. Seine Frau, die er gerade aus der Klinik abgeholt hat, folgt ihm, die Winkeltasche über der Schulter. Beide mussten sich vorher bei der Polizei ausweisen, die in Listen überprüft, ob sie auch wirklich dort gemeldet sind. Zwei Mannschaftswagen der Polizei verschaffen dem Flatterband Nachdruck. Hinter den Fahrzeugen liegt die Straße verlassen in der Sonne. Nur ein älteres Paar mit Einkaufstüten wird von einem Polizisten zur Wohnungstür begleitet. Niemand in den Straßencafes, niemand vor den Boutiquen, niemand bei McDonald’s.

Damit sich das schnell wieder ändert, heißt es am Tag nach der Bombendetonation für viele Schwabinger: Schlüssel abgeben! Nur wenn die Statiker so schnell wie möglich in die Wohnungen im „Gefahrenbereich“ um die Feilitzschstraße gelangen, können sie diese auch wieder für die Bewohner freigeben. So stehen Dutzende Anwohner vor einem der vielen Einsatzwagen der Feuerwehr an der Münchner Freiheit, um ihre Haustürschlüssel dort abzugeben. Gleich daneben können Schäden gemeldet werden, die sich zum Glück in Grenzen halten.

„Das Schlimmste sind eingedrückte Fensterscheiben und Türen, auch ist an manchen Wänden der Putz von den Wänden gekommen“, sagt der Abschnittsleiter der Feuerwehr. Ein Geschäft sei vollkommen ausgebrannt. Auch die gläserne Eingangstür der Karstadt-Filiale an der Münchner Freiheit ist zerborsten, ein Schild verweist auf den Seiteneingang. Rund um das Geschäft liegen immer noch die grauen Sandsäcke, die so gar nicht zu der zartgelben Parfumwerbung im Schaufenster passen wollen.



Am Dienstagabend, um kurz vor 22 Uhr, war die 250 Kilogramm schwere Bombe aus dem Krieg gesprengt worden, nachdem es nicht gelungen war, sie zu entschärfen. Etwa 2500 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, kamen bei Freunden und in Hotels unter. Kilometerweit war die Explosion zu hören. Dann fingen ein paar Dachstühle Feuer. Strohballen, die als Dämmstoff verwendet wurden, hatten sich entzündet. Einige Wände neben der Baugrube, in der die Bombe am Montag gefunden worden war, sind rußgeschwärzt. Die Feuerwehr teilt mit, Stroh werde oft bei Sprengungen eingesetzt. Es dämme sehr gut und könne schnell in großen Mengen bereitgestellt werden.

Ein findiger Anwohner ist gar nicht am Ort des Geschehens, sondern hat erst einmal den Glaser geschickt, der nun von der Einsatzleitung wissen will, wie er zu der Wohnung kommt. Gar nicht. Denn wo die Statiker noch nicht waren, gilt die Regel: Nur Katzen und Medikamente! Ein Mann bekommt einen Helm und wird von einem Feuerwehrmann zur Wohnung neben der Explosions-Stätte geführt, um zwei Katzen aus der Wohnung zu retten. Ein anderer Bewohner darf behütet und begleitet die Medizin für seine kranke Frau aus der Wohnung holen. Eine junge Frau mit Rollkoffer weiß nicht, wohin mit sich und ihrem Gepäck. „Wenn Sie nicht wissen, wohin Sie gehen sollen, dann helfen wir Ihnen weiter“, beruhigt sie der Abschnittsleiter.

Kontrollierte Sprengung einer Bombe: Zerstörung in Schwabing

„Meine achtzigjährige Mutter ist immer noch in der Wohnung, ich habe sie auf dem Balkon gesehen“, sagt eine andere Anwohnerin. Die alte Dame habe sich wohl der Evakuierung entzogen, ob sie nicht einfach da bleiben könne? Doch die Feuerwehr will jeden da raus haben, bevor die Statiker der Lokalbaukommission nicht ihre Arbeit getan haben. So wird am Mittwoch Haus um Haus überprüft, um die Standsicherheit zu beurteilen: Sind feine Risse im Mauerwerk zu sehen?

Der Abschnittsleiter antwortet geduldig auf all die Fragen. Er bewahrt auch die Ruhe, als eine Frau von der bevorstehenden Hochzeit ihres Sohnes erzählt, und von der Tüte, die er im Friseursalon in der Feilitzschstraße vergessen habe: „Da ist doch der ganze Hochzeitschmuck drin!“ – „Wenn Sie wissen, wo die Tüte steht, dürfen Sie mit einem Kollegen dorthin“, sagt der Abschnittsleiter, der nun schon seit rund 40 Stunden im Dienst ist.

Die Gelassenheit des Mannes beeindruckt die Menschen. Eine ältere Dame mit weißem Haar bedankt sich „im Namen meiner ganzen Familie und von ganzem Herzen“ für das Verhalten der Feuerwehr in der Nacht. Und ein Anwohner meint, im Vergleich zum Ausmaß der Bombe seien die Brandschäden nicht so dramatisch: „Es hätte schlimmer kommen können.“

Explosionsschäden sind versichert

Mieter und Hausbesitzer in Schwabing können ihre Schäden bei der Versicherung geltend machen. Die Versicherungskammer Bayern, die rund 70 Prozent der Wohngebäude im Freistaat versichert hat, begann am Mittwoch mit der Aufnahme der Schäden. Explosionsschäden am Haus seien durch die Gebäudeversicherung gedeckt, sagte eine Sprecherin in München. Für Schäden in der Wohnung sei die Hausratversicherung zuständig. Die Allianz-Versicherung teilte mit, dass sie bei Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg grundsätzlich zahlt. Bei der Sachversicherung sei immer der Neuwert versichert – auch für ein 20 Jahre altes Dach werde also ein neues Dach bezahlt, ohne Abzüge für Wertminderung. (dpa)

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Jahrgang 1969, Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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